Pilsener Bischof zur laufenden Diözesansynode seines Bistums

Bischof Holub: Kirche muss sich Realität des 21. Jahrhunderts stellen

Veröffentlicht am 28.03.2025 um 00:01 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 7 MINUTEN

Pilsen ‐ Seit vergangenem Jahr veranstaltet das tschechische Bistum Pilsen eine auf drei Jahre angelegte Diözesansynode. Im katholisch.de-Interview spricht Bischof Tomáš Holub über die Beweggründe dafür, die inhaltlichen Themen, die bisherige Arbeitsatmosphäre und Unterschiede zum deutschen Synodalen Weg.

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Das tschechische Bistum Pilsen, das an die deutschen (Erz-)Bistümer Bamberg, Dresden-Meißen und Regensburg grenzt, hat im vergangenen Jahr eine Diözesansynode begonnen. Noch bis zum kommenden will die Diözese dabei über ihren Weg in die Zukunft diskutieren. Im Interview mit katholisch.de spricht der Pilsener Bischof Tomáš Holub über die Beweggründe für die Synode, deren Inhalte und die bisherige Atmosphäre bei den Beratungen. Außerdem zieht der 57-Jährige einen Vergleich zum Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland.

Frage: Bischof Holub, Ihr Bistum hat im vergangenen Jahr eine auf drei Jahre angelegte Diözesansynode gestartet. Warum?

Holub: Unsere Diözese steht – wie viele andere Diözesen auch – vor großen Herausforderungen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie wir den Menschen in unserer Diözese in Zukunft konkret helfen können, Christus zu begegnen. Das ist in erster Linie natürlich eine missionarische und pastorale Frage. Ihre Beantwortung hängt aber auch von handfesten finanziellen und personellen Voraussetzungen ab – und die werden in den kommenden Jahren absehbar nicht besser werden. Die Diözesansynode soll einen Raum schaffen, in dem wir uns in einer vertrauensvollen Atmosphäre gemeinsam diesen Herausforderungen stellen und nach Antworten suchen können.

Frage: Haben Sie allein entschieden, die Diözesansynode einzuberufen oder war die Entscheidung dafür bereits ein gemeinsamer Prozess?

Holub: Zuallererst geht die Entscheidung für die Synode auf ein Zeichen Gottes zurück. So habe ich es jedenfalls empfunden, als ich bei Exerzitien über die Situation der Diözese nachgedacht habe und mir im Gebet die Idee für eine Synode als geeignetem Ort für die Auseinandersetzung mit den vor uns liegenden Herausforderungen kam. Es ist meine Überzeugung, dass zentrale Fragen, die die Zukunft einer Diözese betreffen, nicht allein von einem Bischof oder einer kleinen Gruppe beantwortet werden sollten, sondern möglichst synodal von vielen Menschen.

Frage: Welche Rolle haben Papst Franziskus und die unter ihm erfolgte Stärkung synodaler Prozesse inklusive der Weltsynode zur Synodalität bei der Entscheidung für Ihre Diözesansynode gespielt?

Holub: Eine sehr große. Unsere Diözesansynode ist, wenn Sie so wollen, eine direkte Folge der Weltsynode zur Synodalität, und ich bin Papst Franziskus sehr dankbar dafür, dass er das Fenster der Synodalität so weit geöffnet hat. Wir versuchen bei uns im Kleinen das zu leben und umzusetzen, was im Großen in den vergangenen beiden Jahren in Rom vorgelebt wurde.

„Die größte Herausforderung ist, dass unsere kirchlichen Strukturen bislang überhaupt nicht darauf ausgerichtet sind, dass unsere Diözese Missionsgebiet ist.“

—  Zitat: Bischof Tomáš Holub

Frage: Das Leitwort Ihrer Synode lautet "Gemeinsam mit Hoffnung – Leben in Christus inmitten der heutigen Realität". Was wollen Sie mit diesem Motto zum Ausdruck bringen?

