Bergoglio-Darsteller über "Die zwei Päpste", Benedikts Tod und die Kirche

Walter Sittler: Ohne Benedikt hätte Franziskus mehr erreichen können

Aktualisiert am 19.01.2023  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Nur kurz nach dem Tod von Benedikt XVI. zeigt das Berliner Renaissance-Theater wieder "Die zwei Päpste". Im Interview spricht Schauspieler Walter Sittler über den Verstorbenen und seinen Nachfolger Franziskus, notwendige Kirchenreformen und die Frage, ob Benedikts Tod Auswirkungen auf das Stück hat.

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Die zeitliche Nähe ist bemerkenswert – und doch ist sie bloßer Zufall: Knapp drei Wochen nach dem Tod des früheren Papstes Benedikt XVI. bringt das Berliner Renaissance-Theater ab diesem Donnerstag in einer lange geplanten Wiederaufnahme "Die zwei Päpste" auf die Bühne. Das Stück behandelt in einer Mischung aus Fiktion und Realität den Machtwechsel zwischen Benedikt XVI. und Franziskus im Jahr 2013. In den Hauptrollen agieren die vor allem aus dem Fernsehen bekannten Schauspieler Walter Kreye (Benedikt XVI.) und Walter Sittler (Kardinal Jorge Mario Bergoglio). Im Interview mit katholisch.de spricht Sittler über die Herausforderungen des Stücks, das Verhältnis von Benedikt und Franziskus sowie notwendige Reformen in der katholischen Kirche. Außerdem beantwortet er die Frage, ob der Tod Benedikts Auswirkungen auf das Stück und die Darstellung seiner Person auf der Bühne hat.

Frage: Herr Sittler, ab diesem Donnerstag stehen Sie wieder als Kardinal Jorge Mario Bergoglio – der heutige Papst Franziskus – auf der Bühne des Berliner Renaissance-Theaters. Freuen Sie sich darauf?

Sittler: Ja, total. "Die zwei Päpste" ist ein sehr schönes Stück und schon die Aufführungen im vergangenen Jahr haben viel Spaß gemacht. Sich diesen beiden hochinteressanten und grundverschiedenen Männern – Papst Benedikt XVI. und Kardinal Bergoglio – mit den Mittel des Schauspiels anzunähern und ihr Verhältnis zu ergründen, hat schon einen besonderen Reiz. Zugleich ist das Stück schauspielerisch durchaus eine Herausforderung, denn es ist ja ein reines Konversationsstück. Wenn wir zwischendurch wenigstens mal Musik machen oder tanzen dürften, aber wir reden nur ... (schmunzelt)

Frage: Ein sehr dichtes, ganz auf die zwei Hauptfiguren und ihren Dialog fokussiertes Kammerspiel ...

Sittler: Genau. Es gibt nicht viele Stücke, die so konzipiert sind, und das macht eben auch den besonderen Reiz aus. In "Die zwei Päpste" passiert ganz viel, vieles davon aber nur im Kopf der beiden Hauptfiguren und damit für die Zuschauer nicht direkt sichtbar. Walter Kreye und ich müssen es also schaffen, über rund zweieinhalb Stunden die Spannung ohne viele Hilfsmittel so hochzuhalten, dass die Zuschauer dranbleiben und dabei auch das innere Ringen der beiden Hauptfiguren miterleben und nachvollziehen können.

„Es ist doch schön, wenn ein Toter auf der Bühne wiederaufersteht und man auf diese Weise die Gelegenheit bekommt, sich intellektuell mit ihm und seinem Denken auseinanderzusetzen.“

—  Zitat: Walter Sittler

Frage: Seinen Reiz und seine Relevanz für die Zuschauer zog das Stück bislang auch aus der Tatsache, dass Benedikt XVI. und Franziskus quasi Tür an Tür im Vatikan lebten und ihr Miteinander nicht immer spannungsfrei war – es gab also einen realen Anknüpfungspunkt zum Geschehen auf der Bühne. Das ist nach dem Tod Benedikts anders. Verändert sich das Stück dadurch? Verliert es an Bedeutung und an Brisanz?

Sittler: Nein, denn der Konflikt, der in dem Stück geschildert wird, ist ja vollkommen zeitlos. Dass zwei unterschiedliche Persönlichkeiten mit konträren Überzeugungen aufeinandertreffen und um den richtigen Weg ringen, erleben wir doch auch in unserem Alltag immer wieder. Diese Art der Auseinandersetzung ist nicht auf Benedikt und Franziskus und auch nicht auf die katholische Kirche beschränkt. Insofern bleiben das Stück und seine inhaltliche Aussage trotz Benedikts Tod absolut aktuell.

