Impuls von Schwester Jordana Schmidt
Die Jünger hören von Jesus echt schlimme Dinge: dass er sterben wird, von der Hand anderer, und dass er zu seinem Vater geht, von dort aber wiederkommt. Das Glaubensbekenntnis pur. Zu schwere Kost für die Jünger. Ich glaube, sie spalten ab und werden kindisch – denn sie streiten um Nachfolge, um Größe um Ansehen.
Die Antwort Jesu darauf: Er stellt ein Kind in die Mitte. Nicht kindisch, kindlich, ist die wahre Größe. Kinder wollen lernen, wollen sich selbst erproben, wollen geliebt werden und richten sich vertrauensvoll auf ihre Liebe – in der Regel die Eltern – aus. Ihre Liebe gibt Kraft für Entwicklung. Dazu gehören alle Facetten des Großwerdens, samt Trotzphase und Pubertät. Gehalten von dem Wissen, die Eltern stehen zu mir. So jedenfalls das Ideal.
Das ist die Haltung, die Jesus den Jüngern vor Augen stellt. Das Kind-Sein vor Gott ist EIN Bild, von vielen, die uns Jesus als Hilfe gibt in unserer Gottesbeziehung. Es gibt andere. Zum Beispiel stellt er uns Verantwortungsbewusstsein, Kraft der Talente und Vertrauen an die Seite, im Bild des Kaufmanns mit der Perle, des Sämanns oder des Dieners.
Das Bild des Kindes hilft mir in allen Zeiten, in denen ich mich schwach fühle und darauf angewiesen bin, dass andere mir gut wollen. Manchmal brauche ich einfach nur das Gefühl, von Gott geliebt zu sein, ohne Gegenleistung. Dann sehe ich das Bild des sitzenden Jesus, mit dem Kind vor sich. Das hat für mich nichts, was mich klein macht oder entmündigt. Eher etwas, was auch das Kind-Ich in mir groß sein lässt.
In der Therapie weiß man längst von den heilenden Kräften des Inneren Kindes. Ein Teil in mir, was auf die Liebe anderer angewiesen ist. Erst wenn ich diesen Teil in mir akzeptiere, kann ich erwachsen und wirklich groß sein: verantwortungsvoll, liebevoll, wertschätzend, tatkräftig, mal schwach und mal stark.
Gerade weil die Jünger Angst davor haben, ihren Jesus durch den Tod zu verlieren, holt er sie mit diesem Bild ab und wandelt ihr Kindisch-Sein in Kind-Sein. Und es ist ok. Er wirft sie deswegen nicht aus der Gruppe, entzieht ihnen nicht seine Liebe, sondern belehrt sie, sich hinsetzend, um die aufgescheuchten Gemüter zu beruhigen.
Also, bei Angst: an die Seite von Jesus setzen und das Innere Kind groß werden lassen!
Evangelium nach Markus (Mk 9,30–37)
In jener Zeit zogen Jesus und seine Jünger durch Galiläa. Er wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr; denn er belehrte seine Jünger und sagte zu ihnen:
Der Menschensohn wird in die Hände von Menschen ausgeliefert und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen.
Aber sie verstanden das Wort nicht, fürchteten sich jedoch, ihn zu fragen.
Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr auf dem Weg gesprochen? Sie schwiegen, denn sie hatten auf dem Weg miteinander darüber gesprochen, wer der Größte sei.
Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.
Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.
Die Autorin
Schwester Jordana Schmidt OP ist gelernte Familientherapeutin und Diplom-Heilpädagogin. Seit 1994 gehört sie den Dominikanerinnen von Bethanien an. Von 2002 bis 2012 arbeitete sie als Erziehungsleiterin im Bethanien Kinderdorf in Schwalmtal-Waldniel. Seitdem ist sie Kinderdorfmutter von fünf Kindern. Sie ist mehrmals im Jahr im Radio bei "Kirche im WDR" zu hören. Ihre Bücher "Auf einen Tee in der Wüste" und "Ente zu verschenken" waren wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste.
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