So geht fasten – nach der Benediktsregel

Wer fasten will, findet in der Ordensregel des Heiligen Benedikt mehrere Hinweise und Empfehlungen. Doch was lässt sich davon heute noch umsetzen und was ist in dieser Regel aus dem 6. Jahrhundert längst überholt? Schwester Justina Metzdorf ist Benediktinerin in der Abtei Mariendonk in Grefrath. Im Interview mit katholisch.de gibt sie einen Überblick über das, was der Heilige Benedikt für die Fastenzeit empfiehlt und was man heute vielleicht nicht mehr so streng umsetzen sollte. Die Ordensfrau verrät auch, worauf sie in der Fastenzeit verzichten will.
Frage: Schwester Justina, was empfiehlt der Heilige Benedikt für die Fastenzeit?
Schwester Justina: Eigentlich will Benedikt, dass wir im Kloster immer so ein Leben führen sollen wie in der Fastenzeit. Da das aber nicht leicht ist, sagt er: Dann wenigstens in den Tagen zwischen Aschermittwoch bis Ostern. Für ihn sind das "heilige Tage". Benedikt nennt vier Bereiche, auf die es in der Fastenzeit ankommt: Das Gebet, die Lesung der Heiligen Schrift, die Reue des Herzens und der Verzicht. Sie helfen dabei, sich wieder neu auf Gott auszurichten.
Frage: Wie kann man diese vier Empfehlungen konkret umsetzen?
Schwester Justina: An erster Stelle nennt Benedikt das Gebet. Beten bedeutet, meine Beziehung zu Gott zu pflegen. Für Benedikt sind die Psalmen da besonders wichtig, es sind Gebete der Heiligen Schrift. Im Kloster beten wir Schwestern die Psalmen gemeinsam im Stundengebet. Die Psalmen begleiten jede einzelne Schwester durch den Tag. Es sind Worte, die von Gott kommen und wieder zu Gott führen. Es geht darum, durch dieses Beten Gottes Wirken wieder mehr im eigenen Leben zu spüren und auf Gott zu vertrauen. Dazu gehört dann auch das Lesen und Aneignen der Worte der Heiligen Schrift. Auch dies dient dazu, Gott besser kennen zu lernen. "Wer die Heilige Schrift nicht kennt, der kennt Christus nicht", schreibt der Kirchenvater Hieronymus. Durch das Lesen der Schrift kann ich erkennen, welche Konsequenzen der Glaube für mein Leben hat. Und damit sind wir beim dritten Element der Fastenzeit: Die Reue des Herzens. Das Herz ist der Ort, wo ich Gott begegne und meine Beziehung zu den Mitmenschen reflektiere. Ich kann mich fragen: "Wo sind meine Beziehungen zu Gott, zu den Menschen um mich herum und auch zu mir selbst gestört?" Dazu kommt dann der vierte Punkt, der Verzicht. Die Fastenzeit ist die Zeit, in der ich prüfen kann: "Woran hängt mein Herz wirklich?" Und genau das kann ich herausbekommen, indem ich auf bestimmte Dinge, die meinen Alltag bislang zustopfen, verzichte.

