Nonne: Kann mit eucharistischer Anbetung alle Menschen erreichen
Wenn es drei Mal "klängt", hat Schwester Maria Johanna Messerli noch genau sieben Minuten Zeit: Die Klarissen-Kapuzinerin in Kloster Bethlehem in Koblenz-Pfaffendorf verstaut ihr Gebetbuch an ihrem Platz im Chorgestühl in der Klausurkapelle. Die goldene Monstranz in der Mauernische zwischen Schwesternchor und Gästekapelle leuchtet im Licht aus der Fensterrosette an der Wand gegenüber und der brennenden Kerzen auf dem Altar. Direkt vor dem Allerheiligsten kniet die 47-jährige Nonne auf der hölzernen Anbetungsbank nieder. Es ist 15.30 Uhr: Ihre Zeit für die eucharistische Anbetung. Jeden Tag um dieselbe Uhrzeit verweilt die gebürtige Schweizerin eine halbe Stunde lang in der Gegenwart Gottes im Zeichen des eucharistischen Brotes. Bis die Glocke wieder "klängt" – und eine Mitschwester sie ablöst. Was bedeutet die Gebetspraxis vor der durch den Priester während der Eucharistie gewandelten Hostie? "Eucharistische Anbetung ist der Wunsch, bei Jesus zu sein, ähnlich einem Verliebten", erklärt Schwester Maria Johanna ihre Berufung für die Gebetsform. "Vor dem Allerheiligsten bin ich einfach da. Hier erfahre ich tiefen inneren Frieden." Doch Anbetung sei auch eine Lebenshaltung: "Als Geschöpf vor Gott zu sein. Wissen, es ist in Ordnung so, wie es ist. Denn Du, Gott, weißt es besser als ich."
Kerngedanke der Anbetungsspiritualität ist die katholische Lehre von der Realpräsenz Jesu in Brot und Wein: Durch die Wandlung während der Eucharistiefeier ist Christus in der Hostie wahrhaft gegenwärtig. Das konsekrierte Brot, "Allerheiligstes" genannt, wird nach der Kommunion meistens in einer Monstranz ausgesetzt. Während Anbetungsstunden in Kirchengemeinden, besonderen Angeboten wie dem vom Weltjugendtag inspirierten "Nightfever" und in Klöstern mit Schwerpunkt auf eucharistischem Gebet praktizieren Gläubige die aus dem Hochmittelalter stammende Frömmigkeit.
Eine Autohupe durchbricht die Stille des Klarissenklosters in der Hermannstraße in Koblenz-Pfaffendorf. Am Straßenrand wollen zwei Autofahrer den gleichen Parkplatz. Die gepflegten Wohnhäuser stehen eng beieinander und grenzen direkt an das weißgestrichene Anbetungskloster. Ein Passant bleibt kurz vor dem Anwesen mit den schwarzen Türmchen stehen. Weiß er, dass das imposante, im zweiten Weltkrieg überwiegend zerstörte Gebäude ein Ort des 24-stündigen Gebets ist? "Nein, ich bin nur auf der Durchreise. Aus der Kirche bin ich schon länger ausgetreten", antwortet der Mittvierziger aus Trier. Im 1904 eingeweihten, vom Mainzer Kapuzinerinnenkloster aus gegründeten Kloster Bethlehem halten derzeit 19 Klarissen-Kapuzinerinnen abwechselnd ewige Anbetung in der Klausurkapelle. Konkret sieht das so aus: Am Tag verweilt mindestens eine Schwester je eine halbe Stunde im Gebet vor dem Allerheiligsten. Nachts wacht in stündlichem Wechsel eine Nonne dort. Der Tagesablauf ist um die tägliche Eucharistiefeier getaktet. Er besteht aus sieben gemeinsamen Stundengebeten, zweimaliger stiller Betrachtung und mehrfachen Arbeitszeiten. Wenn die Ordensfrauen miteinander sprechen, reden sie sich mit "Sie" an. Nur Gott gilt das persönliche "Du". Um einander zu ermöglichen, in der persönlichen Gottesbeziehung zu wachsen, leben die Klosterfrauen jedoch überwiegend in absolutem Schweigen.
Das Kloster
In Kloster Bethlehem in Koblenz-Pfaffendorf leben derzeit 19 Klarissen-Kapuzinerinnen nach der Regel der heiligen Klara von Assisi. Mittelpunkt ihres Lebens in Schweigen und Verborgenheit ist Jesus Christus im Geheimnis der heiligen Eucharistie. Die Eucharistische Anbetung pflegen die Nonnen bei Tag und Nacht, als Ewige Anbetung. Der Ursprung des eucharistischen Gebets vor der ausgesetzten Hostie liegt in der mittelalterlichen Schaufrömmigkeit: In Verlängerung der Erhöhung bei der Eucharistie verehrten die Gläubigen Jesus Christus im Zeichen des Brotes.
Es "knarrt" in der Gästekapelle, auf der anderen Seite der Mauer. Zwei Besucherinnen haben auf den Kirchenbänken Platz genommen. Auch die Atmosphäre im Besucherschiff ist erfüllt von der Gegenwart des Allerheiligsten, obwohl ein schmiedeeisernes Gitter den Altarraum mit der Monstranz abtrennt. "Gelobt und angebetet sei ohne End', Jesus Christus im heiligsten Altarsakrament." Der Hymnus der Nonnen zum Abschluss jedes Stundengebets und jeder Anbetungszeit durchdringt die Trennmauer zwischen Klausur und Gastbereich. Die Zeit scheint während des ununterbrochenen Gebets stehen geblieben zu sein. Doch es ist schon 18 Uhr. Das tiefe Seufzen der knienden Besucherin verhallt unter dem spitz zulaufenden Kirchendach aus Holz, das an ein schützendes Zelt oder einen bergenden Stall erinnert. Ob das Expositionshäuschen, in dem die Hostie ausgestellt ist, vielleicht ein Bild für die Krippe zu Bethlehem ist?
