Thomas Winkel über Retter und Schlepper im Mittelmeer

Das Dilemma im Mittelmeer

Schachfigur
Bild: Fotolia.com/Roma

Bella Italia, eines der Lieblings-Urlaubsziele der Deutschen, hat in dieser Woche eine Verschärfung seiner Flüchtlingspolitik eingeläutet. Der Stiefel im Mittelmeer fühlt sich von seinen europäischen Partnern im Stich gelassen. Völlig zu Recht. Aber Rom und die Zuschauer aus Brüssel, Berlin und Budapest tragen den Kurswechsel auf dem Rücken der Schwächsten aus: der Flüchtlinge.

Allein in diesem Jahr sind rund 2.400 Männer, Frauen und Kinder bei der riskanten Fahrt über ihr Meer der Hoffnung ertrunken. Das hat ehrenamtliche Retter auf den Plan gerufen, die in bester Absicht in See stechen und schon bald als Helfershelfer der Schlepperbanden beschimpft wurden. Auch der keineswegs fremdenfeindliche "Spiegel" spricht hier von einer Art moralischem Dilemma.

Das Wichtigste: Menschen in Not, in Seenot haben Anspruch auf Rettung und Beistand. Alles andere wäre unterlassene Hilfeleistung. Das muss auch der italienischen Justiz klar sein, die in diesen Tagen auch einen katholischen Priester ins Visier genommen hat. Sie ermittelt gegen den aus Eritrea stammenden Pater Mussie Zerai wegen Beihilfe zu illegaler Einwanderung. Der Ordensmann, der sich seit Jahrzehnten für Flüchtlinge in Seenot ins Zeug legt, kontert: Er helfe lediglich Menschen, die vor Krieg und Gewalt auf der Flucht seien. Das sei seine Aufgabe und kein Verbrechen.

Allerdings muss auch die Frage erlaubt sein, ob kreuzende Rettungsschiffe eine Sogwirkung ausüben. Der Münchner Soziologe Armin Nassehi meint: "Die nichtstaatliche Seenothilfe wird zu etwas, mit dem Flüchtlinge und womöglich auch Schleuser rechnen." Trägt also die begründete Aussicht auf Rettung am Ende dazu bei, dass sich Menschen zu horrenden Preisen auf schwankende Boote wagen? Wobei diese Frage bei Nothilfe auf hoher See selbstverständlich keine Rolle spielen darf.

Natürlich ist eine Debatte um das Verhältnis skrupelloser Schlepper und hoch motivierter Seenotretter wichtig. Aber: Hauptgrund für eine Flucht ist die miese Lage im Heimatland. Für noch wichtiger halte ich es daher, das Leben dort zu verbessern. Jeder kann dabei mitziehen – etwa durch den Kauf von fair gehandelten Klamotten, Kakao oder Kaffee, wovon die Menschen vor Ort direkt profitieren. Nur ein Tropfen im Ozean, der natürlich nicht reicht. Gefragt ist auch die Politik: Sie muss gerechten Handel vorantreiben, Kriege und Korruption stärker bekämpfen. Das Bewusstsein, dass Gerechtigkeit der Schlüssel ist, darf nicht untergehen – auch wenn das einen langen Atem erfordert.

Thomas Winkel

Der Autor

Thomas Winkel ist Chef vom Dienst der Katholischen Nachrichten-Agentur in Bonn.

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