Impuls von Schwester Regina Greefrath
Vermutlich kennt jeder von uns die Erfahrung, mit anderen eine Wohnung zu teilen. Eine Wohnung ist eine dauerhafte Bleibe, man richtet sie gemütlich ein, so dass sie zu einem Wohlfühlort wird. Mit den Menschen, mit denen man zusammen wohnt, teilt man nicht nur den Besitz, sondern auch das Leben. Wir Menschen brauchen die Nähe, den Kontakt zu anderen Menschen. Das gleiche gilt auch für Gott.
Augustinus hat einmal gesagt: "Die Sehnsucht Gottes ist der Mensch." Diese Sehnsucht Gottes ist sogar so groß, dass er unsere menschliche Gestalt angenommen hat, um unter uns wohnen und uns so unendlich nah sein zu können. Er hat sich in die gottfeindliche, finstere Welt hineinbegeben, um die Welt heller und uns Menschen zu Kindern Gottes zu machen, um uns Anteil an seiner Gnade zu schenken. Die Sehnsucht Gottes nach dem Menschen zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel.
Besonders deutlich wird sie in der Zusage des HERRN an das Volk Israel, dass er in seiner Mitte wohnen und sein Gott sein werde (vgl. Ex 29,45). Während der Wüstenwanderung der Israeliten war die Bundeslade ein sichtbares Zeichen der Gegenwart Gottes unter den Menschen. Gott wohnte im Offenbarungszelt, er war nicht an einen festen Ort gebunden, ließ sich nicht in starren Götzenbildern anbeten, sondern er war mit ihnen unterwegs, durch alle Höhen und Tiefen des Lebens.
Gott möchte in unserer Mitte wohnen. Hier ist nicht die Rede von einem kurzen Besuch Gottes bei uns. Gott nimmt nicht teilnahmslos von irgendwelchen himmlischen Zuschauerrängen aus an unserem Leben teil, er verschanzt sich nicht in ehrwürdigen Tempeln oder Kathedralen. Nein, Gott ist mitten unter uns, er wird einer von uns, lässt sich von uns und unserem Schicksal betreffen.
Die Beziehung Gottes zu den Menschen ist dynamisch, lebendig, auf die Zukunft hin gerichtet. Er ist in unserem Leben, in unserem Alltag, in unserem Herzen gegenwärtig. Letztlich ist die Beziehung zwischen Gott und Mensch keine einseitige Suchbewegung: Nicht nur Gott sucht den Menschen, sondern der Mensch bleibt sein Leben lang Gottsucher – bewusst oder unbewusst.
Und die Anwesenheit Gottes im Herzen des Menschen kann den Menschen so verwandeln, dass vom ihm Segen ausgeht. Menschen, die sich von Gott berühren, ja ergreifen lassen, strahlen dies aus und geben es an andere weiter, wie das Licht, das in der Finsternis leuchtet und sie erhellt. So können wir den Johannesprolog auch als Auftrag an uns verstehen, das Licht und den Zauber der Weihnacht nicht vom Alltag überdecken zu lassen, sondern weiter zu leuchten und andere anzustecken.
Evangelium nach Johannes (Joh 1,1–18)
Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.
Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.
Johannes legt Zeugnis für ihn ab und ruft: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus.
Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.
Die Autorin
Schwester Regina Greefrath CSA gehört dem Orden der Augustiner-Chorfrauen an. Sie unterrichtet am klostereigenen Gymnasium die Fächer katholische Religion und Spanisch und engagiert sich in der AG Berufungspastoral der Orden (AGBO).
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