Eine Sondierung

Wal am Kreuz: Satire, Ersatzreligion oder Persiflage des Christentums?

Veröffentlicht am 18.07.2026 um 00:01 Uhr – Von Jan-Heiner Tück – Lesedauer: 
Wal am Kreuz: Satire, Ersatzreligion oder Persiflage des Christentums?
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Wien ‐ Die Kreuzigung eines Wals in einem Hamburger Theaterstück sorgt für Diskussionen. Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück fragt, was hinter der Provokation steckt – und wo die Kunst Grenzen hat.

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Der Buckelwal Timmy ist in einem Theaterstück am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater ans Kreuz geschlagen worden. Die einen feiern das Stück "TIMMY: Die Hope stirbt zuletzt" als innovative Theaterkunst, die die ungewöhnliche Empathie mit dem gestrandeten Wal gezielt aufs Korn nimmt, andere sehen darin eine kalkulierte Grenzüberschreitung, die das zentrale Symbol des Christentums persifliert. Der Vorwurf der Blasphemie steht im Raum.

Der Regisseur Alexander Klessinger selbst bezeichnet das Stück ausdrücklich als "moderne Passionsgeschichte" und als "Messe für Timmy". Er sagt, der Wal Timmy sei zu einer "Art Heilsfigur" stilisiert worden, Millionen von Zeitgenossen hätten ihre Sehnsucht nach Sinn, ihre Hoffnung auf Erlösung auf das Tier projiziert.

Jan-Heiner Tück ist Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Wien.
Bild: ©Privat

Der Autor: Jan-Heiner Tück ist Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Wien. 2023 erschien sein Buch "Crux. Über die Anstößigkeit des Kreuzes" in zweiter Auflage.

Tritt man einen Schritt zurück, lässt sich die Inszenierung der Kreuzigung Timmys auf mehrfache Weise lesen. Erstens als Satire auf den Medienhype. Das Theaterstück spiegelt die enorme emotionale Aufladung des Wal-Dramas. Wenn Timmy als Opfer am Kreuz präsentiert wird, ist das Satire, die aufdeckt, wie der unter Artenschutz stehende Buckelwal zum Symbol der bedrohten Natur stilisiert wird, die durch die Ausbeutung malträtiert wird. Die Kreuzigung exponiert die Qual des Wales, macht aber auch deutlich, dass die spektakuläre Rettungsaktion, die zwei Millionen Euro gekostet hat, am Ende gescheitert ist.

Kritik an säkularen Erlösungssehnsüchten

Zweitens lässt sich im Stück eine Kritik an säkularen Erlösungssehnsüchten ausmachen. Die Inszenierung fragt, ob moderne Gesellschaften neue "Heilsfiguren" brauchen und darum auch kreieren, wenn traditionelle religiöse Bindungen schwächer werden. "Wer nicht an Gott glaubt, glaubt nicht an nichts, sondern an alles", soll Chesterton einmal notiert haben. Am Ende richtet sich der Ersatzglaube der Nicht- und Halbgläubigen selbst auf einen Buckelwal, der durch ein schwimmendes Becken in den Atlantik zurückgeführt werden soll. Das Tier wird zur Projektionsfläche für das Eingeständnis der Mitschuld an der ökologischen Krise, für die Hoffnung auf Rettung der Erde durch klimaneutrales Verhalten und die Stärkung der Gemeinschaft durch ein Plus an Achtsamkeit. Das Symbol des Kreuzes dient hier als Spiegel dieser Mechanismen.

Drittens ist das Stück aber auch eine gezielte Provokation gegenüber dem Christentum. Es tritt ein Priester auf, der im weißen Ornat eine "heilige Messe für Timmy" liest, das Tier liegt auf dem Altar, liturgische Sprache wird verfremdet, wenn die Auferstehung des Wals mit "Walleluja"-Rufen begrüßt wird. Ohne die Aufnahme und Verfremdung christlicher Motive funktioniert das Stück offensichtlich nicht. Ein Kritiker des NDR schrieb ausdrücklich, die Aufführung sei "nichts für religiöse Gemüter" und das Christentum komme darin schlecht weg.

