Frage: Die Politik beschäftigt sich derzeit mit der etwas sperrig betitelten "Strafbarkeit der gewerbsmäßigen Förderung der Selbsttötung". Bislang ist die Suizidbeihilfe an sich nicht strafbar. Sieht die Kirche in einem möglichen Verbot einen Fortschritt?
Jüsten: Bisher war es Gott sei Dank in der Bevölkerung ein sehr großes Tabu, dass die Menschen einen gewerbsmäßig geförderten Suizid herbeiführen wollten, sodass möglicherweise an der Stelle gar kein Gesetz notwendig war. Nun hat die Bundesregierung ein Gesetz vorgelegt und möchte einen besonders verwerflichen Tatbestand unter Strafe stellen, nämlich dass Menschen damit Geld verdienen, dass sie anderen Leuten helfen, ihren Selbstmord zu verüben.
Gleichwohl sehen wir in dem Gesetz ein Problem, denn was unterscheidet denn die gewerbsmäßige Betreibung eines solchen Unterfangens von der ehrenamtlichen, von der scheinbar gemeinnützigen Herbeiführung dieser Tat? Für uns ist der Selbstmord immer eine sehr schwerwiegende Handlung. Man sollte dem Menschen, der lebensmüde ist, helfen und nicht ihm helfen, sich zu töten.
Frage: Spielt da auch die CDU eine Rolle, die bei ihrem jüngsten Parteitag beschlossen hat, umfassend für ein Verbot der organisierten Sterbehilfe einzutreten?
Jüsten: Wir haben es sehr begrüßt, dass der Bundesparteitag unsere Position angenommen hat. Nun ist die Fraktion am Zuge, denn der Regierungsentwurf sieht vor, dass sie nach Verhandlungen mit den anderen Parteien im Deutschen Bundestag einen vernünftigen Gesetzentwurf vorlegt.
Frage: Sehen Sie schon ab, wie es ausgehen könnte?
Jüsten: Wir führen zurzeit Gespräche mit den im Bundestag vertretenen Parteien und finden in allen Parteien sehr viel Zustimmung für unsere Haltung. Gleichwohl gibt es sicher immer auch Leute, die das anders sehen, insbesondere die Humanistische Union treibt eine andere Regelung voran, als es bislang üblich war.
Frage: Und wer sind die Verbündeten der Kirche bei diesem Thema?
Jüsten: Wir haben sehr viele Verbündete insbesondere auch bei der Hospizbewegung und bei den Menschen, die sich besonders um Menschen mit Selbstmordabsichten kümmern. Wir haben bei den Ärzten sehr viel Unterstützung aber eben auch bei vielen im Pflegebereich.
Verbündete im Einsatz fürs Leben
Prälat Karl Jüsten, Leiter des Katholischen Büros in Berlin, zur Debatte um die Suizidbeihilfe.
Agathe LukassekFrage: Zu einem anderen Thema: Sie sind von katholischer Seite auch für den jährlich veröffentlichten Rüstungsexportbericht der beiden großen Kirchen zuständig, der der Bundesregierung ziemlich auf die Finger schaut. Gibt es bei diesem langwierigen Thema irgendeine Bewegung, irgendeine Hoffnung?
Jüsten: Zunächst muss man sagen, dass die Kirchen die einzigen waren, die einen Rüstungsexportbericht vorgelegt hatten. Die Bundesregierung hat nachgezogen und veröffentlicht seit einigen Jahren auch einen Bericht. Und der kommt jetzt auch immer zeitnah zu dem eigentlichen Berichtszeitraum.
Gleichwohl fordern wir natürlich, dass nicht ein ganzes Jahr dazwischenliegt, das kann man auch schneller machen. Des Weiteren fordert die Kirche eine höhere Transparenz in dem ganzen Bereich der Rüstungsexporte: Warum darf sich damit nur der Sicherheitsrat befassen und nicht auch das Parlament? Wenn mit diesen Waffen nichts Böses im Schilde geführt wird, dann muss man über die Waffen auch eine öffentliche Debatte führen dürfen.
Frage: Es gibt ein Thema, das in der Politik und in den Medien immer präsenter wird: die schwierige Lage der Christen in einigen Ländern, die islamisch geprägt sind. Es scheint aber so, als würden eher evangelikale Christen die Themen Christenverfolgung und Religionsfreiheit angehen und die katholische Kirche nicht. Warum?
Jüsten: In der katholischen Kirche gibt es schon seit Langem ein starkes Eintreten für alle Menschen, die aus welchen Gründen auch immer verfolgt werden. Wir kümmern uns nicht nur um die Christen, sondern um Menschen, die aus ethnischen oder religiösen Gründen oder aufgrund des Geschlechts verfolgt werden. Es ist sicher zu begrüßen, wenn die Evangelikalen nun ein besonderes Augenmerk auf die Christen werfen, das tun wir mindestens genauso.
Ich würde aber auch da für einen seriösen Blick plädieren: Nicht jede Zahl, die beispielsweise von Open Doors genannt wurde, hat sich bisher einer kritischen Prüfung stellen müssen. Die Kirche unternimmt jetzt gerade den Versuch, reale Zahlen zu erheben. Gleichwohl müssen wir darauf achten, dass bedrängten Menschen unseren Schutz erfahren, vor allem aber den Schutz der Staatengemeinschaft.
Frage: Was war in der jüngsten Vergangenheit Ihr größter Erfolg? Bei welchem Gesetz konnte die Kirche am meisten mitmischen?
Jüsten: Wir haben uns sehr gefreut, dass unsere ethischen Anliegen bei der Energiewende gehört wurden. Dann haben wir im Moment auch eine Debatte über das Kirchendienst- und Arbeitsrecht. Da ist es uns gelungen, die Parteien im Bundestag davon zu überzeugen, dass der sogenannte Dritte Weg, also die Art wie die Kirchen zu Arbeitsrecht kommen, sich bewährt hat. Das wurde jetzt nochmal von einem Gericht unterstützt. Es gibt schon einige Themen, bei denen wir Einiges bewegen konnten.
Das Interview führte Agathe Lukassek