Vor vier Jahren feiert Familie Y. noch unbeschwert mit einem schön geschmückten Weihnachtsbaum das Fest. Doch zwei Monate später bricht die Welt der syrischen Christen zusammen, die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) attackiert ihre Heimatstadt Shadada. Der Angriff markiert den Ausgangspunkt einer Odyssee, die Kamelia Y. und ihre vier Kinder über den Libanon in ein abgeschiedenes Kloster in Baden-Württemberg führt. Erstmals seit vier Jahren wollen die Mutter, ihre zwei Töchter und zwei Söhne in diesem Jahr wieder richtig feiern. Danach war ihnen bislang nie zumute, denn einer fehlt - der Vater der Familie. Er geriet im Herbst 2014 noch in Syrien auf dem Weg zum Bäcker in eine Schießerei verfeindeter Milizen und wurde tödlich getroffen.
Die Familie floh in den Libanon, wo sie kaum überleben konnte. Vermittelt durch den Zentralrat orientalischer Christen kam der Kontakt zu dem Sonderprogramm zustande, das Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ins Leben gerufen hat. Darüber kamen rund 1.000 vom IS misshandelte Frauen und Kinder in den deutschen Südwesten, vor allem Jesidinnen aus dem Nordirak. Aber auch 50 christliche Frauen und Kinder fanden einen sicheren Hafen, darunter die Erzieherin Kamelia Y. mit den heute 9, 16, 17 und 18 Jahre alten Kindern. Ihr genauer Aufenthaltsort wird wegen möglicher Gefährdung durch den IS nicht bekanntgegeben.
"Ich kann nicht mehr weinen"
Ziel des Hilfsprogramms ist, besonders traumatisierten Frauen die Möglichkeit zu geben, zur Ruhe zu kommen, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen und ein neues Leben aufzubauen. Auch die syrische Familie erfüllt die Kriterien. Doch sie ist noch nicht so weit, über das ihr zugefügte Leid zu sprechen. Auf furchtbare Erlebnisse lässt nur der Satz der ältesten Tochter Marina schließen: "Ich kann nicht mehr weinen." Indes hat die junge Frau für ihre Zukunft bereits Pläne, etwa den Führerschein zu machen. Eine Ausbildung als Friseurin oder Apothekenhelferin schwebt ihr vor. Die 18-Jährige fühlt sich wohl in Deutschland - wie "neu geboren".
Linktipp: Shrehans neues Zuhause
Ein Bett, ein Schrank, ein eigenes Zimmer: Im Kloster Helfta bei Eisleben leben seit drei Wochen 48 syrische Flüchtlinge - unter ihnen die 20-jährige Shrehan und ihre Familie. Hier finden sie Ruhe und bereiten sich auf ihr Leben in Deutschland vor. (Artikel von Dezember 2015)
Zum ArtikelEin neues Programm des Landes Brandenburg soll ebenfalls 500 verfolgten Jesiden und Jesidinnen Schutz in Deutschland bieten. Familie Y., die der assyrischen apostolischen Glaubensgemeinschaft angehört, und Paulus Kurt vom Zentralrat der orientalischen Christen lesen die Nachrichten mit gemischten Gefühlen. Sie meinen, dass die Weltöffentlichkeit die Leiden der Christen in Syrien und Irak nicht genügend in den Blick nimmt. Kamelia Y. sagt: "Die Christen haben genauso zu leiden wie die Jesiden, deshalb verstehe ich nicht, dass die deutsche Regierung ihnen nicht im gleichen Maße hilft." Auch für den Religionswissenschaftler Michael Blume ist die Lage beider Gruppen gleich fatal: "Der IS will das Christentum und den jesidischen Glauben in den von ihm eroberten Gebieten auslöschen."
Jeder zehnte Syrer war vor Ausbruch des Krieges christlich. Der vom Westen heute als skrupelloser Machthaber kritisierte Präsident Baschar al-Assad, selbst ein Alevit, sei äußerst tolerant mit religiösen Minderheiten umgegangen, erzählt Paulus Kurt vom Zentralrat. Deshalb ist von den Flüchtlingen kein böses Wort über den Staatschef zu hören. Der für sie zuständige syrisch-orthodoxe Priester Issa Gharib sagt: "Assad war für uns 1.000 Mal besser als der IS oder die Al-Nusra-Front." Christliche Schulen und Universitäten seien von der Regierung unterstützt worden. Klöster hätten Strom und Wasser gratis erhalten.
