Sie heißen Sankt Pius, Sankt Josef, Heilige Dreifaltigkeit oder Arche Noah und bieten Betreuung mit christlichem Kontext für Kinder bis zum Schuleintritt: Rund 23,6 Prozent der Kindertagesstätten in NRW sind in katholischer Trägerschaft. Allein im Erzbistum Köln sind das rund 540 Einrichtungen mit etwa 31.000 Kindern. Eine riesige Zahl – doch ob sie auch in Zukunft in dieser Größenordnung existieren, ist ungewiss. Der Bedarf an Kinderbetreuung ist da, aber viele Einrichtungen haben eines gemeinsam: Geldsorgen.
Dass Kindertagesstätten in Deutschland ganz allgemein unter einem enormen personellen und finanziellen Druck stehen, ist schon länger bekannt. Dem seit 2013 bestehenden Rechtsanspruch auf eine Betreuung Unter-Dreijähriger (U3) steht immer noch eine tatsächliche Lücke an Plätzen gegenüber. Bundesweit fehlten über 306.000 U3-Kitaplätze, rechnete erst im Oktober 2024 das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) aus. Umso dramatischer wirkt der Alarm, den vor allem freie Träger wie die Kirchen nun angesichts der finanziellen Situation ihrer bereits bestehenden Einrichtungen schlagen. Ende 2024 warnte Helmut Dedy, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags, gegenüber der "Welt", vor weiteren Überlastungen der Kommunen, wenn freie Träger wie die Kirchen bei der Finanzierung ausfallen.
Besonders kleine Kitas haben Probleme
Die Träger sehen sich perspektivisch nicht mehr in der Lage, ihren Eigenanteil an der Finanzierung der Kitas weiter in vollem Umfang zu schultern. Das Land Nordrhein-Westfalen ist ein Beispiel, wie Florian Strecker vom Katholischen Büro in Düsseldorf weiß. Besonders für kleinere Kitas auf dem Land mit weniger als vier Gruppen, die womöglich in einem älteren Gebäude mit Sanierungsbedarf untergebracht sind, sei die Lage prekär. "Da kann es sein, dass schon eine kaputte Heizung, dazu führt, dass die Kita schließen muss", sagt Strecker. Rund die Hälfte der katholischen Kitas im Bundesland an Rhein und Ruhr, so schätzt er, haben eine solche strukturelle Voraussetzung.
Kita-Träger haben zunehmend Probleme, den Eigenanteil bei der Kita-Finanzierung zu übernehmen.
10,3 Prozent der Kosten pro Kind müssen die Kirchen aktuell selbst zahlen. Das ist mehr als bei anderen freien Trägern wie etwa der Arbeiterwohlfahrt oder dem Paritätischen Wohlfahrtsverband. Begründet wird das mit den Einnahmen aus der Kirchensteuer – aber die kann das Finanzloch kaum stopfen. "Immer höhere Personalkosten und Kostensteigerungen durch Inflation lassen sich kaum noch kompensieren und werden vom Land NRW nur unzureichend aufgefangen", erklärt Strecker.
Besonders auf dem Land ist das ein Problem. Dort gibt es oft kleinere Kitas, die aber ähnliche Fixkosten stemmen müssen wie große Kitas in städtischen Ballungsräumen. Dass eine Einrichtung wegen Geldproblemen schließen muss, ist dabei nur der letzte Schritt. Aber auch eine Reduzierung des Betreuungsangebots zum Beispiel von 45 Stunden auf 35 Stunden pro Woche kann berufstätige Eltern vor Probleme stellen.
Effizientere Verwaltung, Sparmaßnahmen
Da wirksam gegenzusteuern, ähnelt einer Quadratur des Kreises. Eine effizientere Verwaltung durch neugeordnete Trägerstrukturen, allgemeine Sparmaßnahmen und ein gleicher Eigenanteil für alle Träger sind aus kirchlicher Sicht einige Ideen. Tatsächlich haben in NRW mehrere Bistümer begonnen, die Verwaltungen der Kitas zentral auf Bistumsebene zu regeln, statt damit einzelne Kirchengemeinden vor Ort zu belasten. "Für eine Kirchengemeinde ist so eine Kita-Verwaltung oft die aufwändigste Aufgabe überhaupt, die viele Ressourcen verschlingt", sagt Agnes Busch. Die Diplom-Kauffrau ist beim Erzbistum Köln Bereichsleiterin für KiTa-Entwicklung und -Steuerung sowie Geschäftsführerin des neu gegründeten zentralen Kita-Trägers "Katholino". "Eine Kita-Leitung muss man sich schließlich ähnlich einer Bereichsleitung in einem großen Unternehmen vorstellen: Personalverantwortung für 30 bis 40 Mitarbeiter, Rede und Antwort stehen gegenüber den Eltern, dazu die Verantwortung für Finanzen und eben auch Verwaltung".
