Teil 1: Walter Brüggemann über seine Gedanken auf dem Weg ins Kinderdorf

"Meine Reise nach Cañete"

Veröffentlicht am 13.08.2014 um 00:00 Uhr – Lesedauer: 6 MINUTEN
"Meine Reise nach Cañete"
Bild: © Privat
Peru-Blog

Cañete ‐ Walter Brüggemann hat sein bisheriges Leben hinter sich gelassen. Der langjährige Investment-Manager ist mit 54 Jahren als Entwicklungshelfer nach Peru gegangen. Wie es dazu kam, erzählte er bereits im Porträt "Ich packe meine Koffer". Doch jetzt die Geschichte weiter. Im ersten Teil seines Peru-Blogs auf katholisch.de berichtet er von seiner Reise in das Kinderdorf, in dem er ein Jahr lang leben und arbeiten wird:

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Nun sitze ich also im Flugzeug und schaue aus dem Fenster auf die immer kleiner werdende Stadt Cusco, die mitten in den peruanischen Anden liegt. Die Zeit hier war sehr schön und ich habe einige Freunde gefunden, mit denen ich nicht nur viele Sehenswürdigkeiten besichtigt habe - unter anderem die berühmte Inka-Stadt Machu Picchu –, sondern die mich auch in ihr Leben und ihre Familien integriert haben. Jetzt geht es weiter nach Lima, von wo aus ich mit dem Überlandbus zu meinem Ziel, dem Kinderdorf "Casa Santa Rosa", in der kleinen Küstenstadt Cañete, reisen werde.

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Der ehemalige Investment-Manager Walter Brüggemann berichtet für katholisch.de regelmäßig von seiner Arbeit als Entwicklungshelfer in Peru.

Ich lasse meine Gedanken zurückschweifen und versuche, mich gleichzeitig geistig auf "das Neue" einzustellen. Ich hoffe, die Zeit in Cusco hat gereicht, um mich sprachlich auf meinen Einsatz als freiwilliger Helfer (Voluntario) - vorzubereiten. Sind meine Spanischkenntnisse wirklich schon ausreichend, um meine Aufgaben als Projektkoordinator erfüllen zu können? Werde ich in der Lage sein, mich mit den Kindern - die meist sehr schnell und mit eigenem Dialekt sprechen - zu verständigen?

Bereits Erfahrungen in Kinderdorf gesammelt

Wie wird wohl das vor mir liegende Jahr in der "Casa Santa Rosa" sein? Gut, ich hatte das Kinderdorf bereits einmal vor meiner Reise nach Cusco für drei Tage besucht und dort gewohnt. Auch meine Reise mit einer Gruppe von Pateneltern im letzten Jahr in die Kinderdörfer von "Nuestros Pequeños Hermanos" nach Nicaragua und Honduras haben mir einen Einblick und ein Gefühl für das Leben in einem Kinderdorf gegeben. Von daher muss ich mir eigentlich keine Sorgen machen - ich weiß, was mich erwartet…

Trotzdem! Wie werden mich wohl die anderen fünf Voluntarios aufnehmen, die alle mindestens 25 Jahre jünger sind als ich? Ich habe für jeden ein kleines Begrüßungsgeschenk dabei. Ich werde mich offen zeigen - was ich ohnehin bin - und versuchen, mich von Anfang an in die Gruppe zu integrieren. Ich denke, dabei werden mir sicher die sechs Jahre helfen, die ich als Jugendlicher im Internat verbracht habe.

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Noch ein letzte Blick aus dem Fenster. Dann geht es mit dem Flieger weiter von Cusco nach Lima.

Ich habe mir vorgenommen, erst einmal im Kinderdorf "anzukommen". Das heißt, ich möchte in den ersten Wochen das Leben vor Ort verstehen lernen, indem ich die Menschen dort beobachte und kennenlerne. Allen voran den Leiter des Kinderdorfes, Nationaldirektor Alfredo, aber auch die anderen Verantwortlichen und Helfer - insbesondere die Hauseltern, Tias (Tanten) und Tios (Onkel) genannt - und natürlich die Kinder selbst. Außerdem möchte ich mich mit den anderen Voluntarios austauschen. So werde ich am meisten über die Hierarchie und die Kommunikationsstrukturen lernen, die für meine zukünftige Arbeit wichtig sind.