Im Treppenhaus des Klosters "schellt" es: Eine Ordensfrau zieht am Strick einer Glocke. Sie läutet für das Abendessen der Gemeinschaft. Anschließend folgt die dritte und letzte Arbeitszeit im Tageslauf. Gegen 18.30 Uhr geht Schwester Maria Johanna nochmal an die Pforte. Per Mail sind neue Gebetsanliegen gekommen. Die Fürbitten nehmen die Klarissen-Kapuzinerinnen mit ins 24-stündige Gebet. "Unsere Berufung ist universal, sie ist auch Stellvertretung, um die ganze Welt Jesus hinzuhalten. Auch die Menschen, die nicht an ihn glauben", erläutert die mit 21 Jahren vom Protestantismus konvertierte Schweizerin. "Wir geben die Anliegen, die uns erreichen, an Gott ab. Sagen: Jesus, sorge du." Der in der Ordensregel der heiligen Klara von Assisi festgeschriebene Gehorsam hat die ehemalige Novizenmeisterin zum Beispiel zur Arbeit an der Pforte geführt. Nachdem sie zuvor 20 Jahre lang in der klostereigenen Hostienbäckerei gearbeitet hatte. "Ich wollte überhaupt nicht an die Pforte, aber habe es im Gehorsam gegenüber unserer Äbtissin getan. Alleine wäre ich nicht darauf gekommen, dass es mir hier so gefällt." Schwere Phasen gibt es natürlich auch hinter Klostermauern. Das Einhalten der Klausur etwa sei manchmal nicht ganz leicht gewesen, erinnert sich die gelernte Drogistin aus der Nähe von Zürich. "Zur Hochzeit meines Bruders bin ich nicht in die Schweiz gefahren. Doch ich habe die ganze Zeit für ihn gebetet. Ich wusste dann: Das Wichtigste habe ich getan." Hinter die Mauern kommt außer der Ordensgemeinschaft wirklich niemand? "Nein, da ist päpstliche Klausur. Da kommt man nicht mehr rein und nicht mehr raus. Und das noch freiwillig." Das Lachen der jungen Nonne verrät Humor. Trotz des braunen Gitters, hinter dem sie im schlichten Sprechzimmer sitzt.
Das Kloster Bethlehem in Koblenz-Pfaffendorf.
Das Läuten der beiden Glocken hallt noch einige Atemzüge nach. Draußen ist es dunkel geworden. 21 Uhr bedeutet Nachtruhe in Kloster Bethlehem. Und Nachtanbetung. Während das Ewige Licht schier lautlos flackert, verbreitet sich die Stille tiefer und tiefer. "Ich wache vor dem Allerheiligsten, während die Welt schläft", fasst Schwester Maria Johanna die besondere Atmosphäre in der Klausurkapelle in Worte. Offenbart sich vielleicht gerade in der Stille der Nacht das Geheimnis des Daseins vor dem eucharistischen Heiland? "Ich habe erkannt, dass ich in der Anbetung tatsächlich ALLE Menschen erreichen kann", antwortet die 2005 in das Kloster Bethlehem eingetretene Klarissen-Kapuzinerin. Eine Pionierin dieser Frömmigkeit im 20. Jahrhundert, die kanadische Missionarin Julienne du Rosaire, fasste es so in Worte: "Nehmen wir die Welt und werfen sie in Sein Herz. Möge die Welt durch uns in der Anbetung sein!"
Jede Nacht in Kloster Bethlehem sieht anders aus. Auf einer Stecktafel tragen sich die Nonnen täglich für die Nachtwachen ein. Äbtissin Martina Mbanjwa macht die Einteilung fest. Die meisten Ordensfrauen halten ein oder zwei Nächte hintereinander eine Anbetungsstunde. Dann müssen sie wieder ein paar Nächte durchschlafen. Übermüdung soll nicht, kann aber vorkommen.
"Gong!" Eine Schwester schlägt im speziellen Rhythmus sieben Mal gegen den Klostergong. "Surgite omnes", spricht sie dabei. Das bedeutet: "Erhebt euch alle!" Es ist 5 Uhr morgens. Die Nonne, die weckt, wird schon gleich Anbetung halten. Der Tageslauf in Kloster Bethlehem bleibt immer gleich. Auf Lesehore und Betrachtung um 6 Uhr folgen das Morgengebet "Laudes" und die Heilige Messe. Nach dem Frühstück beten die Ordensfrauen die "Terz", gehen über in die Arbeitszeit und finden sich um 11.45 Uhr wieder im Chorgestühl zum Mittagsgebet "Sext" ein. Nach Mittagessen und Erholungspause widmen sie sich der geistlichen Lesung. Um 14.30 Uhr betet die Gemeinschaft Rosenkranz, und "Non". "Man denkt nicht mehr darüber nach, dass es noch etwas anderes gibt", erläutert Schwester Maria Johanna die Gewissheit, ihren Platz im Kloster der ewigen Anbetung gefunden zu haben. "Ich weiß einfach, mein Leben hier hat einen ganz tiefen Sinn." Den erfährt die junge Nonne immer wieder aufs Neue. Besonders dann, wenn es zur Anbetung drei Mal kurz und glockenhell "klängt".