Alle sind sich einig, wie wichtig frühkindliche Bildung und auch eine Vielfalt der Träger in diesem Bereich ist. Dann muss eben auch mehr Geld ins System fließen.
— Florian Strecker, Katholisches Büro NRW
Rund 60 bis 70 Millionen Euro wendet das Erzbistum jedes Jahr für den Eigenanteil seiner Kitas auf. Um hier Entlastung zu schaffen, ist auf Bistumsebene eine Service-Gesellschaft für die Verwaltung gegründet worden. Das besondere hier: Die Erzdiözese hat sich mit einem externen Partner zusammengetan, dem in NRW stark vertretenen freien Träger Fröbel. So hofft man auf Synergie-Effekte. "Fröbel ist in Sachen Verwaltung sehr professionell und weit vorn, wir wollen da noch effektiver und effizienter werden. Wir profitieren zum Beispiel, indem wir das moderne Buchhaltungssystem und auch die IT-Infrastruktur von Fröbel übernehmen", sagt Agnes Busch. Durch die Entlastung, so Busch, sollen sich die Kitas im Erzbistum künftig wieder stärker auf ihre Kernkompetenz konzentrieren können – nämlich Pädagogik und pastorale Anbindung an die jeweiligen Pfarreien. "Das ist unser Alleinstellungsmerkmal und nicht die Verwaltung".
Finanzbuchhaltung, Einkauf, Controlling – all diese Bereiche werden künftig mit der Unterstützung von Fröbel erledigt. Seit März befinden sich sechs Kitas in einem Pilotprojekt, ab dem Sommer sollen die neuen Abläufe in 35 ausgewählten Kitas angewendet und dann Schritt für Schritt auf das ganze Erzbistum übertragen werden.
Katholisches Büro: Es muss mehr Geld ins System
Florian Strecker vom Katholischen Büro begrüßt Vorstöße wie im Erzbistum Köln: "Sie allein werden das Finanzproblem im Kitabereich aber nicht lösen, sondern können höchsten ein Baustein sein", ist er überzeugt. Eine umfassende Lösung sieht Strecker nur in einem gesellschaftlichen und politischen Umdenken: "Alle sind sich einig, wie wichtig frühkindliche Bildung und auch eine Vielfalt der Träger in diesem Bereich ist. Dann muss eben auch mehr Geld ins System fließen", fordert er. Auch das gerade von der künftigen Bundesregierung beschlossene Sondervermögen für Infrastruktur in Höhe von 500 Milliarden Euro könnte da eine gute Quelle sein. "Wenn man will, dass möglichst viele Eltern früh und in größerem Umfang nach der Geburt ihrer Kinder wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, muss die Politik auch die entsprechenden Voraussetzungen schaffen", so Strecker.
Sogenannte multiprofessionelle Teams, in denen neben ausgebildeten Erzieherinnen und Erziehern auch Angehörige anderer Berufe wie Lehrer, Psychologinnen, Logopädinnen oder pädagogisch weniger qualifizierte Mitarbeiter zum Einsatz kommen, bieten aus Streckers Sicht Chancen, sind aber in ihrem Möglichkeiten begrenzt: "Schwierig ist immer wieder die Frage, wann diese Kräfte zum Einsatz kommen: das Wickeln scheint eine vergleichsweise einfache Tätigkeit zu sein, ist aber sehr intim; die Abholsituation wiederum ist mit dem pädagogischen Gespräch mit den Eltern verbunden", verdeutlicht er.
Die Suche nach der Quadratur des Kreises geht also einstweilen weiter. Dabei bietet der Kita-Bereich doch gerade für die Kirchen auch große Chancen: Schließlich ist er eines der Felder, in denen das kirchliche Engagement positiv besetzt ist – und in denen sie Kontakt zu Menschen und Familien halten kann, die mit der Kirche sonst kaum noch Berührungspunkte haben.