Frage: Die Wiederaufnahme von "Die zwei Päpste" stand schon lange vor dem Tod Benedikts fest. Hat sein Tod für die bevorstehenden Aufführungen irgendwelche Konsequenzen?

Sittler: Nein, das spielt für die Aufführungen keine Rolle und wir werden das auch nicht thematisieren. Die einzige kleine Änderung gegenüber den Aufführungen im vergangenen Jahr betrifft die Szene, in der Benedikt und Bergoglio zusammen Fußball gucken. Weil die Fußball-Weltmeisterschaft inzwischen hinter uns liegt, müssen wir meinen Text etwas ändern, sonst würde er an der Stelle nicht mehr funktionieren.

Frage: Haben Sie in den vergangenen Tagen mal überlegt, die Aufführungen zum jetzigen Zeitpunkt abzusagen? Schließlich könnten gerade Katholiken die zeitliche Nähe zwischen Benedikts Tod und der Wiederaufnahme des Stücks möglicherweise pietätlos finden.

Sittler: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das für irgendwen ernsthaft ein Problem ist. Im Gegenteil: Es ist doch schön, wenn ein Toter auf der Bühne wiederaufersteht und man auf diese Weise die Gelegenheit bekommt, sich intellektuell mit ihm und seinem Denken auseinanderzusetzen. Gerade bei Benedikt finde ich das sehr spannend, schließlich musste er als Papst eine Aufgabe erfüllen, die nach meinem Eindruck nicht zu ihm gepasst hat und die ihm auch selbst schwergefallen ist.

Bild: ©picture alliance/dpa | Christoph Schmidt

Schauspieler Walter Sittler (*1952) wurde einem größeren Publikum ab Mitte der 1990er Jahre durch die Fernsehserien "girl friends" und "Nikola" bekannt. Von 2007 bis 2021 ermittelte er zudem als Kommissar Robert Anders in der Serie "Der Kommissar und das Meer".

Frage: Spielt der Tod Benedikts für Walter Kreyes Darstellung auf der Bühne eine Rolle? Spielt man eine Figur, deren reales Vorbild gerade erst gestorben ist, anders?

Sittler: Nein. Als Schauspieler spielen wir schließlich andauernd Figuren, deren reale Vorbilder schon tot sind. Es geht bei der Schauspielerei immer darum, die eigene Figur für den Zuschauer lebendig zu machen – egal, ob es sich um einen realen oder fiktiven Charakter handelt und egal, ob er in der Realität noch lebt oder schon gestorben ist.

Fragen: Von Benedikt XVI. und Franziskus konnten sich die Menschen in den vergangenen Jahren jeweils ein eigenes Bild machen. Wie schwer ist es vor diesem Hintergrund, einen solchen Charakter zu spielen? Läuft man nicht immer Gefahr, dass die Zuschauer die Darstellung auf der Bühne mit der Realität vergleichen und zu dem Schluss kommen, dass das nicht zusammenpasst?

Sittler: Das mag bei dem einen oder anderen Zuschauer so sein. Für mich als Schauspieler ist das aber kein Problem. Im Gegenteil: Ich spiele gerne zeitgenössische Charaktere, weil man sich für die Darstellung gut an der Realität und dem eigenen Erleben orientieren kann. Was hat mein Charakter gesagt und getan, wie hat er gewirkt und auf Herausforderungen reagiert? Sich bei der Erarbeitung einer Rolle mit diesen Fragen zu beschäftigen und sich am realen Vorbild der Rolle zu orientieren, finde ich spannend.

Frage: Haben Sie – auch mit Blick auf die bevorstehende Wiederaufnahme von "Die zwei Päpste" – die Berichterstattung rund um Benedikts Tod und seine Beerdigung verfolgt? Und wenn ja, hat Sie das irgendwie berührt?

Sittler: Ich bin ja selbst nicht katholisch und habe durchaus Schwierigkeiten mit einigen Positionen und Vertretern der katholischen Kirche. Die Trauerfeier für Benedikt habe ich mir aber angeschaut und ich muss sagen, dass ich die in ihrer Schlichtheit sehr berührend fand. Franziskus hat das, wie ich finde, auch in seiner Predigt sehr gut und würdevoll gelöst. Das hat mir gefallen.

