Was wichtiger als Strenge ist

Pastoralpsychologe: Gott hat nichts davon, dass ich faste

Veröffentlicht am 21.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Felix Neumann – Lesedauer: 

Paderborn ‐ Fastet am besten, wer am strengsten verzichtet? Nein, sagt der Paderborner Pastoralpsychologe Christoph Jacobs – beim richtigen Fasten kommt es auf etwas anderes an. Ein Interview.

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Fasten bedeutet für viele Menschen: Verzicht auf Süßigkeiten, auf Fleisch oder auf Alkohol. Das kann eine gute geistliche Vorbereitung auf Ostern sein – es kann aber auch belasten: Bin ich konsequent genug? Darf ich Ausnahmen machen? Was soll ich tun, wenn mir jemand gastfreundlich etwas anbietet, auf das ich eigentlich verzichte? Manche Menschen geraten durch solche Fragen in schwere Gewissensbisse. Ist das dann noch ein gutes, segenbringendes Fasten? Der Paderborner Professor für Pastoralpsychologie Christoph Jacobs erklärt im Interview, worauf es beim Fasten ankommt – und warum Strenge und absolute Konsequenz nicht das eigentliche Ziel dabei ist.

Frage: Professor Jacobs, ist Gott mir böse, wenn ich meinen Fastenvorsatz breche?

Jacobs: Diese Frage kann man ganz einfach beantworten: Nein, denn Gott selbst hat gar nichts davon, dass ich faste. In dieser Frage steckt ein sehr einfaches, ja enges Konzept von Fasten, das wir im Christentum gar nicht haben.

Frage: Dennoch gibt es Menschen, die solche Befürchtungen haben. Ist das ein verbreitetes Phänomen?

Jacobs: Es gibt keine Statistiken darüber, aber es ist ein immer wieder auftretendes Phänomen. Aus der kirchlichen Tradition wissen wir, dass Fasten häufig zu extrem gedacht und missverstanden wird. Da geht der spirituelle Gehalt verloren. In allen Religionen, nicht nur im Christentum, gibt es die Tendenz, an sich gut motivierte Verhaltensweisen ins Extrem zu führen. Im Christentum, so wie eigentlich in allen Religionen, war man da schon immer gegen falsche Extreme.

Porträtfoto von Professor Christoph Jacobs
Bild: ©privat (Montage katholisch.de) (Archivbild)

Christoph Jacobs ist Priester und seit 2008 Professor für Pastoralpsychologie und Pastoralsoziologie an der Theologischen Fakultät Paderborn. Er hat Theologie und Psychologie studiert und ist als Klinischer Psychologe, Therapeut, Supervisor und Geistlicher Begleiter tätig. Seine Schwerpunkte liegen in der Erforschung und der Förderung der Persönlichkeit, der Gesundheit, der Motivation, der menschlichen und geistlichen Qualifikationen von Menschen im Dienst der Kirche und der Gesellschaft.

Frage: Selbst die großen spirituellen Vorbilder waren davor nicht gefeit. Ignatius von Loyola berichtet von massiven Skrupeln: Handle ich wirklich richtig? Beichte ich genug? Gefalle ich Gott?

Jacobs: Ja, religiöse Skrupel sind weit verbreitet. Das ist eben eine Eigenschaft des Menschen: Bei vielen Dingen, die ihm wichtig sind, zu perfekt sein zu wollen. Aber das ist nicht eine Eigenschaft der Religion selbst, sondern eine Eigenschaft des Menschen. Menschen wollen gerne perfekt sein – aber immer dann, wenn man zu perfekt sein will, ist es nicht mehr ganz katholisch.

Frage: Was wäre "ganz katholisch"?

Jacobs: Ganz katholisch wäre ein reflektierter, integrierter Weg des Fastens, der sich nicht nur auf die körperliche Dimension beschränkt. Das Christentum kennt wie alle Religionen ein sozial eingebundenes und getragenes Fasten. Das heißt, dass es bestimmte Zeiten, bestimmte Anlässe gibt, an denen ich faste, aber kein Fasten, das anfängt, mich zu dominieren. Dann würde nämlich jene falsche Dynamik entstehen, die mein Leben krank machen kann. Manche Menschen sind davon nicht gefährdet, andere eher.

Frage: Wer ist gefährdet, wer nicht?

Jacobs: Man kann hier vier Typen unterscheiden: zwei positive, zwei negative Fasten-Typen. Zunächst gibt es das integrative spirituelle Fasten. Das ist freiwillig, persönlich innerlich motiviert, sozial eingebettet und zeitlich begrenzt. Es geht um Wachstum in der Beziehung zu Gott und um Sinnsuche. Es ist körperlich verantwortungsvoll und eingebettet in Gebet und Nächstenliebe – das ist ein wesentlicher Punkt. Diese Art des Fastens hat meist eine positive Wirkung. Es fördert Ressourcen und vertieft die Spiritualität. Der zweite positive Typ ist der, den die meisten Leute praktizieren: Er ist gute Tradition und kulturell geprägt: "Ich mache da mit!". Das trifft auf Traditionen der christlichen Fastenzeit ebenso wie auf den Ramadan zu. Hier ist das Fasten sozial eingebettet und kulturell strukturiert. Die Dauer ist klar begrenzt, das Fasten in der Gemeinschaft stiftet Identität. Das sind die zwei positiven Typen des Fastens.

