Impuls von Schwester Birgit Stollhoff
Selten habe ich stärker an einem Evangelium gemerkt, wie sehr Corona meine Wahrnehmung verändert hat. Jesus begegnet den Jüngern im Evangelium durch verschlossene Türen. Früher waren geschlossene Türen für mich "das Zeichen" für Unfreundlichkeit, Abgrenzung und Intoleranz – also alles, was nicht christlich ist. Und jetzt? Jetzt bleiben die Türen überall zu und wenn der Eintritt erlaubt ist, dann nur mit Schutzbekleidung und Zertifikaten.
Die Begründung, warum alles zu ist – das Elternhaus, die Schulen, die Sportvereine – lautet ausgerechnet: Nächstenliebe und schützende Selbstbeschränkung. Dann ist da aber noch dieses Anhauchen und Anfassen! Haben die Jünger sich die Hände desinfiziert? Ist Jesus denn schon geimpft? Hat er einen negativen Test vorzuweisen oder gilt das alles für Auferstandene nicht mehr? Körperliche Nähe gilt nicht mehr als heilend, sondern als gefährlich.
Bei zweiten Lesen hat mich der Text noch mehr irritiert: Wenn die Türen sowieso zu sind: Wozu braucht es dann den Frieden? Es scheint doch aktuell alles geregelt und wo kein Kontakt ist, ist auch kein Streit, oder?
Im Spiegel-Feuilleton beschreibt ein Psychiater interessiert, wie erstaunlich tolerant die Menschen miteinander umgehen: Jeder macht aktuell seine "Lex Ego", seine Privatausnahmen und -überholmanöver und die Anderen bleiben erstaunlich gelassen. Freiheiten, die kleinen Übertretungen, können wir uns gut zugestehen.
Aber wie ist das mit den begrenzten Ressourcen, dem Impfstoff? Und wie mit den Privilegien? Selten wurde mir deutlicher, wie sehr unsere Gesellschaft gespalten ist – nicht nur in rechts und links, Ost und West, sondern auch in Alt und Jung. Als die Jüngeren zuhause bleiben sollten, lief das alles unter dem Begriff "Solidarität" Jetzt fordert die junge Generation von der Älteren Zurückhaltung und Selbstbeschränkung, um ihre Zukunft zu schützen – beim Impfstoff wie stärker noch beim Klima. Und da, wo die Älteren geschützt sind, wird die "Generationengerechtigkeit" gegen den Vorwurf des "Impfneides" ausgespielt?
Friede, so hat es der Priester Heinrich Spaemann definiert, ist grenzenlose Freiheit und vollkommene Geborgenheit. Und vielleicht ist es das, was wir gerade brauchen und suchen: Das Wissen, dass wir trotz verschlossener Türen und all der Regelungen frei sind, Souveräne unseres Lebens und unserer Beziehungen, dass wir aber auch die Verantwortung für uns und die Anderen tragen.
Geborgenheit bedeutet, dass wir genug Vertrauen in uns und die Gesellschaft haben, dass wir es auch mal aushalten können, wenn jemand uns oder wir Anderen, den Finger in die Wunde legen. Dahinter steht die Überzeugung, dass Ehrlichkeit und Konflikte die demokratische Gemeinschaft nicht bedrohen, sondern ein Zeichen ihrer Stärke sind
Der Heilige Geist ist ein Helfer in Krisen und in Veränderungen – wie gut, dass Jesus ihn gerade jetzt, zusammen mit dem Frieden schenkt! Wir brauchen ihn, damit aus unseren Corona-Regelungen, -Abgrenzungen und -Ängsten wieder eine solidarische Gesellschaft zusammenwächst.
Evangelium nach Johannes (Joh 20,19–23)
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.
Die Autorin
Sr. Birgit Stollhoff CJ gehört dem Orden Congregatio Jesu (auch bekannt als Mary-Ward-Schwestern) an, arbeitet im Jugendpastoralen Zentrum "Tabor" in Hannover, studiert Theologie im Fernstudium an der Universität Luzern und ist mitverantwortlich für die Öffentlichkeits- und Medienarbeit ihres Ordens.
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