Nun arbeitet Gegenwartskunst immer wieder mit der Verfremdung religiöser Symbole, teils um Kritik an religiösen Lehren oder fragwürdigen Praktiken zu üben. Das, was anderen heilig ist, zu karikieren, kann aufdecken, dass im Namen des Heiligen Unheiliges geschieht und Unmenschliches gerechtfertigt wird. Bis heute. Zugleich ist die künstlerische Strategie, religiöse Symbole durch den Kakao zu ziehen, ein Manöver der Aufmerksamkeitssteigerung. Persiflage von christlicher Religion ist nicht automatisch schon gute Kunst. Martin Kippenberger provozierte durch einen Frosch am Kreuz den Einspruch von Papst Benedikt XVI. – und wurde dadurch erst richtig bekannt. Im Performance-Stück "SANCTA" von Florentina Holzinger kopulierte eine Nonne mit dem Gekreuzigten, um die Sexualfeindlichkeit der Kirche und das repressive Machtsystem des Klerikalismus zu geißeln. Bischöflicher Protest hat "SANCTA" Rückenwind gegeben. Wie die kleiner werdende Schar der Ordensleute die auftrumpfende Geschmacklosigkeit des Stücks findet, danach wird in der ansonsten so diversitätssensiblen Szene nicht gefragt, die sich nicht zu blöd war, die Performance als innovative Avantgardekunst zu feiern.

Freiheit der Kunst in Verantwortung

Dabei ist klar: Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut, keiner will ein Zurück zur Zensur von Kunst und freier Meinungsäußerung. Auch gläubige Menschen verteidigen die Freiheit, weil sie wissen, dass ohne Freiheit auch der Glaube nicht gelebt werden kann. Sie verteidigen damit auch die Freiheit, nicht zu glauben. Gerade deshalb sind Christen gut beraten, nicht jede religiöse Provokation in Kunst und Kultur erregt zurückzuweisen – oder gar den Vorwurf der Blasphemie öffentlich zu erheben. Ein Quäntchen Ambiguitätstoleranz schadet nicht, zumal Provokationen immer dann ins Leere laufen, wenn niemand sich darüber aufregt.

Ein aufblasbarer Wal hängt an einem Kreuz.
Bild: ©picture alliance/dpa | Georg Wendt

Die Darsteller Noah Amiri Tomiak (l-r), Anna Maria Köllner und Anna Krestel stehen während der Aufführung des Theaterstücks um den gestrandeten Buckelwal "Timmy – Die Hope stirbt zuletzt" auf der Bühne im Ernst-Deutsch-Theater.

Allerdings ist die Freiheit der Kunst auch an die Verantwortung gebunden, den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. So darf die ungehemmte Provokationslust in manchen Zirkeln der Avantgardekunst befragt werden, ob sie auf dem Schirm hat, dass es auch heute Menschen gibt, für die das Heilige eine Wirklichkeit ist, die dem Spiel, dem Spott und der Satire entzogen ist. Die unbedingte Abneigung gegen alles Unbedingte mag heute für manche Akteure in Kunst und Kultur ein antidogmatisches Dogma sein. Wenn dieses Dogma in einen pathologischen Selbsthass kippt, der die religiösen Wurzeln der eigenen Kultur bespuckt, erzeugt es Abwehrreflexe.

Vor allem für die Aufmerksamkeit?

Für gläubige Christen, die nicht nur Namenschristen sind, ist mit der Kreuzigung des Wales Timmy, mit der Verballhornung der heiligen Messe im Theater eine Grenze überschritten. Das Kreuz, das an die Passion Jesu Christi erinnert, ist für sie nicht ein vages Bild für unschuldiges Leid oder ein symbolischer Platzhalter, der auf Tiere oder die geschundene Mutter Erde übertragen werden kann. Im Bedeutungskosmos des Glaubens ist klar, dass allein dem Kreuz Jesu Christi rettende und erlösende Kraft zukommt. Wenn stattdessen ein Wal zur Heilsfigur stilisiert wird und Motive der heiligen Messe persifliert werden, ist das für bekennende Christen eine Zumutung. Sollen sie die schweigend hinnehmen?

Gewiss kann Regisseur Alexander Klessinger entgegnen, dass in seinem Theaterstück ja nicht Christus verspottet, sondern die Gesellschaft kritisiert werde, die aus Timmy eine quasi-religiöse Figur gemacht habe, der Millionen Anhänger gebannt gefolgt seien. Die christliche Symbolik werde nur verwendet, um diesen Mechanismus der kollektiven Erregung und des Mitgefühls sichtbar zu machen. Das ist richtig, aber das Heilige für Theaterzwecke zu gebrauchen, ist aus biblischer Sicht eben schon Missbrauch, wie dem zweiten der Zehn Gebote zu entnehmen ist. So bleibt der Verdacht, dass das Mittel der Persiflage von Messe und Kreuz im Theaterstück "TIMMY: Die Hope stirbt zuletzt" eben doch vor allem als Instrument der Aufmerksamkeitssteigerung verwendet wurde, weil bessere Einfälle fehlten.

Von Jan-Heiner Tück