Flüchtlinge mit offenen Armen und Herzen empfangen
Religiöse Intoleranz ist den schwäbischen Nonnen fremd, die in ihrem Kloster derzeit sowohl Jesiden als auch Christen beherbergen, insgesamt 20 Frauen und Kinder. Sie haben sich von Papst Franziskus' Appell leiten lassen, dass jedes Pfarrhaus eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen soll. Am 6. Oktober 2015 standen sie mit offenen Armen und Herzen am Stuttgarter Flughafen, um Familie Y. in Empfang zu nehmen. "Die Betreuung der Flüchtlinge ist auch eine Bereicherung für uns", betont Schwester P.. Die Flüchtlinge hauchen den langen Fluren des unter Nachwuchsmangel leidenden Ordens Leben ein. Wo einstmals Schwestern ihr bescheidenes Leben führten, hat Familie Y. jetzt ihr kleines Reich.
Dort freuen sich die Mutter und die beiden älteren Töchter über jeden Besuch, den sie fürstlich bewirten können. Für ihren Priester, die Nonnen und Freunde bereiten sie ein Festmahl zu. Die mit Nüssen, Rosinen und Leber gestopfte Pute, der mit Mandeln und Auberginen verfeinerte Reis und die gefüllten Weinblätter schmecken nach der Tradition, die sie vor Jahren so unbeschwert genießen konnten. Wie kann der Glauben bestehen bleiben, wenn menschenverachtender Terror das Leben in seinen Grundfesten erschüttert? Kamelia Y. räumt kleine Momente der Zweifelns ein. Doch der Glaube ihrer Tochter Marina hat sich durch die Fährnisse der vergangenen Jahre gefestigt. Sie sagt: "Es ist ein Wunder, dass wir hierher kommen konnten, ohne den Glauben wäre das nie passiert." Als Zeichen ihrer Überzeugung hat sich die zierliche junge Frau mit rötlich-brauner Mähne am Handgelenk ein kleines Kreuz tätowieren lassen.
Christliche Flüchtlinge berichten von abschätzigen Bemerkungen muslimischer Flüchtlinge über das Weihnachtsfest. (Symbolbild)
Auch wenn die Familie die eigenen vier Wände zuweilen vermisst, ist sie froh, dass sie nicht in einer Sammelunterkunft untergekommen ist. Christen und insbesondere Christinnen sind dort nach den Worten von Paulus Kurt Belästigungen durch Muslime ausgesetzt. "Sie werden gemobbt, belästigt, geschlagen, die Frauen dürfen nicht mal eine Kette mit Kreuz tragen", erzählt er. Deshalb sollten die Christen in größeren Gruppen oder ganz getrennt von Muslimen untergebracht werden. Blume, beim Staatsministerium zuständig für das Sonderkontingent, bestätigt, dass es religiöse Minderheiten wie Christen und Jesiden unter muslimischen Asylbewerbern nicht leicht haben.
Abschätzige Bemerkungen über Weihnachten
Das erlebt auch Familie Y. - gerade vor Weihnachten. Die muslimische Nachbarin im Deutschkurs habe bereits abschätzige Bemerkungen über das Weihnachtsfest gemacht, erzählt Kamelia Y. in ihrer Muttersprache Aramäisch. Ihre Tochter Marina zeigt ein in arabischer Sprache kommentiertes Bild aus dem Internet: Darauf ist ein geschmückter Weihnachtsbaum auf einem Stoppschild zu sehen. Das erinnert sie an den unerklärlichen Hass der Muslime auf Christen in Syrien, sogar von Menschen mit denen man jahrelang Seite an Seite friedlich zusammenlebte. Das sei in Deutschland ganz anders, sagt Marina: "Anders als in Syrien respektiert man hier den Menschen, wie er ist, nicht nach seiner Religion."
Zurück in die Heimat möchte die Familie nicht. Das hat sie mit den anderen Schutzsuchenden des Sonderkontingents gemeinsam, von denen laut Blume bislang nur unter ein Prozent wieder zurückkehren wollen. Marina schränkt rasch ein: "Ich würde nur noch einmal gerne das Grab meines Vaters besuchen."
Themenseite: Auf der Flucht
Die Flüchtlingskrise fordert Staat, Gesellschaft und Kirchen mit ganzer Kraft heraus. Auch die katholische Kirche in Deutschland engagiert sich umfangreich in der Flüchtlingsarbeit. Weitere Informationen dazu auf der Themenseite "Auf der Flucht".
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