Alte weiße Männer ist kein Kompliment. Kein Kompliment mehr. Und das obwohl damit eine Gruppe von führenden Denkern und Leistungsträgern in der Gesellschaft, in Politik und Wirtschaft bezeichnet wird. Aber dieser Begriff kehrt die Perspektive um. Kübra Gümüşay schreibt in ihrem Buch "Sprache und Sein" dazu: "Begriffe wie Mansplaining, Alman oder alter weißer Mann erfahren Widerstand, weil sie die Perspektive umkehren: Die Beherrschten bezeichnen die Herrschenden und offenbaren damit nicht nur, wie spezifisch und unterdrückend Sichtweisen sein können, die sich als neutral verstehen, sondern verdeutlichen das Prinzip der Zuschreibung selbst." Mit dem Begrifft alte weiße Männer hat so eine Umkehr stattgefunden: die Minderheiten, denen sonst von den politisch Mächtigeren Namen gegeben werden wie Migranten, Alleinerziehende, Homosexuelle etwa, geben nun ihrerseits der politisch mächtigeren Mehrheit einen Namen. Alte weiße Männer steht da eher als ein Synonym für diejenigen, die Entwicklungen verhindern, auf Traditionen beharren, sich verteidigen.
Was aber, wenn ein alter weißer Mann die Veränderung ankündigt, wie es Johannes tut? Johannes steht noch für den alten Bund, die klassische jüdische Gesellschaft. Damit ist er per se respektiert, auf ihn wird gehört. Angekündigt im Benediktus-Gesang seines Vaters ist er aber auch derjenige, welcher der Veränderung den Weg bereiten wird. Johannes ist nicht der Messias, aber der Vorbote des Messias. Und so macht Johannes etwas Ungewöhnliches für seine Generation: Er reflektiert seine Macht und seine Grenzen und er versucht, neue Wege zu ermöglichen. Er erkennt in Jesus das Neue, Weltverändernde und begegnet ihm demütig – ohne Angst, aber erstmal mit dem Angebot, auf die eigene Macht zu verzichten. Er ist, wenn man so will, ein alter weißer Mann, der die Zuschreibungen verlässt.
Johannes macht deutlich, worum es bei der Umkehr und dem Neuanfang geht: Nicht darum, wer man ist. Sondern wohin man geht, wie die Perspektive ist, wie die Vision. Und um die Frage, wer man sein will – Geburtshelfer von Veränderungen, Mitgestalter einer Zukunft oder Beharrer auf den eigenen Privilegien.
Menschen wie Johannes sind wichtig, weil sie Brückenbauer sind – alte weiße Männer UND Mahner in schwierigen Zeiten, verbunden in der Tradition und bereit für das Neue. Und sie zahlen als Grenzgänger einen hohen Preis. Johannes fasziniert und stößt ab in seiner Gesellschaft. Er ist Jesu verbunden und hat seine eigenen Fragen an ihn, zu den Jünger:innen zählt er nicht. Gleichzeitig ist Weihnachten ohne ihn nicht denkbar, geht der Weg zum Neuen nur über solche Brücken zur Tradition. Johannes Einsamkeit und Überzeugung wird so zum Türöffner für eine neue Generation. Und so kann Johannes ein Vorbild sein für uns alle, die wir alt, mittelalt oder jung in der Kirche streiten und um die Kirche ringen.
"Friede den Menschen, die guten Willens sind" verkündigen die Engel an Weihnachten – und das sind wir alle, wenn wir den Willen haben, zusammen die Frohe Botschaft zu verkünden, zusammen Vorurteile zu überwinden – selbst, wenn uns das mal ein Vortritt-Lassen oder Recht-geben mehr kostet.
Evangelium nach Matthäus (Mk 1,1-8)
Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, Gottes Sohn.
Wie geschrieben steht beim Propheten Jesája – Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bahnen wird.
Stimme eines Rufers in der Wüste:
Bereitet den Weg des Herrn!
Macht gerade seine Straßen! —, so trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündete eine Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden.
Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.
Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig.
Er verkündete:
Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken und ihm die Riemen der Sandalen zu lösen.
Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.
Die Autorin
Sr. Birgit Stollhoff CJ gehört dem Orden Congregatio Jesu (auch bekannt als Mary-Ward-Schwestern) an, ist Leiterin des Jugendpastoralen Zentrums "Tabor" in Hannover und macht derzeit daneben die Ausbildung zur Pastoralreferentin im Bistum Hildesheim.
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