Holub: Als Christen sind wir gemeinsam mit Christus unterwegs, wir leben unser Leben mit ihm und aus ihm heraus. Und gleichzeitig leben wir als Christen in einer Gesellschaft, in der eine Mehrheit der Menschen noch nie etwas von Christus gehört oder sich gar bewusst gegen ihn entschieden hat. Dieser Realität und den damit einhergehenden Herausforderungen müssen wir uns stellen – in der Zukunft noch mehr als heute schon. Die Synode soll dafür einen Raum schaffen.

Frage: Sie haben schon angedeutet, dass sich Ihre Synode drei Schwerpunktthemen widmet: Mission, Organisation und Finanzen. Können Sie noch einmal näher erläutern, warum Sie sich gerade für diese drei Themen entschieden haben?

Holub: Zunächst: Ein Diözesansynode darf sich nur mit Themen befassen, die in der Verantwortung der Diözesen liegen und dort entschieden werden können. Von daher können grundlegende Fragen, die etwa die Lehre der Kirche als Ganzes betreffen und nur vom Papst oder einem Konzil entschieden werden können, nicht Thema bei einer Diözesansynode sein. Unser Ziel war es, uns möglichst konkret mit den zentralen Herausforderungen für unsere Diözese auseinanderzusetzen. Und da geht es, wie gesagt, ganz wesentlich um die Frage, auf welche Weise und mit welchen Mitteln wir den Menschen bei uns Christus nahebringen können. Welche Organisationsstruktur und wie viele Priester benötigen wir, um die frohe Botschaft des Evangeliums mit allen Menschen in unserer Diözese zu teilen? Und wie können wir das mit unseren begrenzten finanziellen Möglichkeiten schaffen?

Frage: Haben Sie im Rahmen Ihrer bisherigen Beratungen bereits Antworten auf diese Fragen gefunden?

Holub: So weit sind wir noch nicht. Wir haben die Synode in drei Phasen unterteilt, und in der ersten Phase haben wir uns im vergangenen Jahr zunächst mit dem Ist-Zustand in unserer Diözese beschäftigt. In der zweiten Phase wollen wir in diesem Jahr Ziele und mögliche Wege dorthin formulieren, über die dann in der dritten Phase im kommenden Jahr entschieden werden soll.

Frage: Mit Blick auf den Ist-Zustand: Was ist in der Mission die größte Herausforderung in Ihrem Bistum?

Holub: Die größte Herausforderung ist, dass unsere kirchlichen Strukturen bislang überhaupt nicht darauf ausgerichtet sind, dass unsere Diözese Missionsgebiet ist. Unsere Strukturen – also etwa die Art, wie wir unser pastorales Personal und unsere finanziellen Mittel einsetzen – gehen bisher nicht auf die Realität einer säkularen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ein. Wenn wir die Menschen bei uns mit Christus in Berührung bringen wollen, müssen wir uns in unseren Strukturen viel missionarischer aufstellen.

Bild: ©Bistum Pilsen

Bischof Tomáš Holub im Gespräch mit Delegierten bei der Vollversammlung der Pilsener Diözesansynode Ende Oktober 2024.

Frage: Die Themen Organisation und Finanzen drehen sich vor allem um die personellen und finanziellen Möglichkeiten Ihrer Diözese. Wie sieht es diesbezüglich bei Ihnen aus?

Holub: Gemessen an der Zahl unserer Pfarreien und der Zahl der Gläubigen haben wir aktuell noch genug Priester. Die Berufungen sind aber auch bei uns schon länger rückläufig. In wenigen Jahren werden wir deshalb mit deutlich weniger Priestern auskommen müssen. Das stellt uns vor große Probleme, zumal noch die Schwierigkeit hinzukommt, dass unsere Diözese sehr ländlich geprägt ist und die Gläubigen sehr verstreut leben. Wir müssen also eine große Fläche mit weiten Wegen bespielen – und das mit immer weniger Priestern.

Frage: Und die Finanzen?

