Standpunkt

Kant reloaded: Hat die Kirche die Frage der Hoffnung beantwortet?

Schachfigur
Bild: Fotolia.com/Roma

Heute am 6. August feiert die überwältigende Mehrzahl der Kirchen des Ostens und Westens das Fest der "Verklärung des Herrn" bzw. der "Transfiguration" oder "Metamorphose" des Herrn. Es ist ein Fest, das in der östlichen Theologie eine Zentralstellung einnimmt, wenn man etwa nur an Gregor Palamas und seine Auseinandersetzung mit diesem Tag und dessen Festgeheimnis denkt: Im Osten kann man sich genauso wenig daran vorbei stehlen wie wohl etwa im Westen an Thomas von Aquin und an dessen Auseinandersetzung mit dem Fronleichnamsfest. Im westlichen Bewusstsein ist das heutige Fest hingegen wohl das unbekannteste Herrenfest im gesamten liturgischen Jahr – und daran scheint mir nicht nur das hochsommerliche Datum schuld zu sein.

Die Frage, welche Gregor Palamas und die hesychiastische Bewegung umtrieb, nämlich ob im Gebet schon hier im irdischen Leben eine tatsächliche unmittelbare Gotteserfahrung möglich sei – und welche Palamas durch die Lehre des "unerschaffenen Taborlichts" ja positiv beantwortet – diese Frage scheint die beiden großen Kirchen in Deutschland doch momentan eher weniger zu beschäftigen.

Wenn man die Ohren spitzt und hört, was von kirchlicher Seite in Deutschland verkündigt wird, so sind dies viele Stellungnahmen, Äußerungen und Denkanstöße zu der großen Menschheitsfrage: "Was soll ich tun?", welche Immanuel Kant in seiner berühmten Philosophie der Aufklärung der Moral zuweist. Gerade als die Kirchen von manchen kritisiert wurden, dass sie während der Hochphase der Pandemie nicht dagewesen wären, wurde von ihnen immer wieder darauf hingewiesen, was sie alles in dieser Zeit Gutes getan hätten und welch wichtigen Beitrag sie zum gesellschaftlichen Zusammenhalt geleistet hätten. Ich kann den Kirchen hier nur beipflichten, erahne aber, dass die Kritikerinnen und Kritiker vielleicht etwas anderes meinten.

Kant weist nämlich der Religion die große Menschheitsfrage "Was darf ich hoffen?" zu. War die Kirche in der Pandemie – und ist sie es jetzt – zu dieser Frage ausreichend vernehmbar? Das heutige Fest lädt hier auf jeden Fall zu einer selbstkritischen Reflexion ein.

Ich persönlich mag übrigens sehr, wie der Schriftsteller Mario Giordano diese große Ur-Frage des Menschen für sein eigenes literarisches Schaffen übersetzt, und zwar: "Findet mich das Glück?" Was sagen wir als gläubige Menschen, wenn uns jemand außerhalb unserer kirchlichen Filterblasen diese Frage stellt? Haben wir überhaupt noch etwas dazu zu sagen?

Pater Nikodemus Schnabel

Der Autor

Pater Nikodemus Schnabel OSB ist Benediktinermönch der Dormitio-Abtei in Jerusalem und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft (JIGG).

Der Autor bei Twitter

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.