Über die richtigen Bilder wird seit Jahrhunderten diskutiert

Kunsthistorikerin: Kirchliche Kunst ist voll auf der Höhe der Zeit

Veröffentlicht am 25.04.2026 um 12:00 Uhr – Von Christoph Paul Hartmann – Lesedauer: 

Linz ‐ Heutzutage ist die Kunst im kirchlichen Raum so nah am Puls der Zeit wie schon lange nicht mehr, sagt die Linzer Kunsthistorikerin Ilaria Hoppe. Doch manche Streitpunkte sind auch nach Jahrhunderten noch aktuell.

  • Teilen:

Welche Kunst darf in die Kirche – und welche ist unpassend oder "unwürdig"? Diesen Streit gibt es seit Jahrhunderten. Ilaria Hoppe hat ihn durch ein aufsehenerregendes Kunstwerk gleich um die Ecke erlebt. Sie ist Professorin für Kunst in gegenwärtigen Kontexten und Medien an der Katholischen Privat-Universität Linz und Mitherausgeberin der Zeitschrift "kunst und kirche". Im Interview spricht sie über alte Diskussionen und die neuesten Entwicklungen der kirchlichen Kunst.

Frage: Frau Hoppe, im Juni 2024 wurde die Skulptur "crowning" der Künstlerin Esther Strauß im Kunstraum des Linzer Mariendoms aufgestellt. Die Skulptur ist eine auf einem Felsen sitzende gebärende Marienfigur. Nur vier Tage später wurde dem kontrovers diskutierten Kunstwerk der Kopf abgesägt. Ist das symptomatisch für die Rolle von Kunst in der Kirche?

Hoppe: Dieser Fall hat uns alle hier sehr berührt. Ich würde aber nicht sagen, dass dieser Fall symptomatisch ist, dafür gibt es zu viele Positivbeispiele für einen produktiven Austausch. Es zeigt sich eher die allgemeine Polarisierung der Gesellschaft, die sich ebenso in der Kirche abbildet. Es gibt anscheinend auch hier in Linz Fundamentalisten, die international gut vernetzt sind. Das ging sogar so weit, dass die Künstlerin Morddrohungen erhalten hat. Abgesehen davon zeigt sich dabei ein Ringen um das Decorum von Sakralräumen, die wir in allen Religionen und Kulturen finden. Damit verbunden ist die Frage, wie heilige Personen oder das Heilige an sich darzustellen sind. Das war im Laufe der Geschichte immer wieder ein Streitpunkt, man denke allein an Bilderverbote oder Bilderstürme.

Frage: Gab es Auseinandersetzungen um die Frage der Darstellung in vergangenen Jahrhunderten ebenso häufig oder seltener?

Hoppe: Es gab sie vielleicht nicht immer, aber immer wieder. Der erste Streit um die Bilder im Christentum fand im achten und neunten Jahrhundert statt. In der Barockzeit waren etwa Heiligendarstellungen des Malers Caravaggio zum Teil hoch umstritten. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die Reformation, wo sich vor allem im protestantischen und calvinistischen Bereich eine Bildfeindlichkeit bahngebrochen hat und es zu Bilderstürmen gekommen ist. Auch hier gab es dieses aggressive Verhalten, wo Heiligenfiguren mit Waffen attackiert wurden. Das ist also alles nicht neu, hat aber in der Moderne sicherlich nachgelassen.

Frage: Hat das auch damit zu tun, dass die Gesellschaft und damit auch die Künstlerschaft säkularer geworden ist?

Hoppe: Das kann man so pauschal nicht sagen. Auch nach großen Erschütterungen für die Kirche, etwa nach der Französischen Revolution, hat es immer wieder Bewegungen gegeben, die sich der Kirche wieder bewusst zugewendet haben – etwa die Nazarener oder die Beuroner Künstler. Der wirkliche Schnitt kommt mit Beginn der säkularen Moderne nach dem Ersten Weltkrieg, der definitiven Trennung von Kirche und Staat. Trotzdem setzen sich auch dann noch Künstler intensiv mit Religion auseinander wie Wassily Kandinsky oder Marc Chagall. Dazu kommen kirchlicherseits Reformbewegungen wie etwa das Zweite Vatikanische Konzil, mit dem auch ein neuer, schlichterer Geist in die Kirchen einzieht.

