Lebenstipps von Nonnen – heute so aktuell wie vor 500 Jahren
"Alles, was du gerade durchmachst, hat schon mal eine Nonne erlebt", stellen Ana Garriga und Carmen Urbita fest. Die beiden Wissenschaftlerinnen haben den Ratgeber "Convent Wisdom. Wie Nonnen aus dem 16. Jahrhundert dein Leben verändern können" geschrieben. Lebenshilfe von Nonnen aus dem 16. Jahrhundert? Ja, betonen die beiden Autorinnen und Podcasterinnen. "Du musst eine selbstbewusste E-Mail schreiben?", fragen sie. "Du wurdest betrogen? Dein Körper will nicht so wie du?" – "Nonnen haben immer eine Antwort", sagen Garriga und Urbita.
Beide Frauen haben sich als Doktorandinnen an der Brown University an der US-amerikanischen Ostküste kennengelernt. Trotz allem Interesse an der katholischen Kirche haben sie sich nicht für ein Leben als Nonne entschieden, sondern eine akademische Laufbahn eingeschlagen – wobei sie feststellten, dass es durchaus Überschneidungen gibt.
"Das Armutsgelübde, das wir ablegten, als wir Doktorandinnen wurden, unterschied sich kaum von dem der strengen Unbeschuhten Karmelitinnen", stellen sie mit einer gewissen Ironie klar. "Die akademische Unterordnung gegenüber unseren Professorinnen und Betreuerinnen war genauso bedingungslos wie das Gehorsamkeitsgelübde einer Nonne." Und was das Keuschheitsgelübde betraf: "Wenn man in Providence, der Hauptstadt von Rhode Island, sechs Jahre lang ein Promotionsstudium absolviert, ist Keuschheit im Grunde vorprogrammiert."
Scharfsinnige Analysen
Die beiden Wissenschaftlerinnen haben sich für ihre Doktorarbeiten durch dicke Quellenbände gearbeitet, die sonst kaum jemand anrühren würde. Im Laufe ihrer Forschungen stießen sie auf die unerwartete Erkenntnis, "dass eine Clique spanischer Unbeschuhter Karmelitinnen aus dem 16. Jahrhundert die Tücken unserer gegenwärtigen Datingkultur scharfsinniger zu analysieren vermochte als jede Episode von 'Sex and the City'." Oder "dass Oprah Winfreys Karrieretipps niemals an die Lektionen einer mexikanischen Hieronomytin über den Umgang mit schwierigen Vorgesetzten heranreichen würden."
„Teresa ist die Freundin, die dir sagt, was du nicht hören willst – und dich sowohl beim Hypothekenverhandeln als auch durch die Höhen und Tiefen toxischer Freundschaften führt.“
In dem Ratgeber "Convent Wisdom" gehen Garriga und Urbita nun die wesentlichen Fragen des Lebens durch: "Freundinnen", "Arbeit", "Körper", "Liebe", "Geld", "Seele", "Ruhm". Die großen Stichworte moderner Selbstoptimierung werden mit Geschichten und Ratschlägen von Nonnen aus Spanien, Italien, Mexiko oder dem einstigen Kolonialreich Neu-Spanien beantwortet.
Wie eine unbequeme Freundin
Überhaupt stellen Garriga und Urbita eine Reihe von bemerkenswerten Nonnen vor – beginnend mit Teresa von Ávila (1525–1582). Die heiligen Karmelitin, Mystikerin und Kirchenlehrerin war im 16. Jahrhundert eine der berühmtesten Persönlichkeiten Spaniens. "Teresa war eine geschickte Verhandlerin, arbeitswütig, unbeugsam und ehrlich", schreiben die Autorinnen. Und: "Teresa ist die Freundin, die dir sagt, was du nicht hören willst – und dich sowohl beim Hypothekenverhandeln als auch durch die Höhen und Tiefen toxischer Freundschaften führt."
Oder Sor Juana Inés de la Cruz (1648-1695). Sie ziert den mexikanischen 200-Peso-Schein, ist die Heldin einer Netflix-Serie und vermutlich eine der ikonischsten Figuren der lateinamerikanischen Popkultur, so die Autorinnen. Diese Dichterin und Philosophin kann helfen, sich vom People Pleasing zu lösen und widrige E-Mails zu verfassen.
Merch, Mode und Gründergeist
Die charismatische Predigerin Juana de la Cruz (1481-1534) baute mit den Wunderperlen ihres Rosenkranzes ein Merchandising-Imperium auf, das laut Garriga und Urbanita, selbst Taylor Swift neidisch machen würde. Ähnlich begabt zeigte sich auch die Benediktinerin Arcangela Tarabotti (1604-1652), die sehr modebewusst war. Die Autorinnen beschreiben sie als ultimative Trendsetterin: Sie habe aus dem Wissen ihrer Mitschwestern, wie man Spitze verarbeitet, ein profitables Textilunternehmen gemacht – "und zeigt dir, wie du deine eigene unerwartete Gründeridee findest".
Die beiden Wissenschaftlerinnen haben nach eigener Aussage in den Geschichten der Nonnen bemerkenswerte Strategien der Selbstbehauptung gefunden. Deren Erfahrungen könnten einem Halt in der heutigen Zeit geben, von der man sich zunehmend entfremdet fühle. Letztlich sei es egal, in welchem Jahrhundert man lebe, schreiben Garriga und Urbita: "Die Prüfungen des Lebens, ob die Rache der Inquisition oder ein gebrochenes Herz, lassen sich nur dann ertragen, wenn einen die Wärme eines gemeinschaftlichen Zufluchtsorts umfängt."
