Schwester Jakoba Zöll über das Sonntagsevangelium

Gott, der Suchende schlechthin

Aktualisiert am 10.09.2022  –  Lesedauer: 
Ausgelegt!

Olpe ‐ Es tut weh, wenn zwischenmenschliche Beziehungen zerbrechen. Oft fehlt dann der Mut, der anderen Person entgegen zu gehen und Verletzung anzusprechen – auch Schwester Jakoba Zöll hadert damit. Dass Gott aber ganz anders tickt, erklärt Jesus heute mit gleich drei Gleichnissen: Lassen wir uns finden.

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Impuls von Schwester Jakoba Zöll

Alle drei Gleichnisse des heutigen Evangeliums vereint die Thematik vom Verlieren, Suchen und Wiederfinden. Der Hirte lässt 99 Schafe seiner Herde allein, um das verlorene Schaf zu suchen, die Frau legt 9 Drachmen beiseite und sucht nach der einen Verlorenen und der Vater lässt alles stehen und liegen, um seinem verlorenen Sohn entgegen zu gehen.

Ein unverhältnismäßiger Aufwand und eine noch viel unverhältnismäßigere Freude über das Wiederfinden, so kommt es zumindest mir beim ersten Lesen der Gleichnisse immer wieder vor. Ich habe auch schon zahllose Dinge verloren, meist erfolglos danach gesucht, aber häufig kapituliert, weil mir meine Zeit zu kostbar war. Weil das, was ich verlegt oder verloren hatte, dann doch keinen so großen Wert für mich hatte, dass ich die viele Zeit und Energie beim Suchen investieren wollte. Aber dann gibt es auch Verlorenes, das habe ich wochenlang gesucht, habe viel Zeit und Energie ins Suchen investiert und konnte den Gedanken, das Gesuchte sei vielleicht für immer verloren, nur schwer ertragen.

Und gehen wir einen Schritt weiter, von den ersten beiden Gleichnissen hin zum dritten Gleichnis, ist das bei Menschen in meinem Leben ein noch viel intensiveres Gefühl. Menschen zu verlieren, die mir lieb und teuer sind, zu denen mir die Beziehung wichtig ist – da schmerzt ein plötzlicher Abbruch, ein Verlorengehen sehr. Da suche ich lange nach der verlorenen Vertrautheit, den verlorenen Gemeinsamkeiten, der plötzlich abgebrochenen Beziehung. Leider fehlt dann oft der Mut, dieser Person entgegen zu gehen, ein neues Angebot von Beziehung zu machen und Verletzung zu thematisieren.

Ganz anders die Suchenden aus unseren Gleichnissen. Hier präsentiert uns der Evangelist Lukas in drei verschiedenen Personen, einem Hirten, einer Frau und einem Vater, Gott als den Suchenden schlechthin. Der ganz unverhältnismäßig nach allem Verlorenen sucht, egal wie die Verhältnisse liegen, wie groß Schuld und Verletzung sind, egal wie viel Zeit und Energie notwendig sind. Und nach was sucht er? Lukas lässt Jesus die Gleichnisse als Reaktion auf die Empörung der Pharisäer und Schriftgelehrten über Jesu Umgang mit Zöllnern und Sündern erzählen. "Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören." (Lk 15,1) Die Antwort unseres Evangeliums ist, dass Gott nach den Zöllnern und Sündern sucht wie nach der Drachme, dem Schaf und dem Sohn. Er sucht nach denen, deren Beziehung zu ihm in die Brüche gegangen ist, angeknackst ist, von Schuld und Verletzung gezeichnet ist. Lassen wir uns immer wieder neu von ihm finden.

Aus dem Evangelium nach Lukas (Lk 15,1–32)

In jener Zeit kamen alle Zöllner und Sünder zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.

Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte: Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war! Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.

Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie die Drachme findet? Und wenn sie diese gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte! Ebenso, sage ich euch, herrscht bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.

Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.

Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.

Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner! Dann brach er auf und ging zu seinem Vater.

Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.

Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße! Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern.

Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat.

Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte seinem Vater: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.

Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Die Autorin

Schwester Jakoba Zöll ist Novizin bei den Olper Franziskanerinnen. Sie arbeitet an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte und schreibt an Ihrer Promotion.

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Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bieten wir jeden Sonntag den jeweiligen Evangelientext und einen kurzen Impuls an. Die Impulse stammen von Ordensleuten und Priestern.