„Durch die ständige Präsenz seines Vorgängers und die Versuche konservativer Kreise, Benedikt für ihre Interessen zu benutzen, wurde Franziskus immer wieder ausgebremst. Er hätte in den vergangenen Jahren sicher mehr erreichen können als Papst, wenn Benedikt nicht mehr dagewesen wäre.“

—  Zitat: Walter Sittler

Frage: Sie haben sich durch Ihre Rolle in "Die zwei Päpste" sicher intensiv mit Benedikt XVI. und Kardinal Bergoglio beschäftigt. Vor dem Hintergrund von Benedikts Tod: Wie beurteilen Sie das Lebenswerk des deutschen Papstes?

Sittler: Benedikt war ganz sicher ein großer Gelehrter, der als Theologieprofessor wahnsinnig gut und beliebt gewesen sein muss. Aber wie ich vorhin schon gesagt habe: Für die Aufgabe als Papst war er aus meiner Sicht nicht geeignet. Da braucht es Fähigkeiten, die er nicht hatte – gerade, was das Zugehen auf die Menschen und die Kommunikation mit den einfach Gläubigen angeht. Für die katholische Kirche wäre es deshalb wohl besser gewesen, wenn er nicht Papst geworden wäre – und vermutlich wäre auch er dankbar gewesen, wenn diese Aufgabe an ihm vorübergegangen wäre.

Frage: Haben Sie das Miteinander von Benedikt und Franziskus in den vergangenen Jahren verfolgt? Innerkirchlich wird über diese gemeinsamen Jahre von Vorgänger und Nachfolger im Vatikan und die Frage, wie gelungen dieses für das Papstamt bislang einmalige Experiment war, ja intensiv diskutiert.

Sittler: Ich habe durchaus große Sympathien für Papst Franziskus und hätte ihm deshalb gewünscht, dass er die vergangenen zehn Jahre ohne Benedikt hätte regieren können. Das wäre für ihn und seine Ideen für die Zukunft der Kirche sicher einfacher gewesen. Durch die ständige Präsenz seines Vorgängers und die Versuche konservativer Kreise, Benedikt für ihre Interessen zu benutzen, wurde Franziskus immer wieder ausgebremst. Er hätte in den vergangenen Jahren sicher mehr erreichen können als Papst, wenn Benedikt nicht mehr dagewesen wäre.

Frage: In "Die zwei Päpste" liefern sich der konservative Bewahrer Benedikt und der Veränderungen gegenüber aufgeschlossene Kardinal Bergoglio einen Schlagabtausch über notwendige Reformen in der katholischen Kirche – ein Thema, das die Kirche ja tatsächlich seit Jahren umtreibt, in Deutschland vor allem in Form des Synodalen Wegs. Was ist Ihre Sicht als Außenstehender?

Sittler: Die katholische Kirche braucht dringend Reformen. Das Problem ist nur, dass die entsprechenden Initiativen viel zu langsam vorangehen. Die Kirche ist ein unglaublich schwerfälliger Apparat und bewegt sich, wenn überhaupt, nur im Schneckentempo. Das ist heute nicht mehr zeitgemäß und auch nicht mehr vermittelbar. Ich sehe durchaus die Bemühungen des Synodalen Wegs, daran etwas zu ändern und das Reformtempo zu beschleunigen – der Prozess bekommt aber zu wenig Unterstützung. Insofern bin ich skeptisch, ob es tatsächlich bald zu größeren Reformen in der Kirche kommen wird.

Von Steffen Zimmermann

"Die zwei Päpste"

Das Theaterstück "Die zwei Päpste" ist die Bühnenfassung des Buchs "Die zwei Päpste: Franziskus und Benedikt und die Entscheidung, die alles veränderte" von Anthony McCarten, das 2019 auch von Netflix verfilmt wurde. Das Stück wurde im vergangenen Jahr als deutschsprachige Erstaufführung am Berliner Renaissance-Theater (Knesebeckstraße 100, 10623 Berlin) aufgeführt und wird nun erneut gezeigt. Geplant sind vier weitere Vorstellungen:

  • Donnerstag, 19. Januar, 19.30 Uhr
  • Freitag, 20. Januar, 19.30 Uhr
  • Samstag, 21. Januar, 19.30 Uhr
  • Sonntag, 22. Januar, 18 Uhr

Für alle Vorstellungen sind derzeit noch Tickets verfügbar.