Hohe Erwartungen an Bischof Wilmer auch in Rom

DBK-Vorsitz: Vom unerschrockenen Reformer zum bedächtigen Vermittler

Veröffentlicht am 27.02.2026 um 00:01 Uhr – Von Bernward Loheide und Ludwig Ring-Eifel (KNA) – Lesedauer: 

Würzburg ‐ Nicht nur im Vatikan, sondern auch in der katholischen Kirche in Deutschland steht jetzt ein international erfahrener Ordensmann an der Spitze. Bischof Heiner Wilmer will vermitteln und äußert sich daher bedächtiger als früher.

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"Ich glaube, der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche." Mit diesem umstrittenen Satz reagierte Heiner Wilmer 2018 – da war er noch ganz neu im Amt als Hildesheimer Bischof – auf den Missbrauchsskandal. "Nicht nur der einzelne Mensch ist sündig, sondern die Kirche qua Institution", erläuterte er. Um das Böse in der Kirche einzudämmen, sei eine Kontrolle von Macht nötig, eine Gewaltenteilung.

Mit der schonungslosen Analyse eckte Wilmer damals bei einigen Bischöfen an, auch im Vatikan, und erwarb sich einen Ruf als unerschrockener Reformer. Heute, fast acht Jahre später, gilt der gebürtige Emsländer dagegen auch bei konservativen Vertretern der Bischofskonferenz als zurückhaltender Diplomat und Ordensmann, der zwischen zerstrittenen Flügeln vermitteln kann. Auch deshalb wählten ihn die Bischöfe am Dienstag in Würzburg zu ihrem neuen Vorsitzenden.

Fromme Worte zum Auftakt

"Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden den Menschen seiner Gnade": Mit diesen Worten begann Wilmer seinen ersten öffentlichen Auftritt nach der Wahl. Nicht kirchenpolitisch-kämpferisch, sondern spirituell und fromm. Zum Streit um das Reformprojekt Synodaler Weg sagte er zum Beispiel: "Synodalität bleibt eine geistliche Haltung." Ausweichend reagierte er auf Fragen zu konkreten Forderungen wie etwa der Priesterweihe von Frauen.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, der den reformfreudigen Kurs des bisherigen Vorsitzenden Georg Bätzing ablehnte, zeigte sich von Wilmers Auftritt sehr angetan. "Er hat auch von mir alle Unterstützung, die ich ihm geben kann", sagte Woelki dem Domradio. Wilmer greife das auf, "was Papst Franziskus in dem Brief an uns als Kirche in Deutschland geschrieben hat, dass wir eben die Evangelisierung in den Mittelpunkt unserer Bemühungen zu stellen haben".

Bild: ©Synodaler Weg/Maximilian von Lachner (Archivbild)

Bischof Wilmer im Gespräch auf der vierten Synodalversammlung in Frankfurt.

Wilmer hat in der Zentrale seiner Ordensgemeinschaft, der Herz-Jesu-Priester, etliche Jahre in Rom gelebt. Er spricht fließend Italienisch und andere Fremdsprachen, und er hat sehr gute Kontakte in den Vatikan. Auch dies dürfte ein Grund für seine Wahl gewesen sein. Denn vom neuen Vorsitzenden wird erwartet, dass er die Spaltung der Bischofskonferenz beim Umgang mit dem Synodalen Weg überwindet und auch Differenzen mit dem Vatikan beilegt.

"Verletzungen auf beiden Seiten"

Zum Missbrauchsskandal sagt Wilmer heute wie damals: "Die Stimme der Betroffenen muss gehört werden, damit wir als Kirche glaubwürdig bleiben." Er ergänzte bei seiner ersten Ansprache aber auch: "Es gibt Verletzungen und Kränkungen auf beiden Seiten."

Was genau er damit meinte, blieb unklar. Sicherlich gibt es in der katholischen Kirche zuweilen den Eindruck, die jahrzehntelange Missbrauchsaufarbeitung werde gesellschaftlich nicht ausreichend gewürdigt. Keine andere Institution ist bei Aufarbeitung und Prävention so akribisch unterwegs.

Vermutlich spielte Wilmer auch auf Fälle an, in denen Priester zu Unrecht beschuldigt wurden. Sein Weihbischof Heinz-Günter Bongartz hatte 2024 vorzeitig sein Amt niedergelegt. Aus gesundheitlichen Gründen, wie das Bistum damals erklärte. Bongartz sah sich mit Vorwürfen von Missbrauchsbetroffenen konfrontiert, er sei in seiner Zeit als Personalchef mit Fällen sexualisierter Gewalt falsch umgegangen. Wilmer betonte dagegen bei Bongartz' Abschied: Die Aufarbeitung und Prävention von sexuellem Missbrauch im Bistum Hildesheim habe er maßgeblich vorangetrieben.

Ein römisches Gerücht wirkt nach

In Rom, wo Wilmer sich auch nach seiner Ernennung zum Bischof in Norddeutschland immer wieder sehen ließ, ist die Wahl aufmerksam verfolgt worden. Unter "Vaticanisti" wurden zwei Dinge hervorgehoben: seine hervorragenden Italienischkenntnisse (die hatten weder Georg Bätzing noch dessen Vorgänger Reinhard Marx); und das unvergessene Gerücht, Papst Franziskus (2013-2025) habe Wilmer im Frühjahr 2023 als möglichen Präfekten des Glaubensdikasteriums in den Blick genommen. Das Gerücht hielt sich so hartnäckig, dass auch Kurienkardinäle es ernsthaft diskutierten. Am Ende entschied sich der Papst dann für seinen Landsmann Víctor Fernández.

Mit dem Argentinier könnte Wilmer in Zukunft wieder zu tun haben, falls die Rechtgläubigkeit einiger Reformvorschläge des Synodalen Wegs (oder künftig: der deutschen Synodalkonferenz) in Rom überprüft wird. Als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz wird Wilmer automatisch auch Ko-Vorsitzender dieses neuen Beratungs- und Entscheidungsgremiums der katholischen Kirche in Deutschland.

Zwei harte Nüsse

Dessen Genehmigung durch Rom ist die zweite harte Nuss, die der bislang innerkirchlich noch wenig herausgeforderte Papst Leo XIV. in den kommenden Monaten knacken muss: Nach dem ungelösten Problem der ultrakonservativen Piusbrüder mit ihren angedrohten Bischofsweihen ist das neue deutsche Synodalstatut die nächste Herausforderung für ihn.

An Wilmers kommende Besuche in Rom richten sich nun sehr unterschiedliche Erwartungen aus Deutschland: Der Laien-Dachverband ZdK und der Reformflügel unter den Bischöfen hoffen, dass er das Projekt Synodalverfassung jetzt auch im Vatikan unter Dach und Fach bringt. Und die konservative Minderheit der Bischöfe hofft, dass dabei eine Formel gefunden wird, die bisherige Spaltungen in der Bischofskonferenz überwindet.

Von Bernward Loheide und Ludwig Ring-Eifel (KNA)