Skatermütze trifft Ordenstracht bei christlichem Großereignis in Augsburg

Freudenklänge überschallen Misstöne – Tausende bei "Mehr"-Festival

Veröffentlicht am 06.01.2026 um 14:52 Uhr – Von Christopher Beschnitt (KNA) – Lesedauer: 

Augsburg ‐ Von Samstag bis Dienstag hat in Augsburg das "Mehr"-Festival stattgefunden, eines des größten Christen-Events hierzulande. Motto: "The sound of joy" – Der Klang der Freude. Freudenklänge gab's in der Tat, aber nicht nur.

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Am Anfang war sie unsicher. "Ich wusste ja nicht, was da vielleicht für, na ja, interessante Menschen herumlaufen", sagt Johanna Dresen. Die 41-Jährige ist zum ersten Mal auf dem "Mehr"-Festival in den Augsburger Messehallen, einer der größten Veranstaltungen für Christen aller Bekenntnisse im deutschen Sprachraum. Organisiert wird das viertägige Ereignis jeden zweiten Jahresbeginn vom Augsburger Gebetshaus unter der Leitung des katholischen Theologen Johannes Hartl. Ihm zufolge zählte die "Mehr"-Ausgabe 2026 über 11.000 Besucher und Besucherinnen. Johanna Dresen ist eine davon, eigens angereist aus Ostwestfalen.

"Wir wollten unseren Kindern zeigen, dass Glaube nicht nur so aussieht wie zu Hause in der Kirche, wo man hauptsächlich mit älteren Menschen zusammensitzt", erzählt die Katholikin. "Dass Glaube auch jung sein kann." Dresen ist mit Mann und Nachwuchs gekommen. "Wir sind alle sehr begeistert. Die Stimmung ist mitreißend, die Lobpreismusik, der Umgang der Menschen untereinander." Die über 500 Kilometer lange Anreise aus NRW? "Hat sich gelohnt!"

Die Dresens sind längst nicht die einzige Familie auf dem "Mehr"-Fest. Überall Kinderwagen, ständig Gekrabbel auf dem Boden. Doch weiß gelockte Seniorinnen sieht man ebenso. Überhaupt findet hier viel zusammen: In den Hallen gleißt und gellt es vor lauter Licht- und Tontechnik, im Raum der Stille regiert die Ruhe. Traditionell in Tracht gewandete Ordensleute laufen neben lässigen Jugendlichen in hängenden Jeans und mit Skatermützen auf dem Kopf. Papsttreue plaudern mit Protestanten diverser Konfessionen.

Slogans auf Taschen und T-Shirts

Breit aufgestellt wirkt auch das Messe-Angebot. Rund 170 Aussteller präsentieren sich: Hilfsorganisationen wie die Malteser und "Kirche in Not", der Herder-Verlag und Initiativen à la "Christ und Jurist" und "Divine Renovation" mit dem Versprechen "Neues Leben für Pfarreien". Zwischen den Ständen spazieren Menschen mit Taschen und T-Shirts, darauf Slogans wie "Abenteuer Dienen" und "Ich geh beten". Solche Botschaften – "Christ is King", "Gott ist unter uns" – zeigt auch das Publikum in den Hallen, in denen Musik, Vorträge und Gottesdienste geboten werden. Wer hier den Darbietungen auf der Bühne lauscht, hat einen Standardpreis zwischen 135 und 299 Euro gezahlt.

Besucher im Ausstellungsbereich des christlichen Festivals "Mehr"
Bild: ©KNA/Christopher Beschnitt

Die "Mehr" fand in den Augsburger Messehallen statt.

So spricht etwa der Astronom Heino Falcke über das "Wunder" der Entstehung des Lebens. Theologe Hartl ruft zu "Demut und Selbstannahme" auf, um "in Gottes bedingungsloses Ja zu uns einzustimmen". Und bei der katholischen Messe des Augsburger Weihbischofs Florian Wörner jauchzen Tausende Gläubige "Gloria in excelsis Deo"; einige halten zu den Freudenklängen die Arme in die Luft, manche haben Tränen in den Augen.

