"Ja" und "nein": Diese beide Worte bergen manchmal Welten. Wir nutzen sie häufig und in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen. Beide haben Konsequenzen. Das gilt für die großen Lebensentscheidungen und Weichenstellungen wie für die kleinen Fragen des Alltags. Studien belegen, dass wir täglich um die 20.000 Entscheidungen treffen.
Oft tragen Menschen eine bestimmte Grundtendenz in sich, entweder eher "ja" oder eher "nein" zu sagen. Die einen sind gefühlt immer "dagegen" und können sich nur schwer für etwas Neues öffnen. Anderen fällt es unendlich schwer, "nein" zu sagen und Grenzen zu setzen. Dies zu lernen und so Klarheit zu schaffen, stellt eine wichtige Entwicklungsaufgabe dar.
Zwei Brüder – zwei Grundregungen in uns
Im Evangelium begegnen uns zwei Brüder, die für zwei Grundregungen stehen, die wohl in jedem Menschen angelegt sind: Der erste sagt "ja" zu dem, was sein Vater will, steht dann aber nicht dazu. Der zweite lehnt zuerst ab, erfüllt schließlich aber doch den Willen des Vaters. Für Jesus ist klar: Der Wille des Vaters für unser Leben ist ein guter und lebensfördernder, der uns Wachstum und Freiheit ermöglicht. Es geht um den Zugang zum Reich Gottes.
Jesus übt mit seinen Worten Kritik an den Hohenpriestern und Ältesten, die offenbar allzu oft von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und meinten, keine Umkehr nötig zu haben. Da waren es für Jesus viel eher die verachteten Zöllner und Dirnen, die zur Umkehr bereit waren, und damit bewiesen, dass sie ihre Gerechtigkeit von Gott uns nicht von sich selbst erwarteten.
Was will ich wirklich?
Vermutlich kennen wir beides nur zu gut von uns selbst: Wir sagen das eine, aber tun etwas anderes. Das kann aus den verschiedensten Gründen geschehen: Bequemlichkeit, Unentschlossenheit, Angst vor Konflikten, Selbstüberschätzung oder -unterschätzung… Manchmal ist es gar nicht so leicht klarzubekommen, was ich eigentlich will. Wir sind hin- und hergerissen. Da tut es gut, innezuhalten und zu reflektieren, in Gebet, Stille und Gespräch ehrlich zu fragen, was wir wirklich wollen.
Es ist schmerzlich, wenn wir Dinge versprechen, die wir später nicht einhalten können. Der Anspruch ist, dass bei uns Worte und Taten übereinstimmen. Wenn das einmal nicht gelingt, ist es umso wichtiger, Bereitschaft zur Reue und Umkehr zu zeigen. Es braucht nämlich beides: Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist grausam. Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit führt ins Chaos (Thomas von Aquin). Barmherzigkeit erfahren wir zuallererst von Gott. Dies geschieht über den oft schmerzhaften Weg der Selbsterkenntnis.
Freiheit, Umkehr und Umwege
Gott lässt uns die Freiheit, unsere Meinung zu ändern, und lässt uns sogar Umwege gehen. Vielleicht sind diese sogar manchmal notwendig und förderlich. So können wir (erst) "ja" sagen – und uns Zeit lassen. Oder (erst) "nein" sagen – und dann doch tun, was der Liebe dient. Es wäre eine vertane Chance, die Möglichkeit zur Umkehr ungenutzt zu lassen, die Gott uns immer wieder schenkt. Sein "Ja" zu uns steht nämlich fest!
Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 20,28–32)
In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes: Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne.
Er ging zum ersten und sagte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg! Er antwortete: Ich will nicht.
Später aber reute es ihn und er ging hinaus. Da wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe.
Dieser antwortete: Ja, Herr – und ging nicht hin. Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt?
Sie antworteten: Der erste. Da sagte Jesus zu ihnen:
Amen, ich sage euch:
Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. Denn Johannes ist zu euch gekommen
auf dem Weg der Gerechtigkeit und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.
Der Autor
Pater Philipp König gehört dem Dominikanerorden an und unterrichtet am ordenseigenen Gymnasium in Vechta die Fächer Französisch, Religion und Geschichte.
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