Von Taubenkot bis Schwarzer Messe: Das Schicksal geschlossener Kirchen

Die Geschichte der seit 2008 geschlossenen Kirche Sankt Antonius in Bochum dürfte für Gläubige vor Ort durchaus schmerzhaft gewesen sein: Als "Satanskirche" erwarb sich das Gotteshaus zwischenzeitlich einen zweifelhaften Ruf. Außen von Taubenkot übersät, prangte auf der Wand hinter dem Altar ein riesiges Graffiti in roten Farben, darauf ein Teufel mit zwei Hörnern und weit aufgerissenem Maul. Auch der Altar selbst wurde besprüht. "Es gab sogar Videos über Schwarze Messen, die dort gefeiert wurden", sagt Susanne Scholz, Referentin für die Umnutzung kirchlicher Immobilien im Bistum Essen. Das Problem: Zu diesem Zeitpunkt war die profanierte Kirche längst an einen Investor verkauft – der musste aber lange auf eine Baugenehmigung warten. Die Kirche stand einfach leer herum. Doch das Blatt wendete sich. Heute ist der frühere "Lost Place" ein Vorzeigeprojekt. Im ehemaligen Kirchenschiff sind Eigentumswohnungen entstanden, der Kirchturm ist erhalten und erinnert an die frühere Nutzung.
Instandhaltung kostet 25.000 Euro im Jahr
Solche extremen Fälle sind eine Ausnahme. Das grundsätzliche Problem, dass aufgegebene Kirchen länger ungenutzt sind, bevor sie eine neue Bestimmung bekommen, gibt es deutschlandweit aber häufiger – mit durchaus gravierenden Konsequenzen: "Eine geschlossene Kirche einigermaßen instand zu halten, kostet die besitzende Kirchengemeinde rund 25.000 Euro im Jahr", rechnet Klaudius Krusch vor. Er ist Abteilungsleiter für Kirchenentwicklung im Ruhrbistum. In den ohnehin eher angespannten Etats der Gemeinden könne das ein ziemlich großer Posten sein. Tut man jedoch nichts, werden die Zeichen eines Leerstands schnell sichtbar: Das Außengelände wirkt ungepflegt, die Fenster sind dreckig oder gehen kaputt, Türen wirken morsch. Solange der zugehörigen Pfarrei die Kirche noch gehört, muss sie allerdings etwaige Gefahren für die Umgebung etwa durch herabfallende Dachziegel ausschließen und das Gebäude "verkehrssicher" halten. Wichtige Reparaturen müssen dann durchgeführt und bezahlt werden – obwohl klar ist, dass die Gemeinde das Gebäude nie wieder nutzten wird. Und abgesehen davon, dass sich ungenutzte Gebäude im Stadtbild nicht gut machen, werden möglicherweise ungebetene Gäste angezogen. "Das letzte, was man in einer solchen Situation machen will, ist einen Bauzaun aufzustellen", so Krusch. "Das ist dann wirklich das Signal an alle: Hier steht eine Kirche leer."
Neue Nutzungsmöglichkeiten für geschlossene Kirchen gibt es viele. Auch Gastronomien sind eine Möglichkeit.