Bild: ©Diözese Linz

Die Skulptur "crowning" der Künstlerin Esther Strauß wurde durch Vandalismus zerstört.

Frage: Ist Kunst für den heiligen Raum in einer säkularer werdenden Gesellschaft erklärungsbedürftiger?

Hoppe: Noch sehe ich das nicht beziehungsweise war ein komplexes theologisches Programm aus dem Barock schon immer erklärungsbedürftig. Dasselbe gilt vielleicht für zeitgenössische Kunst generell, egal wo sie gezeigt wird. Die Kirche in Europa hat tatsächlich immer sehr schnell neueste künstlerische Tendenzen aufgenommen, das wird oft übersehen. Moderne Architektur war im Kirchbau beispielsweise fast unmittelbar präsent, das hat auch nichts mit der Säkularisierung zu tun. Oft sind es eher die Mitglieder der Gemeinden, die sich mit zeitgenössischer Kunst nicht so schnell anfreunden können. Allerdings kennen wir dieses Phänomen auch schon aus der Renaissance, wo eine Gemeinde durchgesetzt hat, einen monochromen Altar von Tillmann Riemenschneider farbig zu fassen, weil ihnen die Figuren nicht realistisch genug waren. Was am Ende gestaltet wird, hängt immer von den jeweiligen Auftraggebern vor Ort ab.

Frage: In der Konstitution "Gaudium et spes" des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–65) heißt es, dass Kunstwerke viele Formen haben, jedoch: "In das Heiligtum aber sollen sie aufgenommen werden, wenn sie in einer dafür angepaßten Aussageweise den Erfordernissen der Liturgie entsprechen und den Geist zu Gott erheben." (GS 62) Gibt es also Vorgaben für Kunst in der Kirche?

Hoppe: Ja die gibt es, aber es sind nach meiner Einschätzung häufig eher die Bedürfnisse der Liturgie, die diskutiert werden. Abgesehen davon ist dieser Satz so allgemein gehalten, dass man ihn für jedes Werk in alle möglichen Richtungen auslegen kann. Die Praxis ist da aufschlussreicher: Wenn man sich etwa den neuen Altar im Linzer Dom anschaut oder die Renovierung der Berliner Hedwigs-Kathedrale, dann sind das beides Werke zwischen Architektur und Kunst, die vollkommen auf der Höhe der Zeit sind. Da wird jeweils ein moderner Zentralraumgedanke in einem Altbau umgesetzt, was sich jedoch auf die Liturgie auswirkt. In solchen Fällen wird dann immer wieder diskutiert, wo eigentlich die Grenze für die Kunst ist – doch das Ergebnis zeigt: Auch in einer alten Kirche kann radikal reduzierte moderne Kunst sehr gut funktionieren.

Frage: Es gibt also zwischen zeitgenössischer Kunst im kirchlichen Raum und zeitgenössischer Kunst generell keinen Unterschied?

Hoppe: Da hat sich einiges geändert. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil gab es Künstler, die sich auf Kirchenkunst spezialisiert hatten und damit dieser Sparte eine eigene Prägung gegeben haben. In den vergangenen Jahren haben aber die Berührungspunkte zwischen zeitgenössischer Kunst und Kirche deutlich zugenommen. Dadurch gibt es viele interessante und wertvolle Perspektiven, sowohl auf die Kunst wie auch auf den Glauben. Insgesamt hat die Kirche ihre Rolle als Auftraggeberin nie gänzlich aufgegeben, denn Glaube hat sich schon immer medial vermittelt; und das wissen auch viele Künstlerinnen und Künstler sehr zu schätzen, beziehungsweise bietet der Kirchenraum an sich viele interessante, dem Alltag enthobene Themen an. Dagegen stehen dann Künstlerinnen und Künstler, die wegen der zahlreichen Missbrauchsfällen nicht mit der Kirche zusammenarbeiten wollen. Das hat aber weniger etwas mit dem Glauben zu tun.