Wörner appelliert, Jesus zum Zentrum des eigenen Lebens zu machen. Gläubige sollten sich nicht davon beirren lassen, wenn andere Menschen sie deshalb für fanatisch hielten.

Hartl äußert sich zu TV-Doku

Eine Anspielung auf jenen Fernsehbeitrag, der kurz vor Weihnachten im Ersten lief? Denn der aktuellen "Mehr"-Ausgabe waren vorab Misstöne beschert: In der vom Bayerischen Rundfunk verantworteten ARD-Story "Die hippen Missionare – Mit Jesus gegen die Freiheit?" geht es um Kritik unter anderem am Gebetshaus. So wird ihm vorgeworfen, Gehorsam von Anhängern einzufordern und kriegerische Rhetorik zu verwenden. Das Gebetshaus weist das zurück.

Hat sich der Beitrag aufs "Mehr"-Festival ausgewirkt? Ja, mehrfach ist von der Bühne Spott darüber zu hören, von wegen wie gefährlich das Ganze hier sei – und dann Gelächter im Publikum. Ja, teilt auch Veranstalter Hartl der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) mit. Die Anmeldungen seien nach der Doku nach oben gegangen. Konkrete Zahlen nennt er nicht. Allein: "Von besorgten Eltern oder Abmeldungen haben wir nichts mitbekommen."

Empörung in Online-Community

Kritik am Gebetshaus oder an seiner Arbeit sei absolut kein Problem, betont Hartl. "Wirklich substanzvolle Kritik, mit der man arbeiten könnte, hat die Dokumentation aber kaum geliefert." Themen wie spirituelle Selbstbestimmung oder Schutz vor Missbrauch stünden in dem ausführlichen Präventionskonzept, nach dem das Gebetshaus arbeite.

Bild: ©Johannes Hartl (Archivbild)

Johannes Hartl ist promovierter katholischer Theologe und Gründer des Augsburger Gebtshauses.

Nach Veröffentlichung der Doku kam in Hartls Online-Community eine Welle der Empörung über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Allgemeinen auf. Tenor: alles unseriöse linke Christenfeinde. Wie Hartl das findet? "Die – gesellschaftlich ja mittlerweile ziemlich breite – Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat dieser alleine selbst zu verantworten. Eine Doku wie die 'Hippen Missionare' ist eher nicht geeignet, das Vertrauen in seriöse und unparteiische Darstellung christlicher Gruppen im ÖRR zu stärken."

Bischof hat "Anfragen"

Doch nicht nur medial wird das Gebetshaus beäugt. Gefragt nach seiner Meinung dazu, sagt Augsburgs Bischof Bertram Meier der KNA: "Ich habe zu einigen Themen bezüglich des Gebetshauses meine Anfragen und habe dies Herrn Dr. Hartl auch wiederholt mitgeteilt." Konkretere Angaben dazu gibt es auf Nachfrage nicht.

Meier ergänzt, Hartl sei ein engagierter Gottsucher, der mit seiner Begeisterung viele Menschen erreiche. "Ein nicht unbeachtlicher Teil dieser Menschen gehört nach eigenem Selbstverständnis zur katholischen Kirche und lebt seinen Glauben auch in kirchlichen Strukturen. Als Bischof bin ich zweifelsfrei für diese Menschen zuständig." Wenn er daher für die katholischen "Mehr"-Teilnehmer eine Messe feiere, verstehe er das nicht als Unterstützung des Gebetshauses, sondern als Teil seines Hirtendienstes. In der Messe ruft Meier dann dazu auf, Gott nicht aufs innere Erleben zu begrenzen, sondern den Glauben mit anderen Menschen zu teilen.

Zu den angesprochenen katholischen "Mehr"-Teilnehmern zählt Johanna Hörder. Die 29-jährige Augsburgerin ist zum wiederholten Male auf dem Fest, denn: "Hier kann man auftanken in der Gegenwart Gottes." Hier lerne man sich kennen und Liebe zu geben. Die "Mehr"-Erfahrung wirke lange nach, sie biete kleine Tankstellen im Alltag, schwärmt Hörder. Gibt's etwas, das ihr am Festival nicht gefällt? "Die Parkplatzsituation, die war echt chaotisch."

Von Christopher Beschnitt (KNA)