Eine gewisse Übergangszeit ganz zu vermeiden, ist allerdings kaum möglich. Schließlich muss für die aufgegebene Kirche ein Investor gefunden, die Formalien des Verkaufs erledigt und dann für die neue Nutzung Planungen erstellt und Genehmigungen eingeholt werden. "So können leicht bis zu fünf Jahre vergehen", erklärt Susanne Scholz. Kirchen und die dazugehörigen Gebäude wie Pfarrheime sind außergewöhnliche, oft große und sperrige Immobilien, die Investoren nicht für jeden Zweck beliebig nutzen können. Sie bilden eher eine Nische auf dem Immobilienmarkt. Gleichzeitig wünschen sich Gemeinden und Bistümer seriöse neue Eigentümer und eine möglichst sinnvolle, ethische Nachnutzung: Wunschziel ist ein caritativer Zweck wie etwa ein Altenheim oder ein Kindergarten mit einem klimafreundlichen nachhaltigen Baukonzept. Erst wenn sich mit diesen Zielvorgaben kein Interessent findet, kommen in einer zweiten Runde auch bestimmte kommerzielle Nutzungen wie Eigentumswohnungen infrage. Einrichtungen wie Spielhallen, Waffengeschäfte oder Bordelle werden aber auch dann nicht in Betracht gezogen. Als allerletzter Ausweg bleibt der Abriss der Kirche – zumindest, wenn sie nicht denkmalgeschützt ist. "Das ist aber wirklich nur die Ultima Ratio. Wir versuchen alles, um das zu vermeiden", beteuert Klaudius Krusch. Manchmal passiert es dann aber doch: Von 14 aufgegebenen Kirchen in der Stadt Duisburg beispielsweise mussten bisher acht abgerissen werden, bistumsweit schätzt Krusch den Anteil auf etwa ein Drittel der längerfristig geschlossenen Kirchengebäude. Deutschlandweit wurden 2025 mindestens 46 römisch-katholische Kirchen und Kapellen aufgegeben.
Birken aus dem Kirchturm
Bisweilen kommt aber auch von anderer Seite Schwung in die Geschichte – so wie bei der ehemaligen Marienkirche in Bochum. Sie ist zum "Anneliese Brost Musikforum" geworden, dem neuen Zuhause für die Bochumer Philharmoniker. Der ehemalige Kirchenraum ist jetzt Veranstaltungsraum und Foyer für zwei neugebaute Konzertsäle. Auch diese Lösung war zu Beginn noch nicht abzusehen: 2002 fand in dem denkmalgeschützten Gotteshaus der letzte Gottesdienst statt, mehrere Ideen zu einer neuen Nutzung scheiterten. Schließlich begann an prominenter Stelle in der Innenstadt eine Kirche zu verwahrlosen. Zwischenzeitlich konnten die Passanten Zweige von sich dort ansiedelnden Birken aus dem Turm wachsen sehen. "Durch diesen sichtbaren Verfall ist die Zivilgesellschaft auf den Fall aufmerksam geworden und es hat sich eine breite Bewegung für den Erhalt des Gebäudes gebildet", erzählt Klaudius Krusch. Die Stadt Bochum kaufte die Kirche, auch einige prominente Unterstützer fanden sich – wie etwa der Sänger Herbert Grönemeyer und vor allem die Verlegerin und Mäzenin Anneliese Brost, nach der das Forum nun benannt ist. Doch bis es im Jahr 2016 eröffnen konnte, waren insgesamt 14 Jahre vergangen, in denen die Kirche leer stand. "So lange haben die Menschen in Bochum mit dem leerstehenden Gebäude gelebt", sagt Susanne Scholz.
„Ungenutzte Kirche werden zum Stadtbild in Deutschland gehören. Daran müssen wir uns gewöhnen.“
Ähnliche Fälle, in denen sich die Anwohner in der Stadt oder im Ortsteil für den Erhalt "ihrer" Kirche einsetzen, gibt es auch an weniger spektakulären Stellen. In der Bevölkerung falle die Tatsache, dass eine Kirche geschlossen wurde, bisweilen nicht schon mit dem letzten Gottesdienst auf, sondern erst dann, wenn der Leerstand auch von außen sichtbar werde, weiß Susanne Scholz. "Die Menschen haben die Kirche vielleicht jahrelang nicht mehr betreten, aber wenn sie mitbekommen, dass sie dauerhaft geschlossen ist, berührt sie das und sie sind enttäuscht. Das ist ein bisschen vergleichbar mit dem Elternhaus, in dem man lange nicht mehr war. Aber es tut dann trotzdem weh, wenn es verkauft wird."
