Impuls von Schwester Anne Kurz
"Und er weiß nicht, wie" – diese Feststellung begegnet in der Mitte des ersten Gleichnisses, das uns heute verkündet wird. Ein Mensch taucht auf, der Samen auf sein Feld sät. Dann schläft er und steht wieder auf. Zur Zeit der Ernte legt er die Sichel an und holt das Korn ein.
Wie die Saat keimt und wächst, weiß er nicht. Das bewirkt er auch nicht. Die Erde selbst bringt ihre Frucht. Der Mensch ist getragen von den Rhythmen der Natur, wird beschenkt von Mutter Erde und weiß um die Zeiten von Aussaat und Ernte.
Das Gleichnis ist durchwirkt von Ruhe. Man hört fast das Gras wachsen. Wesentliches geschieht ohne Lärm und Anleitung, ganz von selbst. Ein Bild für das Reich Gottes. Schon das frühe Mönchtum formuliert eine Einsicht von enormer Tragweite: In jedem Menschen ist der Ort Gottes verborgen.
An diesem Ort ist tiefe Ruhe und große Wirksamkeit. Dort herrscht nicht der Verstand, denn der Mensch "weiß nicht, wie" das geschieht; auch nicht zwingender Wille, sondern das Zusammenspiel von Wachsein und Schlafen. Es ist der Ort, wo es im Menschen betet.
Mir kommt Kardinal Marx in den Sinn. Sein Rücktrittsgesuch hat gleichnishaften Charakter. Etwas versucht er zu sagen, das mit den Worten beginnt: "Das Reich Gottes ist wie…". In seiner Erklärung erinnert er sich an folgende Begebenheit: "Ein Reporter fragte mich in einem Gespräch über die Missbrauchskrise in der Kirche: 'Eminenz, hat das Ihren Glauben verändert?' Und ich antwortete: 'Ja!' Im Nachgang wurde mir deutlicher, was ich gesagt hatte."
Seine Antwort macht ihm bewusst, dass Begegnungen und Schicksale wie Samen auf das Ackerfeld seines Lebens und Glaubens gefallen sind und zu wachsen begonnen haben. Ein fordernder Prozess. Neues wachsen zu lassen ist nicht einfach, wenn es mit Verlust, Schmerz und innerem Ringen einhergeht. Marx hat zugelassen, dass Tod und Kreuz in ihm Wurzeln schlagen – in der Hoffnung, dass Leben und Auferstehung die Frucht sein werden. Sein Beispiel hat öffentlich in Erinnerung gebracht, dass Glauben wächst.
Manchmal wünschte man sich, dem Kreis der Jünger anzugehören, denen Jesus alles erklärt. Doch täuschen wir uns nicht, der Glaubensweg der Jüngerinnen damals war nicht einfacher. Auch sie haben ihren "ersten Glauben" am Nullpunkt des Kreuzes verloren. Es erschüttert, wenn der Glaube von früher nicht mehr "so" da ist. Es verunsichert, wenn Wut oder Unverständnis im Gottesdienst die Andacht rauben. Die neue Leere legt bohrend Fragen und Sehnsucht frei.
Manchmal kann man hinten in einer Kirche knien und plötzlich spüren, dass Gott für uns alle betet. Dass er die Erde ist, die wachsen lässt – der Mensch weiß nicht, wie.
Evangelium nach Markus (Mk 4,26–34)
In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht, wie.
Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da.
Er sagte: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät.
Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, sodass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.
Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten. Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.
Die Autorin
Anne Kurz ist Schwester der Gemeinschaft Verbum Dei und lebt neben einem kleinen Exerzitienhaus in Venne bei Münster. Sie ist Theologin und Geistliche Begleiterin.
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