Impuls von Schwester Jakoba Zöll
Im heutigen Evangelium bricht alles zusammen, was sonst verlässlich ist. Sonne und Mond scheinen nicht mehr, die Sterne fallen vom Himmel – wenn das kein Weltuntergangsszenario ist! Mit seiner dramatischen Beschreibung des nahenden Weltendes greift der Evangelist auf das alttestamentliche Repertoire rund um das Thema Gericht Gottes zurück. Auch in Jesaja und Joel wird beschrieben, dass vor dem Gericht Gottes der Himmel vollkommen anders wird. Sonne und Mond scheinen nicht mehr, der Mond wird rot wie Blut, die Sterne verlieren ihren Glanz und der gesamte Himmel wird eingerollt wie eine Buchrolle (vgl. Jes 13,10; 34,4 und Joel 2,10; 3,4; 4,15f.). Es scheint hier also nicht nur um eine riesige kosmische Katastrophe zu gehen, sondern um das Weltgericht am Ende der Zeiten.
Spätestens durch die Beschreibung des Kommens des Menschensohnes auf Wolken wird das deutlich. Der Evangelist lässt diesem Weltgericht, wie auch die Propheten des Alten Testaments, eine vollständige Katastrophe vorangehen. Ähnlich wie im Frühling die keimenden Blätter des Feigenbaums von der herbstlichen Ernte künden, kündet der Zusammenbruch des gesamten Kosmos für den Evangelisten das Weltgericht an.
Der uns vorliegende Text spricht, umrahmt und gestaltet mit dramatischen Katastrophenszenarien, von der Sehnsucht nach dem Wiederkommen Jesu, vom göttlichen Gericht, das Gerechtigkeit herstellen kann. Und vom Vertrauen auf genau dieses Wiederkommen in ganz naher Zukunft. Die Christinnen und Christen, die zur Zeit unseres Evangelisten lebten, mussten die schmerzliche Erfahrung machen, dass der Herr nicht in ihrer Lebenszeit zurückgekommen ist. Da fällt es schwer, damals und heute, die Erwartung wach zu halten, ausgerichtet zu bleiben auf diese Sehnsucht. Und es fällt dann schwer, den Texten, die davon sprechen, einen Wirklichkeitsbezug abzuringen.
Die Leseordnung kann uns hier den Interpretationsrahmen weiten. Sie zeigt uns, dass es hier um das Wiederkommen in Herrlichkeit am Ende aller Zeiten gehen kann, woran uns das Ende des Kirchenjahres erinnert; aber eben auch um das Kommen Jesu in diese Welt ganz konkret an Weihnachten, worauf wir uns schon in wenigen Wochen im Advent wieder besonders vorbereiten werden. Nutzen wir diese doppelte Erwartung. Und vielleicht können wir das Evangelium als Erinnerung daran begreifen, dass Jesus kommt. Nicht immer mit kosmischer Katastrophe oder nur einmal im Jahr, sondern ständig und immerzu, mitten hinein in unser Leben, hinein in unseren Alltag. Machen wir uns immer wieder neu für sein Kommen bereit.
Aus dem Evangelium nach Markus (Mk 13,24–32)
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: In jenen Tagen, nach jener Drangsal, wird die Sonne verfinstert werden und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.
Dann wird man den Menschensohn in Wolken kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.
Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. So erkennt auch ihr, wenn ihr das geschehen seht, dass er nahe vor der Tür ist.
Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.
Die Autorin
Schwester Jakoba Zöll ist Novizin bei den Olper Franziskanerinnen. Sie arbeitet an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte und schreibt an Ihrer Promotion.
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