Die Münsteraner Politikwissenschaftlerin Carolin Hillenbrand sieht durch die Corona-Pandemie keine Renaissance des Religiösen. Das Sprichwort "Not lehrt Beten" gelte so nicht, sagte sie dem Kölner "Domradio" am Montag. "Wir sehen eher, dass Menschen in Krisenzeiten auf das zurückgreifen, was sie in dem Bereich bereits kennen oder haben. Wenn vorher schon gar keine Bindung zu einem Gott oder höheren Wesen da war, dann kommt das auch nicht in Krisenzeiten aus dem Nichts heraus", so die Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exellenzcluster "Religion und Politik".
Eine spirituelle Sehnsucht der Menschen sei allerdings zu erkennen. Diese Bedürfnisse würden beispielsweise durch Yogapraktiken, Meditation oder Achtsamkeitstraining befriedigt. "Die Menschen waren schon sehr auf sich zurückgeworfen und haben dann ihre eigenen Rituale und Gewohnheiten entwickelt", so Hillenbrand weiter. Dass die Kirchen von diesen spirituellen Bedürfnissen nicht profitiert hätten, läge zum einen daran, dass eine Krise oft andere Krisen der Institution verstärke. Zum anderen würden viele Menschen heute mehr zu Flexibilität tendieren und sich nicht an feste Gottesdienstzeiten halten. Hillenbrand nennt das in Anlehnung an flexible Trainingszeiten im Sport das "Fitnessstudio-Syndrom".
Institutionen für Dauerhaftigkeit prädestiniert
Gelebter Glaube ohne Kirche sei langfristig nicht möglich, so die Politikwissenschaftlerin. "Wirklich Bestand haben Spiritualität und Glaube eigentlich nur in dieser institutionalisierten Form." Es gebe immer "spirituellen Wildwuchs" wie charismatische Erneuerung oder andere Bewegungen. "Aber auf so eine langfristige Dauerhaftigkeit sind natürlich Institutionen prädestiniert, auch wenn sie mal in der Krise sind", so die Forscherin.
Religiöse Menschen hätten in der Corona-Pandemie aus ihrem Glauben immer wieder Kraft, Hoffnung und neue Energie gezogen. "So ein tiefer Glaube oder eine persönliche Gottesbeziehung, genau dieses transzendente 'Du' kann ganz stark sein und in diesen unsicheren Zeiten Hoffnung geben", sagte Hillenbrand, die sich in ihrer Doktorarbeit mit der Rolle von Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt beschäftigt. (cbr)