Schwester Jordana Schmidt über das Sonntagsevangelium

Vor Gott müssen wir keine Rolle spielen

Aktualisiert am 22.10.2022  –  Lesedauer: 
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Schwalmtal-Waldniel ‐ Hochmut kommt vor dem Fall – das musste auch Schwester Jordana Schmidt erkennen, als es in ihrer Ordensgemeinschaft um das Thema Knöllchen ging. Das Sonntagsevangelium erinnert sie an diese Geschichte. Im Bibeltext entdeckt sie ein besonderes Geschenk.

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Ich fühle mich ertappt. Erst neulich sprachen wir im Orden über unsere Finanzen und darüber, wofür wir unser Geld ausgeben. Eine Zahl war darunter, die sich auf die zu bezahlenden Knöllchen bezog … Bei so vielen Autofahrerinnen kommt das vor. Entspannt lehnte ich mich zurück und meinte: "Also von mir ist da keines." Wie heißt es: "Hochmut kommt vor dem Fall" oder wie es im Evangelium beschrieben wird, der Zöllner geht als Gerechter nach Hause. Seitdem hatte ich sozusagen einen "Lauf" und bin nun schon bei drei Knöllchen wegen falscher Geschwindigkeit. Nie viel, aber dafür DREIMAL! Diese versteckten Blitzer, da, wo vorher noch 70 stand, oder 50! Das jedenfalls war meine erste Assoziation bei dem heutigen Evangelium. Und bestimmt fällt Ihnen anderes ein, wo sie genau das machen, was dieser Pharisäer tut: sich feiern und im nächsten Zug auf andere herabblicken, zumindest ein bisschen. Man darf sich ja feiern, wenn etwas gut gelungen ist, aber um der Freude, nicht um des Vergleiches willen. Das tut wirklich nicht gut. Nicht der Beziehung zu Gott, nicht der zu mir selbst und erst recht nicht der, zu meinem Mitmenschen.

Was Jesus mir mit dem heutigen Text sagen will? Sei DU und sei genauso vor Gott – ehrlich und voller Vertrauen. Denn es mangelt wohl an Vertrauen, wenn ich einem anderen oder Gott meine Schwäche nicht eingestehen kann, meine Fehler und dunklen Seiten. Und wenn ich eine Rolle spielen oder innehaben muss, so wie der Pharisäer, dann fällt Vertrauen besonders schwer, gerade wenn es um mein eigenes Fehlverhalten geht. Da hat es der Zöllner leichter. Er muss niemandem etwas vorspielen. Und er weiß, Gott hält das aus und verurteilt nicht. Was für ein Geschenk! Denn das, was wir am meisten fürchten, ist doch, was andere von uns denken, wenn wir ihnen offenbaren, wie schwach, wie fehlerhaft oder hilflos wir manchmal sind. Und aus dieser Angst heraus zeigen wir uns abweisend oder überheblich. Vor Gott ist das nicht nötig. Die Erfahrung habe ich schon oft in meinem Leben gemacht. Bei Menschen darf ich es auch wagen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich manchmal damit auf die Nase falle bzw. eine Verletzung riskiere, weil das Gegenüber über mich urteilt. Denn zum Schluss will ich dann doch lieber der Zöllner sein, dem Gott liebevoll hinterherblickt und der nach dem Besuch bei ihm wieder neu anfangen mag. Und was meine Knöllchen betrifft – das nächste mal muss ich wohl sagen: "Oh, da habe ich wohl meinen Teil zu beigetragen, sorry, ab jetzt bin ich achtsamer!"

Evangelium nach Lukas (Lk 18, 9–14)

In jener Zeit erzählte Jesus einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, dieses Gleichnis: Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.

Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Die Autorin

Schwester Jordana Schmidt OP ist gelernte Familientherapeutin und Diplom-Heilpädagogin. Seit 1994 gehört sie den Dominikanerinnen von Bethanien an. Von 2002 bis 2012 arbeitete sie als Erziehungsleiterin im Bethanien Kinderdorf in Schwalmtal-Waldniel und war zwischen 2012 und 2020 Kinderdorfmutter. Heute lebt sie als SPLG Mutter (Sozialpädagogische Lebensgemeinschaften) mit zwei Kindern in Krefeld. Momentan sie ist mehrmals im Jahr im Radio bei "Kirche im WDR" zu hören. Ihre Bücher "Auf einen Tee in der Wüste" und "Ente zu verschenken" waren wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreiben Ordensleute und Priester für uns.