"Etiketten sind für Marmeladengläser"

Kardinal Radcliffe: Bin kein Progressiver

Veröffentlicht am 23.02.2026 um 11:35 Uhr – Lesedauer: 

London ‐ Nach einem Interview mit einer Tageszeitung wurde Kardinal Timothy Radcliffe für seine liberalen Ansichten kritisiert. Das sieht er nicht so – und übt Kritik an Schubladendenken und Spannungen.

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Der englische Kardinal Timothy Radcliffe hat Versuche zurückgewiesen, ihn als progressiven Theologen einzuordnen. Katholisches Denken lasse sich nicht auf ideologische Kategorien beschränken, sagte er laut einem Bericht des "Catholic Herald" vom Wochenende. "Als Katholik kann ich es nicht akzeptieren, in eine so enge Schublade gesteckt zu werden", erklärte der Dominikaner. Etiketten eigneten sich allenfalls für Marmeladengläser, nicht für Menschen, zitierte der Kardinal den Schriftsteller Richard Flanagan.  

Radcliffe reagierte damit auf Kritik im Zusammenhang mit einem kürzlich geführten Interview mit der italienischen Tageszeitung "La Repubblica". Darin sprach er über das Vermächtnis des verstorbenen Papstes Franziskus (2013–2025), über die Ausrichtung von Papst Leo XIV. sowie über die fortschreitende Entwicklung der Synodalität. Zum Vatikan-Dokument über außerliturgische Segnungen homosexueller Paare "Fiducia supplicans" erklärte er, alle Menschen seien willkommen; zugleich hätten Konsultationen vor der Veröffentlichung dazu beitragen können, Spannungen abzubauen. Darüber hinaus äußerte sich der Kardinal zur Frauenfrage und bekräftigte, er sehe kein überzeugendes theologisches Argument gegen die Weihe von Frauen zu Diakoninnen. 

Zugleich betonte Radcliffe nun, die Polarisierung zwischen sogenannten "Traditionalisten" und "Progressiven" sei dem Katholizismus fremd und spiegele nicht die tiefere Einheit der Kirche wider. "Nur wenige tappen in diese Falle, auch wenn sie viel Lärm machen", sagte er. Radcliffe hatte die Exerzitien im Vorfeld beider Sitzungsperioden der Weltsynode zur Synodalität geleitet. Papst Franziskus erhob ihn 2024 zum Kardinal. Der Brite nahm am Konklave zur Wahl von Papst Leo XIV. teil. (mtr)