Wie eine jahrunderte alte Prozession im thüringischen Eichsfeld sogar die DDR überlebte

Palmsonntag statt Karfreitag

Mehrere Männer tragen eine Jesus-Figur durch die Straßen einer Stadt
Bild: Gregor Mühlhaus

Noch heute erinnert sich die 51-Jährige, wie aufgeregt sie damals, vor 40 Jahren, war: "Allein die Hinfahrt war schon spektakulär. Regelrechte Menschenmassen strömten mit dem Zug in die Stadt. So etwas hatte ich vorher noch nie gesehen", erinnert sich Mathilde Eckart.

Was für sie als kleines Mädchen damals zu DDR Zeiten ein absolutes Highlight war, begeistert auch heute noch Gläubige von nah und fern. "Wallfahrten gehören schon immer zum Brauchtum des Eichsfelds", erklärt Eckart. Und die größte und bekannteste sei eben die in Heiligenstadt .

Mehrere Männer tragen eine Jesus-Figur durch die Straßen einer Stadt
Bild: © Gregor Mühlhaus

Hat eine jahrhundertealte Tradition: Die Prozession am Palmsonntag im Thüringischen Heiligenstadt.

Große Prozession auch zu DDR-Zeiten

Das Eichsfeld ist ein katholisch geprägtes Gebiet, das vom Südosten Niedersachsens bis in den Nordwesten Thüringens reicht. Die Zahl der regelmäßigen Kirchgänger liegt hier über dem Bundesdurchschnitt. "Das Obereichsfeld war die Gegend mit dem größten katholischen Bevölkerungsanteil in der DDR", erinnert sich Mathilde Eckart. Und so war es dort auch während der deutsch-deutschen Teilung möglich, die jahrhundertealte Tradition der Heiligenstädter Wallfahrt aufrecht zu erhalten – alles andere als eine Selbstverständlichkeit unter der Herrschaft des kirchenkritischen politischen Regimes.

Doch was macht diese Prozession so besonders? Mathilde Eckart weiß es aus eigener Erfahrung: "Zum einen ist es die einzigartige Darstellungsform. In überdimensionalen Figuren wird der Leidesweg Jesu Christi gezeigt". Der Prozessionszug durch die Heiligenstädter Innenstadt gliedert sich in sechs Bilder, die an das Leiden und Sterben Jesu Christi erinnern. "Die erste Station ist eine Statur von Christus mit einem Kelch in der Hand. Dieses Bild steht für den Gründonnerstag", weiß Eckart. "Besonders als Kind hat mich das beeindruckt, wie diese riesigen Figuren durch die ganze Stadt getragen wurden."

Im Jahr 1734 von Karfreitag auf Palmsonntag verlegt

Die Prozession ist eine der größten und ältesten in Deutschland. Ihre Ursprünge stammen aus dem 16. Jahrhundert, als sie von Jesuiten begründet wurde. 1734 wurde die Prozession vom Karfreitag auf den Palmsonntag verlegt. Sie ist einer der wenigen religiösen Szenen-Umzüge, die bis heute weitgehend unverändert stattfinden. Und erst im vergangenen Jahr haben die Initiatoren sie sich darum beworben, dass die Prozession auf die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes gelangt.

Doch ob mit Kulturerbe-Titel oder ohne: "Die Menschen strömen von nah und fern hierher. Heiligenstadt droht an diesem Tag aus allen Nähten zu platzen", erzählt Mathilde Eckart. Bis zu 8.000 Teilnehmer und ebenso viele Zuschauer sind jedes Jahr dabei. Auch vor der politischen Wende in der DDR waren Teilnehmerzahlen von 2.000 bis 4.000 Gläubigen normal. So war und ist die Palmsonntagsprozession ein Beweis für die Lebendigkeit des christlichen Glaubens im Eichsfeld. Und auch an diesem Palmsonntag werden die ergreifenden Bildszenen Tausende Gläubige nach Thüringen locken. (mit Material von KNA und dpa)

Von Anna Eckart