Schwester Jakoba Zöll über das Sonntagsevangelium

Jünger sein – Wort und Tat müssen zusammenpassen!

Ein galiläischer Fischer repariert sein Netz.
Bild: Fotolia.com/Vibe Images

Das heutige Evangelium liest sich wie eine ordentliche Abreibung für die religiösen Gegner Jesu, die Pharisäer. Mit gleich drei Vorwürfen bedenkt Jesus sie in der ersten Hälfte der Perikope: Sie legen die Tora so aus, dass sie für die Menschen zur Belastung wird und kaum zu erfüllen ist. Sie handeln nicht, um Gutes zu tun, sondern um ein gutes Image zu haben. Sie genießen ihr öffentliches Ansehen und nutzen es für den eigenen Vorteil aus. So fasst Jesus es selbst zusammen: Ihre Worte und ihr Handeln passen nicht zusammen, sie setzen ihre eigene Predigt und Lehre nicht um.

Geht es also dem Evangelisten darum, Jesu Kritik an der religiösen Obrigkeit deutlich zu machen? Nicht so ganz, würde ich sagen, sondern eher um neutestamentliche Identitätsaushandlungen. Wie soll sich ein Christ, eine Christin verhalten, was macht eine christliche Identität aus? Der Evangelist Matthäus versucht, mit einer Reihe von erzählten Auseinandersetzungen zwischen Jesus und religiösen Gruppen seiner Zeit diese Frage zu beantworten. Man denke an die im Matthäusevangelium vorangegangenen Erzählungen von der Frage nach den Steuern, der Auferstehung oder dem wichtigsten Gebot. Hier geht es also nicht darum, die tatsächlich existierende religiöse Gruppe oder Obrigkeiten der Pharisäer zu diffamieren oder deren Positionen realitätsgetreu darzustellen, sondern darum, mithilfe einer klar negativ gezeichneten Folie, eine positive christliche Identität zu entwerfen, einen Verhaltenskodex für Jüngerinnen und Jünger in der Nachfolge Jesu. Das, was der matthäische Jesus an den Pharisäern kritisiert, ist Verhalten, welches nicht zur Nachfolge Jesu, nicht zu einer christlichen Identität passt. Bei Christen sollen Wort und Tat zusammenpassen. Was sie predigen, sollen sie auch selbst tun und soll mit den Grundüberzeugungen Jesu übereinstimmen.

Die Kritikpunkte Jesu an den Pharisäern sind vom Evangelisten Matthäus so komponiert, dass zu jedem Vorwurf ein Jesuswort als positives Vorbild passt: Die Tora wird bei Jesus nicht zur Belastung, sondern zum leichten und nicht drückenden Joch (vgl. Mt 11,30). Jesus fordert nicht auf, mit der eigenen Glaubenspraxis hausieren zu gehen, sondern im Verborgenen zu praktizieren (vgl. Mt 6,1-18) und nutzt seinen guten Ruf nicht zum eigenen Vorteil aus. Im zweiten Teil des Tagesevangeliums wird das spezifisch Christliche dann durch direkte Ermahnungen an die Zuhörenden, die Jüngerinnen und Jünger Jesu damals und heute, weiter beschrieben: Sie sollen sich mit Wort und Tat an Jesus orientieren. Sie sollen keinen außer Gott Vater nennen und sich selbst nicht Rabbi nennen lassen. Nur Jesus ist ihr Lehrer.

Christliche Identität soll also geprägt sein von der Nachfolge Jesu. Die Jüngerinnen und Jünger sollen sich an Jesu Worten und Taten orientieren und beides, ihre Predigt und ihre Handlungen, daran messen und in Einklang miteinander bringen.

Für mich eine gute Anregung vier Wochen vor Beginn der Adventszeit, auf mein eigenes Leben, meine Gemeinschaft und meine Beziehungen zu schauen und mich von Jesus ansprechen zu lassen: "Ihr aber…" (Mt 23,8).

Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 23,1–12)

In jener Zeit sprach Jesus zum Volk und zu seinen Jüngern und sagte: Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und die Pharisäer. Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht.

Sie schnüren schwere und unerträgliche Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, selber aber wollen sie keinen Finger rühren, um die Lasten zu bewegen. Alles, was sie tun, tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden:

Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, sie lieben den Ehrenplatz bei den Gastmählern und die Ehrensitze in den Synagogen und wenn man sie auf den Marktplätzen grüßt und die Leute sie Rabbi – Meister – nennen.

Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.

Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Die Autorin

Schwester Jakoba Zöll ist Olper Franziskanerin. Sie arbeitet an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte und schreibt an Ihrer Promotion.

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