Formulierung "spiegelt eine Epoche wider"

Erzbischof: Katechismus-Worte zu Homosexualität nicht mehr zeitgemäß

Aktualisiert am 09.12.2022  –  Lesedauer: 

Paris ‐ Laut dem Katechismus der Katholischen Kirche sind homosexuelle Handlungen "in sich nicht in Ordnung". Diese Formulierung spiegele eine Epoche wider, so der Pariser Erzbischof Laurent Ulrich: 30 Jahre später müsse man anders darüber sprechen.

  • Teilen:

Der Pariser Erzbischof Laurent Ulrich hält die im Katechismus der Katholischen Kirche verwendete Formulierung im Hinblick auf homosexuelle Handlungen für nicht mehr zeitgemäß. "Was die Homosexualität betrifft, die 1992 als 'intrinsisch ungeordnete Handlung' bezeichnet wurde, so spiegelte dies eine Epoche wider", sagte Ulrich in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit der französischen Tageszeitung "La Croix" (online). "30 Jahre später muss man zweifellos mit größerem Respekt darauf eingehen."

Der Katechismus der Katholischen Kirche, der am 7. Dezember 1992 von Papst Johannes Paul II. vorgestellt wurde, hält fest, dass homosexuelle Handlungen "in sich nicht in Ordnung" sind (2357). Homosexuellen selbst sei allerdings "mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen". Auch sie seien berufen, "in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen" (2358). Sie sollen sich "durch die Tugend der Selbstbeherrschung" sowie "durch das Gebet und die sakramentale Gnade Schritt um Schritt, aber entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern" (2359).

Pastorale Verantwortung aller

Ulrich betonte, Papst Franziskus fordere in seinem Schreiben "Amoris laetitia" (2016), dass die Kirche in der Lage sein müsse, alle Menschen so zu nehmen, wie sie seien. "Eine Aufgabe, die vielleicht nicht überall erfüllt wird, die es aber sehr wohl gibt." Sie liege in der pastoralen Verantwortung aller. "Über die Pastoral hinaus ist es der Papst, der über die Weiterentwicklung des Katechismus bestimmt", so der Erzbischof.

Im Blick auf die aktuelle Krise der katholischen Kirche in Frankreich wegen des Missbrauchsskandals und die zuletzt bekannt gewordenen sexuellen Vergehen von Bischöfen sagte Ulrich, dass man diese "durchstehen" müsse. Die im Zuge der 2021 veröffentlichten Untersuchung der unabhängige Missbrauchskommission Ciase beschlossenen Maßnahmen wie die Instanz für Anerkennung und Wiedergutmachung sowie der zuletzt eingerichtete nationale katholische Strafgerichtshof nähmen Gestalt an. "Die Arbeit wird getan, es ist nicht schmerzlos", so Ulrich. Derzeit stehen in Frankreich insgesamt elf Bischöfe im Visier staatlicher oder kirchlicher Untersuchungsbehörden.

Laurent Ulrich ist seit Mai Erzbischof von Paris. Zuvor war er Erzbischof von Lille. In Paris folgte Ulrich auf Michel Aupetit, der Papst Franziskus Ende 2021 seinen Amtsverzicht angeboten hatte, nachdem eine Reihe von Presseberichten seine Amtsführung und Privatleben in Zweifel gezogen hatten. (mal)