„Langfristig glaube ich nicht, dass die katholische Welt ohne Bilder auskommen wird.“

—  Zitat: Ilaria Hoppe

Frage: Gibt es da Kunst, die stärker vertreten ist als andere, also etwa mehr gegenständliche Kunst als abstrakte?

Hoppe: Im zeitgenössischen Bereich würde ich sagen, dass abstrakte Kunst in der Kirche weitaus verbreiteter ist als gegenständliche, was temporäre Installationen oder Performances einschließt. Man schaue sich nur das Jakob Kirchmayr Fastentuch für den Innsbrucker Dom, "Spuren des Feuers" an, für das er mit Feuer bearbeitete Stoffe aneinander montiert hat. Insgesamt sehe ich in der Kunst schon seit geraumer Zeit eine deutliche Zunahme an Malerei, die zwischen figürlich und abstrakt changiert, hier wären die “Aschemänner" von Wolfgang Grinschgl ein gutes Beispiel. Dabei halten sich formale Vorgabe und das freie Spiel der Assoziationen die Waage. Aber natürlich gibt es nach wie vor auch gegenständliche Werke, von denen etwa Michael Triegels Altarbild "Sacra Conversazione" für den Naumburger Dom besondere Berühmtheit erlangt hat.

Frage: Gibt es Kunst, die gar nicht geht?

Hoppe: Da gibt es ein Beispiel, an dem man diese Grenze festmachen kann: "Zuerst die Füße" von Martin Kippenberger, ein ans Kreuz geschlagener Frosch. Manche Gläubige, die wenig Berührungspunkte mit moderner Kunst haben, fühlen sich dadurch verletzt, weil sie es nicht verstehen. Da sollte man meiner Meinung nach einerseits Rücksicht nehmen, andererseits so ein Werk wirklich intensiv vermitteln. Denn Kippenbergers Skulptur ist äußerst vielschichtig, aber man kann da auch nur eine Persiflage sehen. Allerdings ist diese Skulptur auch nie im Kirchenraum ausgestellt worden, es reichte das Symbol des Kreuzes, um die Gemüter zu erregen. Hier kann man auch den Bogen zur Marienfigur in Linz schlagen: Beides sind Werke, die gerade durch ihre Gegenständlichkeit, ihren Realismus provoziert haben. Zugleich sind sie Zeugen für die Wirkmacht der Bilder und der Kunst.

Frage: Was ist die nächste Bewegung? Sie haben eben von Bilderstürmen gesprochen.

Hoppe: Also ich hoffe, dass wir von diesen weiterhin verschont bleiben, denn ein Bild anzugreifen ist für mich wie ein Buch zu verbrennen. Es sind nur weitere Schritte einer Eskalation, die denke ich vielen Menschen derzeit Angst macht. Abgesehen davon, gibt es viele Gemeinden, sie sich stark im Bereich der Kunst engagieren, um den Kirchenraum zu attraktiveren und/oder neues Publikum anzusprechen. Dabei sehe ich eine Bewegung zur Reduktion. Auch hier lohnt ein Blick in die Berliner Hedwigs-Kathedrale, in deren Hauptraum in jeder Nische nur jeweils eine Skulptur zu sehen, und Weiß die vorherrschende Farbe ist. Langfristig glaube ich nicht, dass die katholische Welt ohne Bilder auskommen wird. Sie werden nur anders inszeniert: Wenn heute ein katholischer Kirchenraum geplant wird, stehen da vielleicht weniger Figuren drin, diese sind dann aber sehr effektvoll mit Postamenten und Leuchten inszeniert, fast wie in einer Galerie. Das ist keine Absage an die Kunst, sondern eine Betonung: Die Kunst ist nun nicht mehr nur funktional, sondern sie wird bewusst herausgehoben.

Von Christoph Paul Hartmann