Impuls von Schwester Christine Klimann
"Morgen gehe ich mich besuchen. Hoffentlich bin ich daheim." Dieser Spruch von Karl Valentin kam mir im Nachdenken über das heutige Evangelium in den Sinn. Karl Valentin war genial – und seine humorvoll-ironische Beobachtung trifft unser heutiges Lebensgefühl wahrscheinlich noch viel mehr als das vor hundert Jahren.
An wie vielen "Baustellen" basteln wir nicht gleichzeitig herum, wie viele Dinge machen unser Leben nicht nur reich und schön, sondern auch ganz schön voll, und wie sehr sind wir es gewohnt, dass ständig etwas los ist. Vermutlich ist es nicht von ungefähr, dass Karl Valentins Spruch ein eigenartiges Gefühl von Nostalgie weckt. Da war doch was…
Das Vielerlei war möglicherweise schon vor 2000 Jahren Thema. Wer betonen wollte, dass Gott eine Rolle in seinem Leben spielt, konnte das durch vielerlei Aktivitäten zum Ausdruck bringen: Rituale, Opfer, Gebete, Wallfahrten, Almosen, Werke der Barmherzigkeit. Gerade angesichts dieses Vielerlei entsteht die Frage, was denn von all dem am wichtigsten ist: am Sonntag in die Kirche gehen oder der alten Nachbarin beim Einkaufen helfen?
Jesus antwortet mit Worten, die noch mehr Nostalgie wecken als der Spruch Karl Valentins: Gott aus ganzem Herzen lieben, mit aller Kraft, mit allen Gedanken und den Nächsten wie mich selbst. Wie schön wäre das! Ich hingegen renne durch die Gegend; und wann ich mich das letzte Mal besucht habe – das ist wohl schon eine ganze Weile her.
Die Worte Jesu laden mich ein, inne zu halten und nach Hause zu kommen. Es sind große Worte: das ganze Herz. Wenn ich Gott so lieben will, muss ich es kennen, mein Herz. Muss mit ihm vertraut sein, mit dem, was es lachen und was es weinen lässt. Mich freuen an all dem, was lichtvoll ist in meinem Herzen, bunt, schön, weit wie eine Blumenwiese oder der Sternenhimmel. Keine Angst haben, oder nur ein wenig, vor dem, was dunkel ist. Was eng, verletzt, enttäuscht und besorgt ist, wo es modert wie in einem alten Keller, wo vielleicht seltsame Tiere wohnen und wo viel altes Zeug rumsteht, das eigentlich niemand mehr braucht. Mein Herz ist all das.
Und wenn Gott uns bittet, ihn mit unserem ganzen Herzen zu lieben, so hat er damit nicht nur die lichtvollen Seiten gemeint. Denn er wohnt nicht nur auf der Blumenwiese, sondern auch bei den Kellerasseln. Ja, morgen gehe ich mich besuchen. Und wer weiß, vielleicht ist nicht nur Gott zuhause, sondern tatsächlich auch ich selbst.
Aus dem Evangelium nach Markus (Mk 12,28b–34)
In jener Zeit ging ein Schriftgelehrter zu Jesus hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.
Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr und es gibt keinen anderen außer ihm und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.
Die Autorin
Schwester Christine Klimann gehört zur Kongregation der Helferinnen, ist Pastoralreferentin und studiert in Rom Psychologie.
Ausgelegt!
Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.
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