Frage: Und die negativen?

Jacobs: Zum einen kann man einen "Risikotyp" feststellen: Das ist ein perfektionistisch-asketisches Fasten, vor allem mit Blick auf den Nahrungsverzicht. Da ist ein starker Leistungsgedanke drin. Zu übertriebenen Fastenvorstellungen und extremer Selbstkontrolle kommt häufig ein religiöser Perfektionismus hinzu, der zur Schau gestellt wird und das eigene Leben steuert. Ein solches Fasten verdunkelt die Schönheit des Lebens. "Fasten zeigt meine Frömmigkeit" ist ein typischer Gedanke, der solche Typen prägt. Das ist etwas, gegen das sich Jesus sehr stark gewandt hat. "Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler!", sagt Jesus im Matthäusevangelium. Die permanente Selbstkontrolle und der ständige Zwang, es noch konsequenter zu machen, ist etwas, das viele geistliche Begleiterinnen und Begleiter gut kennen. Hier spricht man von riskanter oder gar falscher Askese. Psychologisch ist das Risiko für Schädigung des Selbstwertes sehr hoch: Mein Selbstwert ist von meinem "Fastenerfolg" abhängig. Dieser Typ geht über in einen krankhaften Typ, bei dem das pathologische religiös motivierte Fasten bereits Ausdruck einer psychischen Störung ist. Ganz zugespitzt könnte man von einer religiös maskierten Essstörung sprechen. Es handelt sich dabei eigentlich nicht um etwas wirklich Religiöses, sondern um einen Mantel, der über eine Essstörung oder andere Störung des Körpers oder der Seele gezogen wird: Gewichtskontrolle, Körperkontrolle bis hin zur Selbstbestrafung, das sind die traditionellen Mechanismen. Fasten wird so zu einem Zwangsritual, zur Selbstkasteiung, zu Selbsthass. Die Folgen davon sind ausgesprochen negativ: Schuldgefühle, Depression, zwanghafte Vorstellungen und Angst – das ist ein Teufelskreis.

Franz von Assisi auf einer Darstellung in der Kathedrale von Pienza.
Bild: ©Fotolia.com/jorisvo

Franz von Assisi war ein großer Heiliger und ein großer Asket – seine Brüder wollte er mit seinem extremem Fasten aber nicht über Gebühr belasten. Stattdessen zeigte er sich als weiser Begleiter.

Frage: Wer ist anfällig für diese riskanten Typen?

Jacobs: Das sind Menschen, die ohnehin schon schwierige emotionale Muster und problematische Verhaltensweisen an den Tag legen. Stark perfektionistische Leute und diejenigen, die entweder eine Essstörung oder eine Körperstörung haben. Solche Menschen sind empfänglich für eine religiöse Überhöhung ihrer bestehenden Probleme und werden dann quasi von der Störung vereinnahmt. Aber das hat eigentlich gar nichts mit Religion zu tun. Umgekehrt besteht überall dort, wo im Religiösen Strenge herrscht, die Gefahr, dass es übertrieben wird. Das gilt natürlich auch fürs Fasten.

Frage: Die Tradition des Ordenslebens kennt sehr strenge Lebensweisen: Trappisten und Kartäuser sind sehr streng regulierte Orden mit hoher Selbstdisziplin. Wie gelingt es diesen Gemeinschaften trotzdem, dass ihr Fasten nicht ins Negative abdriftet?

Jacobs: Der Punkt ist genau die Gemeinschaft. Das Leben der einzelnen Mönche und Nonnen ist gemeinschaftlich eingebunden, solidarisch und gut geregelt. In solchen Orden achtet man aufeinander. Es wird streng gelebt, aber auch geschaut, dass alle genug essen und alle das Nötige haben. Das ist zentral: Dass man Fasten nicht als individuellen Akt der Selbstkontrolle oder sogar Selbstkasteiung sieht, sondern als etwas, das in einen geregelten Lebensstil eingebettet ist.

Frage: Wie gelingt das in der Praxis?

