1955 fuhr der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Moskau und verhandelte die Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen. Seitdem beten Männer das ganze Jahr über für den Frieden, heute in der kleinen Kapelle auf dem Lindenberg im Schwarzwald. Michael Hikisch ist einer von den 800 Männern aus dem ganzen Erzbistum Freiburg, die dort zum Beten hinfahren – ursprünglich rund um die Uhr. Im Interview erzählt er von seinen Erfahrungen.
Frage: Herr Hikisch, wie sind Sie dazu gekommen, sich an der Gebetswache auf dem Lindenberg zu beteiligen?
Hikisch: Leute aus dem Bekannten- und Freundeskreis haben das schon immer gemacht. Sie haben mir das sehr angepriesen, ich wollte aber noch lange nichts davon wissen. Dann hat ein Verantwortlicher aber vor ein paar Jahren das Interesse bei mir geweckt und ich konnte mal reinschnuppern. Ich bin da zwar nicht mit allem einverstanden, aber ich habe schon gemerkt, dass diese Art der Spiritualität zu mir passt. Seit sieben Jahren bin ich nun dabei. Das tut mir gut.
Frage: Inwiefern?
Hikisch: Man kommt auf dem Lindenberg zur Ruhe und bekommt mehr Bodenkontakt mit dem Herrn. Durch das Gebet ist man mehr geerdet. Das verschwindet im Alltag oft. Man denkt zwar dran und betet, aber da oben ist das was anderes. Da ist es tiefgründiger, bewusster.
Frage: Was macht das Beten bewusster?
Hikisch: Man lässt sich auf diese Zeit mehr ein. Ich persönlich klinke mich da auch immer aus. Andere tauschen sich dann vor Ort auch etwas mit den Männern aus, die da sind. Ich tue das nicht in dem Maße, ich klinke mich meist aus. Wenn meine Gebetszeit rum ist, bin ich wenig mit den anderen zusammen. Das ist für mich eine Art Exerzitien: Mit viel Stille, zum Runterkommen. Ich lasse mich da auf Jesus ein – auch, wenn es ein Marienwallfahrtsort ist. Für mich persönlich ist Jesus Christus die zentrale Mitte.
Seit 70 Jahren wird auf dem Lindenberg gebetet.
Frage: Wie ist denn dann auf dem Lindenberg Ihr Tagesablauf?
Hikisch: Ich bin immer eine Woche dort. Es gibt dann einen Gebetsplan, auf dem die einzelnen Gruppen eingetragen sind. Meistens sind es pro Schicht zwei bis drei Männer. Tagsüber dauert eine Schicht eine Stunde, man wechselt sich dann mit den anderen Gruppen ab. Tagsüber betet man still. Nachts dauern die einzelnen Einheiten zwei Stunden und es wird laut gebetet.
Frage: Was sind das für Gruppen?
Hikisch: Wir kommen alle aus dem Bezirk Bad Säckingen-Dinkelberg des Katholischen Männerwerks. Es sind dann verschiedene Männergruppen aus verschiedenen Dekanaten oben. Jedes Jahr im Herbst wird mit den Gruppen aus den verschiedenen Dekanaten ein Jahresplan gemacht, wer wann vorbeikommt. Da kann man eintragen, in welcher Woche man mit seiner Gruppe auf den Lindenberg gehen möchte. Dann wird in Freiburg organisiert, welche Einheit wann da ist.
Frage: Kennen Sie dann die Menschen, mit denen Sie zusammen beten?
Hikisch: Da lernt man schon neue Leute kennen. Ich bin mit meinen 64 Jahren im Vergleich noch sehr jung, die Älteren kennen sich schon meistens untereinander. Aber wenn man mehrere Male mit war, trifft man schon auf viele vertraute Gesichter. Ab und zu kommen auch neue Männer dazu, aber das ist eher selten. Die meisten Männer sind in ihren 70ern oder 80ern, das geht bis 90 Jahre hoch. Denn wer berufstätig ist, muss dafür ja auch immer Urlaub einplanen und das ist insbesondere mit Familie oft nicht einfach.
Frage: Es gibt also schon das Problem der Überalterung?
Hikisch: Auf jeden Fall. Wir beten auch nicht mehr rund um die Uhr, weil das besonders für die Älteren viel Kraft kostet. Wir beginnen um 6 Uhr und beten dann bis Mitternacht. In naher Zukunft werden wir das wohl auf den Zeitraum 8-21 Uhr herunterkürzen.
Ich bin so tief im Glauben und habe meinen Austausch mit dem Herrn direkt. Da hat mich diese Zeit nicht so sehr verändert.
— Michael Hikisch
Frage: Was beten Sie denn da so?
Hikisch: Wir haben Gebetshefte, in denen Gebetsimpulse stehen. Da kann man sich dran halten, muss man aber nicht. Ich mache mir persönlich im Vorfeld eine Liste, für wen und was ich beten möchte. Das Hauptanliegen auf dem Lindenberg ist der Frieden in der Welt, aber ich bete auch für meine Familie, für mein Umfeld – und alles, was mir sonst noch so einfällt.
Frage: Spielen auch Grundgebete wie etwa der Rosenkranz eine Rolle?
Hikisch: Der ist auch dabei. Aber da die Gebetseinheiten still sind, ist da jeder frei, wie er es hält. Eine tägliche Rosenkranzeinheit bei Laudes und Vesper sowie jeden Tag eine Eucharistiefeier sind gesetzt. Zudem verlassen wir einmal in der Woche die Kapelle und beginnen am Fuße des Lindenbergs an der dortigen Quelle den Kreuzweg. Dort soll es im Mittelalter eine Marienerscheinung gegeben haben. Von dort gehen wir dann den Kreuzweg betend hoch zur Kapelle.
Frage: Hat Sie das Gebet auf dem Lindenberg verändert?
Hikisch: Nein. Ich bin so tief im Glauben und habe meinen Austausch mit dem Herrn direkt. Da hat mich diese Zeit nicht so sehr verändert. Es ist halt bewusster, aber es hat meine spirituelle Verortung nicht geändert.
Frage: Wie kommen Sie vom Lindenberg zurück in den Alltag?
Hikisch: Ich bin gestärkt, zufriedener und ruhiger. So geht es glaube ich den anderen auch. Sonst würden wir dort nicht hingehen. Wir freuen uns auch alle jedes Jahr auf diese Zeit.