Holub: Die sind derzeit noch solide – große Sprünge können wir uns aber nicht erlauben. Ich würde zwar nicht sagen, dass wir arm sind, wir müssen aber schon genau überlegen, was wir uns leisten können und was nicht. Und auch das wird in den kommenden Jahren sicher nicht einfacher werden.

Frage: Sie haben schon gesagt, dass Ihre Synode in drei Phasen unterteilt ist. Die erste Etappe ist im vergangenen Herbst zu Ende gegangen. Welches Zwischenfazit ziehen Sie?

Holub: Ein sehr positives. Es ist uns gelungen, in einer vertrauensvollen und wertschätzenden Atmosphäre miteinander ins Gespräch zu kommen und den Ist-Zustand unserer Diözese trotz unterschiedlicher Positionen und Perspektiven gemeinsam zu analysieren. Der gute Geist des Miteinanders hat sich besonders bei der Vollversammlung der Synode Ende Oktober gezeigt. Mein Eindruck ist, dass alle Delegierten im ersten Jahr zu einer synodalen Gemeinschaft zusammengewachsen sind, und ich hoffe, dass wir diese positive Atmosphäre auch bei den weiteren Beratungen erleben werden.

Frage: Bei den Synodalversammlungen des Synodalen Wegs der katholischen Kirche in Deutschland ging es nicht immer so harmonisch zu, wie Sie es von Ihrer Synode schildern. Haben Sie eine Erklärung für diesen atmosphärischen Unterschied?

Holub: Ich denke, dass das vor allem zwei Gründe hat. Erstens habe ich frühzeitig entschieden, die Beratungen unserer Synode – anders als beim Synodalen Weg in Deutschland – nicht live im Internet übertragen zu lassen. Dadurch können die Debatten bei uns wirklich in einem geschützten Raum stattfinden, in dem es nicht um Effekthascherei geht, sondern gemeinsame Gespräche und die gemeinsame Suche nach Lösungen im Vordergrund stehen.

„Im Gegensatz zu unseren Brüdern und Schwestern in Deutschland konzentrieren wir uns bei unserer Synode auf Themen, für die wir auf diözesaner Ebene eine Entscheidungskompetenz haben.“

—  Zitat: Bischof Tomáš Holub

Frage: Und zweitens?

Holub: Im Gegensatz zu unseren Brüdern und Schwestern in Deutschland konzentrieren wir uns bei unserer Synode auf Themen, für die wir auf diözesaner Ebene eine Entscheidungskompetenz haben – so, wie es das Kirchenrecht für Diözesansynoden vorsieht. Ich denke, es ist für Delegierte auf Dauer motivierender, wenn sie durch ihre Arbeit konkret Einfluss auf die Entwicklung ihrer Ortskirche nehmen können, statt sich vorrangig an Themen abzuarbeiten, die nur in Rom entschieden werden können.

Frage: Wenn Sie auf das geplante Ende Ihrer Synode im kommenden Jahr blicken: Was ist Ihr Ziel? Was erhoffen Sie sich?

Holub: Ich hoffe, dass wir am Ende der Synode zu gemeinsamen Entscheidungen kommen werden, die uns unserem Ziel näherbringen, möglichst viele Menschen in unserer Diözese mit Christus in Berührung zu bringen. Klar ist, dass es dafür Veränderungen in unseren Strukturen, aber auch in unserem Denken braucht. Wie diese Veränderungen genau aussehen müssen, wird Gegenstand der weiteren Beratungen sein, denen ich nicht vorgreifen möchte.

Frage: Nach Ihren bisherigen Erfahrungen: Sind Sie froh, dass Sie die Diözesansynode begonnen haben?

Holub: Ich bin nicht nur froh – ich bin begeistert und dankbar, dass und wie wir diesen Weg in unserer Diözese gemeinsam gehen. Nach den bisherigen Erfahrungen kann ich anderen Diözesen nur wärmstens empfehlen, sich ebenfalls auf einen solchen Weg zu begeben.

Von Steffen Zimmermann