Ich möchte für die Kinder ein guter "amigo" werden

Im zweiten Schritt habe ich mir dann vorgenommen, mein Bestes in diesem Jahr zu geben und meine Funktionen als Projektkoordinator und Koordinator des "MyGoodShop" so gut wie möglich zu erfüllen. Daneben möchte ich aber vor allem für die Kinder ein guter "amigo" werden. Ob mir das wohl gelingen wird?

Ein Jahr ist lang. Wie verhindere ich, dass das Leben im Kinderdorf für mich zu einseitig wird? Wie schaffe ich es, Abstand zu gewinnen, um das Erlebte zu verarbeiten? Ich werde täglich eng mit den Kindern zusammenleben. Die schweren Schicksale einzelner Jungen und Mädchen gehen sicher nicht spurlos an mir vorbei…

"MyGoodShop"

Der "MyGoodShop" wurde von "Nuestros Pequeños Hermanos" eingerichtet, damit Spendenwillige mit ihrem Geld direkt und zielgerichtet helfen können. Das heißt, sie können sich im Online-Shop aussuchen, ob sie konkret für Kleidungsstücke, Essen oder andere, in den Kinderdörfern benötigte Dinge, spenden möchten.

Sicherlich werde ich meine verlängerten freien Wochenenden - alle zwei Wochen von Donnerstagnachmittag bis Montagmorgen - dafür nutzen, um mir Sehenswürdigkeiten in der Region um Cañete anzuschauen und Freunde in Lima und Cusco zu besuchen. Diese Touren geben mir dann hoffentlich die Gelegenheit, das Erlebte "von außen" zu verarbeiten.

Das Jahr ist aber auch lang in Bezug auf meine Familie und meine Freunde in Deutschland. Wie werden sich meine Söhne in dem Jahr weiter entwickeln? Wie wird das Verhältnis zu mir, ihrem Vater dann sein? Werden mich meine Freunde noch kennen? Nun, sicherlich werde ich zu allen Kontakt halten. Mit den heutigen Kommunikationsmitteln ist das kein Problem.

Auf Hilfsmöglichkeiten für die Kinder Lateinamerikas aufmerksam machen

Auch möchte ich für "Nuestros Pequeños Hermanos" versuchen, mein in über zwanzig Berufsjahren aufgebautes berufliches und auch mein privates Netzwerk zu nutzen, um über die gute Arbeit der Hilfsorganisation zu informieren und auf die Möglichkeiten der Hilfe für die Kinder Lateinamerikas aufmerksam zu machen.

Mit meinen Fragen und Erwartungen "im Koffer" steige ich nun vom Flugzeug in den Bus. Ich werde in den nächsten Beiträgen darüber berichten, wie ich im Kinderdorf "ankomme", was ich dort erlebe und wie es mir persönlich ergeht.

Von Walter Brüggemann

Die Hilfsorganisation

Die Hilfsorganisation Nuestros Pequeños Hermanos (Unsere kleinen Brüder und Schwestern) wurde 1954 in Mexiko vom US-amerikanischen katholischen Priester William Wasson gegründet. Das Kinderhilfswerk unterhält Waisenhäuser in mehreren Staaten Lateinamerikas und der Karibik und wird unter anderem vom katholischen Kindermissionswerk "Die Sternsinger" unterstützt.

Das Porträt

Was bedeutet es, in der Mitte seines Lebens Beruf, Freunde und Familie hinter sich zu lassen und in ein großes Abenteuer am anderen Ende der Welt zu starten? Der langjährige Manager Walter Brüggemann hat es getan und ist als Entwicklungshelfer nach Peru gegangen.