Schwester Christine Klimann über das Sonntagsevangelium

Ein Freibrief für Hass?

Aktualisiert am 03.09.2022  –  Lesedauer: 
Ausgelegt!

Rom ‐ Nicht den Bösen oder die Sünde sollen die Jünger Jesu geringachten, sondern ihre Eltern, ihre Geschwister – ja, ihr eigenes Leben. Wie bitte? Dieses Evangelium wird nur zu gern übergangen. Schwester Christine Klimann aber holt tief Luft und taucht mit den Worten Jesu in ihren Lebens-Raum ein.

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Impuls von Schwester Christine Klimann

Das heutige Evangelium konfrontiert uns mit sehr harten Jesus-Worten. Vom Geringachten ist da die Rede, laut der Luther-Bibel, die in diesem Punkt näher am Urtext zu sein scheint, sogar vom Hassen: Und zwar nicht Widersacher oder Verführer, sondern Vater und Mutter, Brüder und Schwestern, ja sogar das eigene Leben – das ist es, was die Jüngerin und der Jünger hassen sollen.

Wie ist das zu verstehen? Ich bin ein recht verträglicher Mensch, aber wenn ich spüre, dass mich jemand verachtet, dann werde ich empfindlich. Und ich bemühe mich sehr, die Menschen um mich herum zu achten und zu lieben. Meist fällt mir das mir selbst gegenüber und den Menschen, die mir besonders nahestehen, am schwersten. Kann ich also lockerlassen? Kann es sein, dass Jesus nicht nur Weltverneinung predigt, sondern uns tatsächlich einen Freibrief gibt, unsere Mitmenschen und uns selbst schlecht zu behandeln?

Vielleicht kann man die Worte Jesu von der anderen Seite her lesen – und dazu hilft mir die Metapher des Raumes: Mein Leben, mein innerer und mein äußerer Raum, in dem ich mich bewege, ist begrenzt. Es liegt an mir, zu gestalten und mir die Frage zu stellen: Wer und was soll wieviel Raum bekommen?

Eine schwierige Frage, auf die Jesus aber eine klare Antwort gibt: Zuerst kommt das Reich Gottes, die Liebe Gottes zu mir, der Wunsch in Beziehung zu ihm zu leben. Mein Leben ist bunt und mit verschiedensten Beziehungen, Dingen, Aufgaben angefüllt. Mir ist, als würde Jesus sagen: Das alles ist gut und schön, aber im Tiefsten weißt du doch, was wirklich zählt, oder? Und es stimmt, ich weiß es. Aber ich weiß auch, dass ich es immer wieder brauche, mich von Jesus herausfordern zu lassen, und, wie der heilige Ignatius das nennt, mein Leben zu ordnen. Das heißt, mich nicht treiben zu lassen, sondern bewusst zu gestalten. Den Beziehungen und Dingen und Aufgaben und Vorlieben und Ängsten und Wünschen den Raum zu geben, der ihnen zusteht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das ist herausfordernd. Aber es ist kein frommer Luxus, sondern ganz einfach notwendig. Deutlich wird das, sobald es um Verantwortung geht. Wie sehr brauchen wir – in der Kirche und in der Gesellschaft – Menschen, die entschieden und integer sind. Die sich nicht von Bequemlichkeit, Furcht oder Anhänglichkeiten bestimmen lassen. Denen es nicht um den eigenen Vorteil geht, sondern darum, sich für die Menschen einzusetzen, die ihnen anvertraut sind. Die im rechten Sinn geringachten, damit sie frei sind zu hören und sich zu wagen: für das Reich Gottes, für eine gerechtere Welt.

Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 14,25–33)

In jener Zeit begleiteten viele Menschen Jesus; da wandte er sich an sie und sagte: Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, der kann nicht mein Jünger sein.

Denn wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und berechnet die Kosten, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertigstellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen.

Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden.

Ebenso kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.

Die Autorin

Schwester Christine Klimann gehört zur Kongregation der Helferinnen, ist Pastoralreferentin und studiert in Rom Psychologie.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.