Jacobs: Es gibt eine Begebenheit aus dem Leben des heiligen Franz von Assisi. Franziskus hat unglaublich streng gefastet. So streng, dass man das heute als völlig übertrieben bewerten würde. Seine Brüder kamen mit diesem strengen Stil nicht zurecht. Ein Bruder war so verzweifelt, dass er in der Nacht geklagt und laut gerufen hat: "Ich sterbe vor Hunger!" Franziskus ist sofort zu ihm gegangen und hat gesehen, dass es so nicht weitergehen kann. Er hat seinen Brüdern den Auftrag gegeben, ein gutes Essen vorzubereiten. Und jetzt kommt das Entscheidende: Er hat seinen Brüdern gesagt, dass sie jetzt gemeinsam essen, damit der hungrige Bruder sich nicht schämen muss, und Franziskus selbst hat angefangen zu essen. So ist er seiner Gemeinschaft vorangegangen und hat klar gemacht, dass das Wichtigste beim Fasten ist, dass es einen Menschen nicht kaputt macht. Diese Geschichte ist für mich ein gutes Beispiel für einen Stil von Fasten, der Gottesbeziehung und Menschlichkeit ebenso wie die Bedürfnisse des Körpers einbezieht. Das Hungern ist sekundär gegenüber den eigentlichen Zwecken des Fastens.

Frage: Wir sind jetzt knapp über der Hälfte der Fastenzeit. Wie kann ich mich selbst überprüfen, ob meine Art zu fasten Segen bringt oder schadet?

Jacobs: Das einfachste Diagnosekriterium ist, sich diese Fragen zu stellen: Macht mich das Fasten in jeder Hinsicht freier, oder macht es mich enger? Führt es mich zu mehr Klarheit, mehr Mitgefühl, oder überanstrengt es mich? Stärkt es meine Gottesbeziehung oder stärkt es die Selbstbeschäftigung mit mir? Stärkt es meine Beziehung zu meinen Mitmenschen, oder isoliert es mich, etwa, weil ich mich abgrenzen muss? Ein ungesundes Fasten ist eines, das mit Schuldgefühlen und verminderter Selbstachtung einhergeht. Ein gesundes Fasten ist auch im Wortsinn gesund, es führt zu mehr Klarheit, zu mehr Selbstgewissheit und zu einem guten Lebensgefühl.

Lebensmittelausgabe an Bedürftige
Bild: ©adobestock/wjarek (Symbolbild)

Zum Fasten gehört nicht nur Verzicht – eng verbunden mit dem Fasten ist die tätige Nächstenliebe

Frage: Sie haben den Gedanken der Gemeinschaft stark gemacht. Wie können Gemeinschaften wie Pfarreien oder Verbände eine gute Kultur des Fastens unterstützen?

Jacobs: Gerade gestern habe ich im Gottesdienst eine Ankündigung verlesen, dass die Kommunionkinder und ihre Eltern die Gemeinde zu einem Fastenessen einladen. Das ist eine gute Tradition in unserer Gemeinde. Man könnte auch zu einem gemeinsamen Fasttag einladen, um sich auszutauschen, was das Fasten für einen bedeutet und den Weg gemeinsam zu gehen. Mir ist wichtig, den Begriff des Fastens etwas zu weiten. Der enge Fastenbegriff, der sich nur auf den Verzicht bestimmter Speisen richtet, kann durch andere Formen des Fastens ergänzt werden, zum Beispiel Konsumfasten: Verzicht auf andere Arten von Genuss, Verzicht auf Medien, Verzicht auf Shopping – das ist eine Art, den eigenen Lebensstil wieder neu auszurichten an Gott, an mir selbst und an den Mitmenschen.

Frage: Ist Fasten immer verzichten?

Jacobs: Fasten soll eigentlich dazu führen, sich mehr Gott zuzuwenden. Das heißt auch, sich Zeit für Gott zu nehmen. Das geht auch gut gemeinsam in der Gemeinde, durch Gebetszeiten, stille Zeiten, Bibellesen – und das geht über Social Media, dass man sich zu solchen Auszeiten verabredet. In der christlichen Tradition steht das Fasten außerdem stark im Kontext des Almosengebens: Die Zuwendung zum Mitmenschen durch Taten ist gleichwertig zum Verzicht. Wenn jemand nicht durch Verzicht fasten will oder kann, etwa aus gesundheitlichen Gründen oder weil es nicht zu den Anforderungen des Alltags passt, dann gibt es viele kreative Formen des Fastens: tätige Nächstenliebe, Spenden, Bedürftigen helfen, Versöhnung suchen, Einsame besuchen und vieles mehr.

Frage: Sie haben die Geschichte von Franziskus erzählt. Die Brüder hatten in Franziskus einen guten Fastenbegleiter. Was, wenn man keinen solchen guten Begleiter hat und bemerkt, dass einem das Fasten nicht guttut?

Jacobs: Die alte geistliche Regel lautet, sich jemandem anzuvertrauen: Wenn du mit etwas, das du dir selbst auferlegt hast oder das andere dir auferlegt haben, nicht zurechtkommst, dann ziehe eine weise Mutter oder einen weisen Vater zu Rate und besprich das mit ihm. Das erlebe ich auch in meiner eigenen geistlichen Beratungspraxis als etwas ganz Wesentliches: Sehr oft geht es viel mehr darum, Menschen von falschen Rigorismen abzuhalten, als sie zu mehr Strenge zu ermutigen.

Von Felix Neumann