Von van Gogh bis Ronaldo: Selbstinszenierung gab es schon immer

Die schönen Seiten des Lebens jenseits vom Selfie-Ringlicht

Veröffentlicht am 16.01.2023 um 00:01 Uhr – Von Schwester Maria Gabriela Zinkl – Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ Die Selbstinszenierung: Was in Form von Selfies bei Influencern heute oft kritisiert wird, gab es schon immer, schreibt Schwester Gabriela Zinkl. Doch das wirkliche Leben findet fernab des Selfie-Ringlichts statt.

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Vincent van Gogh hat es getan, genauso Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer, Frida Kahlo und viele andere mehr. Sie alle haben irgendwann zu Pinsel und Farbe gegriffen und sich als Selbstportrait verewigt. Weil sie noch dazu künstlerisches Talent besaßen, sind ihre Bilder bis heute weltberühmt. Andere etwas weniger künstlerisch Begabte, aber materiell Vermögende haben so ein Portrait von sich lieber bei anderen in Auftrag gegeben und sind bis heute dafür bekannt. Der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. ist so ein Kandidat, weitaus weniger pompös die jüngst verstorbene Queen Elizabeth II. und mit ihnen unzählige Mitglieder von Königshäusern und Fürstenhöfen, sogar Bischöfe und Päpste.

Der Vergleich von Portraits des Sonnenkönigs mit Selfies des Fußballgotts Ronaldo, dem Influencer mit den derzeit meisten Followern, zeigt noch einen interessanten Unterschied in der Darstellung durch die Jahrhunderte: Früher posierte man bekleidet mit extra viel Stoff, sprich in üppigen Gewändern, man saß auf einem Pferd, frau eher im Sessel oder bei inszenierter Hausarbeit, oder stellte gerne das königliche Gemach oder die begüterte Kaufmanns-Kemenate zur Schau. Was sich trotz der Zeiten und neuer Technik nicht änderte, ist die Liebe zu Details oder Accessoires auf den Selbstportraits oder Selfies: Man wie frau überlässt die aufgereihten Bücher und sonstigen Utensilien, die Kleidung, die Handtasche(n) und die Haustiere nicht dem Zufall. Die Inszenierung der eigenen Person ist damals wie heute sorgsam vorbereitet, sei es durch historisch dekorierten Brokat oder durch das neueste Selfie-Ringlicht. Die Körperhaltung, Kleidung, Accessoires und die Kulisse sind mit Bedacht gewählt und erfüllen einen bestimmten Zweck. Das Drang, sich optimal in Szene zu setzen, eine schöne "Show" und die beste Performance zu liefern, ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Mit dem Unterschied, dass die Selbstdarstellung heute nicht mehr das Privileg von Künstlerin, Adeligen oder den Schönen und Reichen der Welt ist.

Selbstinszenierung weiterentwickelt

Viele sprechen davon, dass unsere Gesellschaft so egozentrisch und selbstsüchtig wäre wie noch niemals zuvor, dass eine Generation von Posern und um sich selbst kreisenden Hauptdarstellern herangewachsen ist. Jeder Besuch in echten wie digitalen Museen und Bildergalerien zeigt aber, dass nicht etwa die Generation der Digital Natives die Selbstinszenierung erfunden, sondern nur weiterentwickelt, auf neue Medien übertragen und zum Teil vielleicht auf die Spitze getrieben hat.

Papst Franziskus posiert für ein Selfie mit jungen Menschen
Bild: ©KNA/Vatican Media/Romano Siciliani

Ein Selfie hat wohl jeder schon einmal gemacht. Da bleibt selbst der Papst nicht verschont.

Seitdem Ludwig XIV. sich in seinen prunkvollen Gewändern hat malen lassen, ist viel passiert. Die Selbstdarstellung hat im Laufe der Zeit die unterschiedlichsten Formen angenommen. Seit etwas mehr als 20 Jahren hat sie ihren Weg ins World Wide Web gefunden. Was manche kulturpessimistisch sehen, ist zunächst einmal eine für alle Menschen viel versprechende, basisdemokratische, befreiende Möglichkeit, sie selbst zu sein und dies mit anderen zu kommunizieren. Der Ausspruch des Popart-Künstlers Andy Warhol von 1968, "dass in der Zukunft jeder Mensch für 15 Minuten weltbekannt sein wird", ist Realität geworden, oder?

Der Traum vom Berühmt-Sein

Damals wie heute träumen viele Menschen davon, berühmt zu sein, geschätzt zu werden von anderen, viel Aufmerksamkeit und möglichst viele Follower und Likes zu haben. Damals wie heute inszenieren sich manche Menschen selbst, spielen künstlich etwas vor, was sie nicht wirklich sind, aber wie sie gerne sein möchten. Noch nie gab es in der Geschichte der Menschheit so viele (Selbst-)Portraits, Selfies und Selbst-Inszenierungen wie heute. Vieles wird so aufwändig inszeniert, dass daraus ein ganzer Markt mit Coaching-Angeboten und Werbung geworden ist.

Daneben gib es aber den nicht zu übersehenden Trend, sich ganz ungeschminkt und unspektakulär zu treffen, ohne davon groß Fotos und Videos zu machen: in der Familie, unter Freunden, ganz privat, um gemeinsam zu kochen, zu essen, zu reden, zu spielen. Vielleicht fernab von Tripadvisor-Empfehlungen und WiFi-Hotspots eine Überraschungsparty im Grünen oder ein Spontanpicknick am Waldrand zu veranstalten, ganz analog. Genau genommen sind die wenigsten Momente unseres Tages einer besonderen Inszenierung wert, und doch irgendwie besonders, einmalig und auf ihre Art wunderschön: das Schlangestehen beim Einkaufen, die Staubflocken unterm Bett, der Besuch bei der dementen Oma, die uns nicht mehr erkennt, die Stimmen der weinenden Kinder aus dem Wohnblock um die Ecke. Vieles von all dem ist uns weder eine Selbstinszenierung, einen Schnappschuss und schon gar keine Mitteilung an all die anderen da draußen wert. Es gehört nicht zu den Highlights unseres Lebens, kein Wunder, es steht auch kein Selfie-Ringlicht daneben, und das ist in diesen Momenten sicher besser so. Aber all das ist das wahre Leben, ungeschönt, authentisch, glaubwürdig und vor allem: lebenswert mit allen Ecken und Kanten.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.