Cranach-Triegel-Altar zieht viele zum Campo Santo am Petersdom

Wie ein deutscher Kunst-Streit Weihnachtsfreude nach Rom bringt

Veröffentlicht am 24.12.2025 um 00:01 Uhr – Von Sabine Kleyboldt (KNA) – Lesedauer: 

Rom ‐ Er ist ein Geheimtipp: Der Campo Santo Teutonico am Petersdom. Derzeit beherbergt das deutschsprachige Zentrum ein besonderes Kunstwerk – mit anrührender Geschichte um einen in Rom gestorbenen Obdachlosen.

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Seit Tagen sorgen der riesige Papst-Christbaum und die Monumental-Krippe auf dem Petersplatz für weihnachtliche Stimmung. Nur wenige Schritte entfernt lockt eine echte Kunst-Attraktion viele Menschen an: der berühmte Cranach-Triegel-Altar aus Naumburg, der zurzeit "Kirchenasyl" im deutschsprachigen Campo Santo am Petersdom genießt. Dahinter steckt eine ebenso erstaunliche wie anrührende Geschichte. Die Akteure: Ein deutscher Maler, ein in Rom gestorbener Obdachloser, Sankt Petrus und der Papst.

Begonnen hatte es 2022, als der Flügelaltar von Lukas Cranach (1472-1553) in den Naumburger Dom zurückkehrte. Ein während der Reformation zerstörtes Teil des um 1520 geschaffenen Kunstwerks hatte der Leipziger Künstler Michael Triegel ergänzt. Seither wollen Unesco-Gremien dem evangelischen Dom den 2018 verliehenen Welterbetitel entziehen, weil sie den Altar zu dominant für den Standort finden. Daher musste er – vorläufig – weichen.

Auf der Suche nach einer Herberge kamen die Eigentümer in Naumburg auf den Campo Santo in Rom. Und so thront seit November das 1,3 Tonnen schwere Kleinod für zwei Jahre in der Kirche Santa Maria della Pietà neben dem Petersdom – und verbreitet mit Maria und dem Jesuskind zusätzlichen weihnachtlichen Glanz.

Ein besonderes Schicksal

Dass die Geschichte mit dem Schicksal eines obdachlosen Deutschen zusammenhängt, ahnten weder die Vertragspartner aus Sachsen-Anhalt noch die Erzbruderschaft des Campo Santo: Auf der Mitteltafel hat Triegel, der bereits Papst Benedikt XVI. porträtierte, viele Figuren nach realen Vorbildern verewigt; darunter einen jüdischen Rabbi an der Klagemauer als Paulus und: Burkhard Scheffler. Der Deutsche lebte seit etwa 2010 ohne festen Wohnsitz auf Roms Straßen. Er erfror im November 2022 nahe dem Vatikan im Schlaf – trotz der Fürsorge kirchlicher Sozialarbeiter am Petersplatz.

Papst Franziskus (2013-2025), der oft zur Hilfe für sozial benachteiligte Menschen aufrief, trauerte damals um den Mann. Auf seinen Wunsch wurde der Mittellose auf dem Campo Santo beerdigt, wo seit rund 1.200 Jahren Pilger aus deutschsprachigen Ländern ihre letzte Ruhe finden. Nebenbei: Scheffler ist der einzige Protestant, der auf dem idyllischen Friedhof begraben ist.

Kirche im Campo Santo Teutonico
Bild: ©KNA/Benedikt Heider

Die Kirche am deutschen Friedhof "Campo Santo Teutonico".

Und damit schließt sich ein Kreis: Während Scheffler unter einer schlichten Grabplatte direkt an der Kirchenmauer ruht, ist er in der Kirche als Heiliger Petrus mit grauem Bart und roter Basecap auf Triegels Altar-Bild zu sehen. Ein erstaunlicher Zufall – von dem auch der Künstler selbst nichts ahnte. Der Mann mit dem imposanten Bart sei ihm einmal in Rom aufgefallen; er habe ihn gefragt, ob er ihn porträtieren dürfe, und sein eindrückliches Gesicht dann für die Petrus-Figur verwendet. Von seinem weiteren Schicksal wusste er nichts.

Für Campo-Santo-Rektor Peter Klasvogt wirkt all dies immer noch wie ein kleines Weihnachtswunder; nicht nur, weil sich das Kunstwerk, das zumeist vormittags sowie sonntags zu Messzeiten zu sehen ist, als Besuchermagnet erweist. Der Gast-Altar mit Maria und dem neugeborenen Jesuskind sei wie eine Antwort auf den Hauptaltar der 1502 geweihten Kirche, auf dem die um ihren am Kreuz gestorbenen Sohn trauernde Madonna dargestellt ist. "Hier stehen sich Geburt und Tod in einem theologisch-existenziellen Dialog gegenüber – und wir als Gemeinde sind praktisch dazwischen."

Verlorene Mitte

Triegel habe der Welt mit dem Bild ihre verlorene Mitte wiedergeben wollen: "Diese Mitte, das ist das kleinste, schwächste, nackigste Kind, was Maria uns da entgegenhält und sagt, das ist der Erlöser der Welt", so Klasvogt. "Das finde ich wunderbar." Dass die evangelische Dom-Gemeinde in Naumburg dank des "Kirchenasyls" nun die Möglichkeit erhält, eine Lösung für das Kunstwerk zu finden, sei ein Akt ökumenischer Gastfreundschaft, meint der Rektor.

Passend dazu leitet der "Ökumeneminister" des Papstes, Kurienkardinal Kurt Koch, die Weihnachtsmesse am 25. Dezember. Leo XIV. selbst besuchte den Campo Santo im November: Der Nachfolger des Petrus hielt ein kurzes Gebet auf dem uralten Friedhof – dort, wo ein obdachloser Mann ruht, der nun als Heiliger Petrus auf einem berühmten Altarbild verewigt ist.

Von Sabine Kleyboldt (KNA)