Die Fastenzeit ist die Zeit, in der ich prüfen kann: "Woran hängt mein Herz wirklich?", so die Benediktinerin Schwester Justina Metzdorf.
Frage: Beim Verzicht wird Benedikt sehr konkret und empfiehlt Essen und Trinken komplett einzuschränken. Ist das heute noch umsetzbar?
Schwester Justina: Die Vorgaben der Benediktregel entsprechen eher den Gewohnheiten der damaligen Zeit. Das ist soll keine dogmatische "Benedikt-Diät" sein, an die wir uns sklavisch halten müssten. Es wäre auch nicht gesund, nichts mehr zu essen oder zu trinken. Benedikt warnt auf der anderen Seite ausdrücklich vor Übersättigung und Trunkenheit. Es geht ihm letztlich darum, ein gutes Maß zu finden, zwischen zu viel und zu wenig. Diese Empfehlung aus dem 6. Jahrhundert ist auch heute noch gültig und aktuell.
Frage: Benedikt empfiehlt in seiner Ordensregel auch auf Fleisch zu verzichten. Finden Sie das gut?
Schwester Justina: Ich selbst finde das gut. Die Benediktregel ist sogar grundsätzlich vegetarisch ausgerichtet. Fleisch ist nur in Ausnahmen vorgesehen. Bei uns in der Abtei Mariendonk steht Fleisch ohnehin nicht so oft auf dem Speiseplan. In der Fastenzeit noch seltener, nur sonntags. Laut dem biblischen Schöpfungsbericht schuf Gott die Tiere am selben Tag wie die Menschen. Deshalb verzichten Christen am Freitag, dem sechsten Schöpfungstag, auf Fleisch.
Frage: Benedikt empfiehlt es in der Fastenzeit, nur abends eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Das könnte doch auch gesund für meinen Körper sein, Stichwort Intervallfasten?
Schwester Justina: Natürlich kann es sinnvoll sein, durch das Fasten auch etwas für die eigene Gesundheit zu tun, wenn es mir mehr Lebendigkeit und Lebensfreude bringt. Auf Essen zu verzichten meint bei Benedikt nicht, weniger zu essen, um abzunehmen oder Körpergewicht zu verlieren. Benedikt wünscht sich, dass der, der seine Nahrungszufuhr etwas einschränkt, merkt, was er stattdessen eigentlich braucht. Durch den Verzicht soll eine Leerstelle entstehen. In anderen Worten: Die Fastenzeit will mich durch den Verzicht wieder in die Mitte bringen. Und diese Mitte ist Jesus Christus. So steht es in Psalm 4: "Du legst mir größere Freude ins Herz als andere haben bei Korn und Wein in Fülle". Fasten heißt also bei Benedikt: Frei werden und Platz schaffen für Gott und sein Wort.
Frage: Ist die Benediktregel an manchen Stellen nicht zu streng?
Schwester Justina: Geistliches Leben ist tatsächlich anspruchsvoll und damit bisweilen auch anstrengend. Benedikt ist sogar gegen jede Form von Müßiggang. "Freizeit" ist in seiner Regel nicht vorgesehen. Das klingt heute für viele Menschen befremdlich. Ich denke, es geht Benedikt nicht um unmenschliche Überforderungen, sondern darum, dass unser Leben zu einer Einheit findet. Dabei hilft, auf Ablenkung und Zerstreuung zu verzichten. Darauf zielt das benediktinische Konzept mit den drei tragenden Säulen letztlich ab: "Beten, Arbeiten und Studium der Heiligen Schrift". So kann es gelingen, das Leben in Einklang zu bringen. Und wer das schafft, der braucht dan keine extra Freizeit mehr. Im besten Fall.
Frage: Empfiehlt es Benedikt deshalb, in der Fastenzeit auch auf Geschwätz und Albernheiten zu verzichten?
Schwester Justina: Ja. Bei uns im Kloster gehört es zum Beispiel in der Fastenzeit dazu, dass wir mehr schweigen als sonst. Wir reden weniger, damit wir wieder besser auf Gott hören können. Und: Wenn ich selbst rede, höre ich nur mich. Wenn ich schweige, kann ich auch den anderen hören. Menschen können einander mit Worten sehr verletzen und schaden. Gespräche sind sehr wichtig und hilfreich. Aber es kann auch guttun, weniger zu reden. Und vor allem, weniger über andere. Dieses "Fasten der Worte" finde ich wichtig. Ich kann mich in Gesprächen zurücknehmen und auch einmal nichts sagen. Das bedeutet aber nicht, dass ich das, was ich sagen will, hinunterschlucke. Ich höre bewusst zu, und sage das, was ich sagen wollte, vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt. Und dann sage iches vielleicht anders und besser. Man kann in der Fastenzeit zum Beispiel stille Zeiten in der Familie oder in einer Gemeinschaft vereinbaren. Es wird dann für eine bestimmte Zeit nur das geredet, was wirklich notwendig ist. Ich finde, so ein "Fasten der Worte" verändert auch das Reden miteinander.

Schokolade findet Schwester Justina Metzdorf auch lecker. In der Fastenzeit will sie die Zufuhr von Süßigkeiten aber etwas einschränken.
Frage: Aber wird das alles, was Benedikt in seiner Regel aufschreibt, heute tatsächlich noch so im Orden umgesetzt?
Schwester Justina: Ich denke, Benedikt wusste auch damals schon um die Verletzlichkeit und Gebrochenheit des menschlichen Lebens. Seine Regel möchte nicht alle Einzelheiten im menschlichen Leben regeln. Es ist wie eine Orientierung, eine Hilfe. Ich denke, es ist wichtig, dass ich das Ziel nicht aus den Augen verliere. Ich kann so ein Leben führen, dass ich immer tiefer in Gottes Liebe hineinfinde. Eine Methode, die das garantiert, gibt es nicht. Ich selbst setze den Punkt "Verzicht" in der Fastenzeit so um, dass ich, ganz klassisch und wie es in der Benediktregel vorgesehen ist, etwas weniger esse und darüber hinaus auch meinen Medienkonsum einschränke.
Frage: Was soll denn dabei rauskommen, wenn ich mich an alles halte, was der Heilige Benedikt von mir in der Fastenzeit will?
Schwester Justina: Die Fastenzeit ist eine Vorbereitungszeit auf Ostern. Ostern ist ein großes Fest der Freude. Christen feiern die Auferstehung Jesu Christi. Und ich kann mich mit all den Empfehlungen und Maßnahmen so vorbereiten, dass ich das Fest der Auferstehung Jesu Christi wirklich von Herzen mitfeiern kann. Es gibt einen schönen Satz von Teresa von Avila, der lautet: "Gott allein genügt". ich verstehe das so: Nichts anderes genügt, nichts anderes reicht aus. Gott allein ist die Quelle des Lebens, der Glücks und der Freude. Die Fastenzeit ist daher für mich eine Zeit der Vorfreude und eine Zeit, in der ich mir mit Leib und Seele bewusst mache, dass ich auf den zugehe, der die Quelle und das Ziel meines Lebens ist.
Zur Person
Schwester Dr. Justina Metzdorf (50) ist Benediktinerin und Theologin. Sie lehrt an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie das Fach Neues Testament. Die Benediktinerin lebt in der Abtei Mariendonk in Grefrath zusammen mit 21 Mitschwestern. Seit 2016 ist die Nonne auch verantwortlich für die "Gemeinsame Noviziatsausbildung" der Vereinigung der deutschsprachigen Benediktinerinnen.