Büromensch auf dem Acker

Nach dem herzlichen Empfang im Kinderdorf war ich gespannt, was mich in meiner ersten Arbeitswoche erwarten würde. Die Voluntarios haben hier ganz normale Arbeitszeiten: Für einen freiwilligen Helfer beginnt der Arbeitstag morgens um acht und endet um 18 Uhr, mit einer Stunde Mittagspause dazwischen. Am Abend unterstützen wir dann die Tios und Tias bei der Betreuung der Kinder in den Wohnhäusern. Wir helfen bei den Hausaufgaben, spielen und unterhalten uns mit den Kindern, bis es um 19 Uhr Abendessen gibt.

Das Tischgebet machen die Kinder ganz selbstvertändlich mit - ohne Murren.
Winter im August
Unter der Woche sind immer einige Jungen und Mädchen dafür zuständig, das Essen aus der Gemeinschaftsküche zu holen und in ihre Häuser zu bringen. Am Wochenende essen alle entweder im Comedor, dem Speisesaal, oder bei schönem Wetter auch draußen. Das Wetter ist hier viel stabiler als in Deutschland. August ist der kälteste Monat, denn hier ist gerade Winter. Trotzdem haben wir milde Temperaturen von etwa 19 Grad, auch wenn die Sonne nur selten scheint. Nachts wird es empfindlich kühl und ein warmer Schlafanzug tut Gutes.
Bevor das Essen ausgegeben wird, spricht jemand das Tischgebet . Das kann einer der Tios oder Tias sein, aber auch eines der Kinder. Für alle ist es eine Selbstverständlichkeit, die vom Jüngsten bis zu den Ältesten jeden einschließt und die die Kinder ohne zu murren mitmachen. Nach dem Essen übernimmt der an diesem Tag dafür Verantwortliche auch die Danksagung an Gott. Danach werden organisatorische Dinge besprochen.
Englischstunden und Kindergeburtstage
Nach dem Abendessen bleibt der Voluntario entweder noch bei den Kindern im Haus oder nimmt an Abendaktivitäten teil. Mein Zimmernachbar Kiran gibt interessierten Kindern zweimal in der Woche eine Englischstunde, die - wenn sie gut mitgemacht haben - hin und wieder mit einem Film im englischen Original und spanischen Untertiteln endet. Ich habe Kiran diese Woche zu seinem Unterricht begleitet und ihm vorher geholfen, einen großen Suppentopf mit Popcorn zu füllen, den wir beide in unserer Küche im Voluntario-Haus vorbereitet hatten.
Kontakt zu Walter Brüggemann
Haben Sie Fragen oder Anmerkungen? Wenn Sie Walter Brüggemann schreiben möchten, erreichen Sie ihn unter brueggemann.walter@icloud.comEine sehr schöne Aufgabe der Freiwilligen ist, die Kindergeburtstage zu organisieren. Wir kaufen zu jedem Geburtstag in der Stadt einen Schokoladenkuchen und versehen wir ihn am Abend gemeinsam mit dem Geburtstagskind und seinen Mitbewohnern mit einer Kerze. Dann gibt es ein Geburtstagsständchen und es wird ein bisschen gefeiert. Für die Kinder, die in sehr armen Verhältnissen aufgewachsen sind, ist das nicht selbstverständlich. Einige kennen ihren Geburtstag noch nicht einmal, wenn sie ins Kinderdorf kommen. Der einfache Kuchen und die kleinen Gesten sind für sie etwas ganz Besonderes.
Gemüse für die Dorfbewohner
Ein Projekt, an dem mit den Kindern seit Längerem gearbeitet wird - speziell für einige Stunden am Wochenende - ist die Aufbereitung eines Teils des zum Kinderdorf gehörenden Campo (Land). Dort sollen später einmal Obstbäume und verschiedene Gemüsesorten angebaut werden. Eine amerikanische Stiftung, die auf solche Projekte spezialisiert ist, hat dem Kinderdorf bereits mit einer Spende zur Anpflanzung erster Mandarinen-, Apfel-, Zitronen-, Feigen-, Bananen- und Papaya-Bäume verholfen, die inzwischen unter professioneller Anleitung und dank der entsprechenden Pflege der kleinen Nachwuchsgärtner gut gedeihen.

Schokotorte mit Kerze zum Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!
Langfristig sollen sich die Bewohner des Kinderdorfes selbst mit Obst und Gemüse versorgen. Wenn man berücksichtigt, wie viele Menschen hier leben, kann man sich ausrechnen, das einige Kilogramm pro Woche - beziehungsweise Zentner im Jahr - benötigt werden. Mit diesem Pflanzungsprojekt können also viele Kosten eingespart werden. Und auch der Nachhaltigkeitsaspekt spielt eine wichtige Rolle: Die Kinder lernen mit ihrer Umwelt und der Natur umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und zu wirtschaften.
Schweißperlen und Blasen an den Händen
Eine tolles Projekt, bei dem ich gerne mitmache. Und so hieß es dann auch für mich am Samstagmorgen "in die Hände spucken" und mit den Kindern und anderen Helfern raus auf den Campo, um dort die Flächen für die späteren Anpflanzungen vorzubereiten. Gerade für mich als Büromenschen dauerte es nicht lange, bis die Schweißperlen liefen und sich erste Blasen an den Händen bildeten - mal eine ganz neue Erfahrung.
Ich bin gespannt, wie es mit diesem Projekt weitergeht und welche anderen Aufgaben noch auf mich warten. In meinen nächsten Beiträgen werde ich darüber berichten und natürlich von meinen besonderen Erlebnissen mit den Kindern aus der Casa Rosa .
Von Walter Brüggemann