Im Bistum Essen gibt es eine Abteilung mit sieben Mitarbeitenden, die sich ausschließlich mit der Vermarktung aufgegebener Kirche befassen. Im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands musste im Ruhrgebiet besonders früh damit angefangen werden, Kirchen zu schließen – unter anderem eine Folge davon, dass in der Nachkriegszeit mit viel Optimismus eine für heutige Verhältnisse viel zu große Zahl Gotteshäuser gebaut worden war. Doch auch andernorts werden Kirchengebäude nicht mehr gebraucht und es entsteht ein Bewusstsein für die Frage, wie mit der Übergangszeit umzugehen ist. Eine beispielhafte Anfrage von katholisch.de in einigen Bistümern zeigt, dass die Dringlichkeit der Lage deutlich variiert. In der Erzdiözese München und Freising "musste in jüngerer Vergangenheit nur eine Kirche ganz geschlossen werden", heißt es von der dortigen Pressestelle. Wie mit für längere Zeit leerstehenden Kirchen umzugehen ist, ist dort noch weitgehend Zukunftsmusik. Im Rahmen des Projekts "Immobilien und Pastoral" sollen Kirchengemeinden aber jetzt schon analysieren, welche Gebäude und Immobilien sie noch brauchen und wie diese erhalten werden können. Ähnlich geht das Erzbistum Hamburg vor, wo die Kirchengemeinden im Rahmen einer "Vermögens- und Immobilienreform“ (VIR) ihre Immobilien nach wichtigen und weniger wichtigen Gebäuden priorisieren. Für solche, die in der Prioritätenliste weiter unten landen, sollen alternative Nutzungen gefunden werden. Nach den Angaben wurden in diesem Prozess im gesamten Erzbistum bisher fünf Kirchen profaniert, weitere sollen folgen. Im Bistum Dresden-Meißen wurden seit der Jahrtausendwende etwa ein Dutzend Kirchen und etwa doppelt so viele Kapellen und Kappellenräume entwidmet. Dort entstand unter anderem Wohnraum, aber es wurden auch Gebäude abgerissen. Hier ist die Situation insofern besonders, als in der Nachkriegszeit bisweilen Kirchen in schon bestehende "Funktionsbauten" hineingebaut wurden – "vom Gasthaus über die Fabrikantenvilla bis hin zur Scheune", heißt es von der Pressestelle. Entsprechend leichter sei es nun auch, sie wieder umzuwidmen.
Immer mehr Konkurrenz
Egal, wie dringend das Problem heute schon ist: Angesichts des Schrumpfens der Kirche müssen sich Gemeinden überall in Deutschland darauf einstellen, dass künftig noch mehr Gebäude geschlossen werden müssen – und es dann mindestens für eine gewisse Zeit auch bleiben: "Ungenutzte Kirche werden zum Stadtbild in Deutschland gehören. Daran müssen wir uns gewöhnen", sagt Susanne Scholz.
Aus ihrer Sicht wird es künftig noch schwieriger werden, gute Investoren zu finden. Das Angebot ist schlicht zu groß: "Zunehmend sind auch evangelische Gotteshäuser mit den zugehörigen Pfarrheimen auf dem Markt. Dann haben sie in einem Dorf oder in einem Stadtteil vielleicht zwei solcher Gebäude, die miteinander um Investoren konkurrieren." Aber auch hier kann es Hilfe von kreativer Seite geben. So ist im kommenden Jahr die Kunstaktion "Manifesta" zu Gast im Ruhrgebiet. Thema: die Umnutzung von geschlossenen Kirchen. Scholz und ihr Chef Klaudius Krusch hoffen, dass durch solche und ähnlich Aktionen das Thema "geschlossene Kirchen" weiter ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt. Und wer weiß, vielleicht wird ja auch auf diesem Weg der ein oder andere Investor auf ein attraktives Gebäude aufmerksam.