Historiker: Dekolonialisierung des Christentums weit fortgeschritten
Der Münchner Historiker Johannes Großmann sieht das Christentum in ehemals kolonialisierten Ländern heute nicht mehr als koloniale Religion. In Theologie und Kirche gebe es ein Umdenken mit Blick auf den Kolonialismus, sagte der Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte am Mittwoch im SWR. Koloniales Denken sei zwar nicht vollständig verschwunden. Es habe aber andere Formen angenommen. Insbesondere würden die Rassismen aus der Kolonialzeit nicht mehr eins zu eins weitergetragen.
"Man muss sehen, dass das Christentum ja inzwischen in vielen der ehemals kolonisierten Länder tief verwurzelt ist, meist sogar tiefer als in den säkularisierten Ländern Europas und Nordamerikas." Dabei sei es auch nicht selten eng verbunden mit Emanzipationsbewegungen gegenüber dem Kolonialismus und seinem Erbe: "Insofern ist womöglich die Dekolonisation des Christentums, der Theologie, bereits deutlich weiter fortgeschritten, als wir das in Europa eigentlich wahrhaben wollen."
Ambivalente Rolle von Missionaren
Großmann spricht sich für eine differenzierte Bewertung der Rolle kirchlicher Missionare im Kolonialismus aus. Diese hätten zwar teilweise gleichlaufenden Interessen mit den Kolonialmächten gehabt, aber grundsätzlich eigene Ziele verfolgt. Das Verhältnis von Missionaren und Einheimischen sei oft eng und freundschaftlich gewesen und nicht zwangsläufig ein Verhältnis von Kolonisatoren und Kolonisierten. Es sei wichtig, sich klarzumachen, dass Missionare kirchlicher und nicht staatlicher Autorität unterstanden. Zugleich habe es von Anfang an eine enge Kooperation zwischen Kolonisatoren und Missionaren gegeben. "Beide Seiten profitierten letzten Endes voneinander", so Großmann.
Der Historiker äußerte sich anlässlich einer Tagung an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart zum Thema Kirche und Kolonialismus. Von Donnerstag an befassen sich dort Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis mit historischen, theologischen und politischen Perspektiven zur Rolle kirchlicher Akteure bei der europäischen Kolonisierung in den Amerikas, in Afrika, Asien und im Pazifikraum. (fxn)
