Eskalation im Nahen Osten

Der Süden des Libanon darf nicht zu einem zweiten Gaza werden

Veröffentlicht am 27.03.2026 um 00:01 Uhr – Von Dirk Bingener – Lesedauer: 
Gastbeitrag

Aachen ‐ In einem Beitrag für katholisch.de schildert missio-Präsident Dirk Bingener die dramatische Lage im Libanon. Er warnt vor Vertreibung, wachsender Not und fordert mehr internationalen Einsatz für Schutz und Waffenruhe.

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Der Krieg zwischen Iran, den USA und Israel richtet die Aufmerksamkeit der Welt auf Teheran, Jerusalem und Washington. Dabei gerät ein Land aus dem Blick, das längst zu den verletzlichsten Orten dieser Eskalation gehört: der Libanon.

Unsere missio-Partner berichten seit Wochen von zunehmendem Granatenbeschuss und Razzien im Süden des Landes, als Antwort auf die Angriffe der Hisbollah auf Israel. Davon ist auch eine Reihe christlicher Dörfer betroffen. Straßen, Brücken und Wohnviertel werden zerstört. Warnungen der israelischen Armee zur Evakuierung der Gebiete erfolgen häufig so kurzfristig, dass den Menschen kaum mehr als eine halbe Stunde bleibt, um ihr Zuhause zu verlassen. Viele können kaum das Nötigste mitnehmen und versuchen einfach nur, ihr Leben und das ihrer Familien zu retten.

Es gibt viele, die nicht mehr fliehen

Es gibt aber auch viele, die nicht mehr fliehen. Mehr als 5.000 christliche Familien haben sich entschieden, in ihren Dörfern im Süden zu bleiben. Seit der israelischen Bodenoffensive 2024 wissen sie, was Flucht bedeutet. Die Erinnerungen an zerstörte Häuser, verlorene Existenzen und ein Leben in Unsicherheit stehen ihnen noch vor Augen. Noch einmal wollen sie nicht zurückkehren, um dann Trümmer vorzufinden. Wenn eine Rückkehr überhaupt möglich wäre. Sie bleiben aus Angst, aber auch aus einer tiefen Entschlossenheit. Diese Entscheidung macht ihre Lage nicht einfacher, sondern dramatischer. Beschuss und eine stockende Versorgung prägen den Alltag, und die Gefahr, ums Leben zu kommen, steigt von Tag zu Tag. Vor zwei Wochen etwa wurde der maronitische Pfarrer Pierre el-Raï in Qlayaa bei einem israelischen Bombenangriff getötet, als er einem verletzten Gemeindemitglied helfen wollte.

„Eine militärische Verwüstung des Südlibanon würde das Recht so vieler auf Heimat verletzen, den Staat weiter schwächen.“

—  Zitat: Pfarrer Dirk Bingener

Die Ankündigungen des israelischen Verteidigungsministers und das aktuelle Vorgehen der Armee verstärken die Sorge, vertrieben zu werden. Denn die israelische Regierung plant eine sogenannte Sicherheitszone im Süden und verbindet damit das Ziel, die Hisbollah hinter den Litani-Fluss zurückzudrängen. In den christlichen Gemeinden dort wächst die Angst vor einem zweiten Gaza. Viele fürchten, dass ihnen das Schlimmste noch bevorsteht. Nämlich die komplette Zerstörung ihrer Dörfer.

Aber schafft eine solche Strategie tatsächlich mehr Sicherheit? Eine militärische Verwüstung des Südlibanon würde das Recht so vieler auf Heimat verletzen, den Staat weiter schwächen, neue Fluchtbewegungen auslösen und die konfessionellen Spannungen verschärfen.

Der Libanon ist nicht in der Lage , die Hisbollah zu entwaffnen

Dabei muss man sehen, dass der Libanon selbst nicht in der Lage ist, die Hisbollah einfach zu entwaffnen. Präsident, Regierung und große Teile der Bevölkerung lehnen die Terrororganisation ab. Nach Einschätzung unserer Partner sind es rund 80 Prozent der Menschen im Land, die sich gegen die Hisbollah stellen. Dazu gehören Christen, Sunniten, Drusen und auch viele Schiiten. Aber die libanesische Armee ist weder ausreichend ausgebildet noch ausgerüstet, um eine Entwaffnung durchzusetzen. Wer hier schnelle Lösungen fordert, muss auch sagen, wie diese gelingen sollen, ohne das Land in einen Bürgerkrieg zu stürzen.

Währenddessen leisten die Kirchen im Land Enormes. Sie nehmen Geflüchtete aus allen Religionen auf und öffnen Schulen, Krankenhäuser und Gemeindezentren. Diese gelebte Solidarität ist angesichts der überwältigenden Not zwar immer zu wenig, aber für viele der einzige Hoffnungsschimmer in einem Land, dessen staatliche Strukturen seit Jahren versagen.

Der Präsident des Kindermissionswerk "Die Sternsinger" und von Missio Aachen, Pfarrer Dirk Bingener
Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Archivbild)

Pfarrer Dirk Bingener, der Autor dieses Beitrags, ist Präsident des Hilfswerks missio Aachen und des Kindermissionswerks "Die Sternsinger".

Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass zugleich die Spannungen in der Gesellschaft zunehmen. Wenn Unterkünfte überfüllt sind, Ressourcen knapper werden und die Sorge vor weiterer Gewalt zunimmt, verändert sich das Zusammenleben der Menschen. Angst, Neid und Misstrauen greifen um sich. Hinzu kommt eine Sorge, über die viele nun zunehmend deutlich sprechen. Mit den Geflüchteten aus dem Süden könnten auch Kämpfer oder Unterstützer der Hisbollah in andere Landesteile gelangen. Viele Menschen fürchten, dass dadurch bislang vergleichsweise sichere Regionen ins Visier militärischer Angriffe der Israelis geraten könnten.

Sollte der Süden tatsächlich zu einer dauerhaften Sicherheitszone werden, könnten Hunderttausende nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. Vor allem schiitische Familien müssten sich in anderen Regionen ansiedeln. Damit droht eine Verschiebung des ohnehin empfindlichen Gleichgewichts im Libanon. Die Folgen sind heute kaum absehbar.

Am stärksten leiden die Kinder

Am stärksten leiden bei alldem die Kinder. Sie erleben Flucht, Angst und permanente Bedrohung. Das Geräusch von Drohnen hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Sie leben unter ständiger Anspannung. Dabei gilt, dass Kinder in Kriegs- und Krisenregionen unter besonderem Schutz stehen. Dieser Schutz ist immer und überall uneingeschränkt zu gewährleisten.

Wie die konkrete Situation vieler Familien ist, zeigt eine Schilderung unseres Projektpartners aus dieser Woche. Eine Mutter ruft dort verzweifelt an. Sie hat drei kleine Kinder und lebt nach ihrer Flucht in einem Auto, bei Regen und Kälte. In ihrer Verzweiflung sagt sie, sie könne so nicht mehr weiterleben. Und man fragt sich unweigerlich, was aus den Kindern wird, wenn die Mutter den Lebensmut verliert.

„Es gibt keine einfachen Lösungen für den Libanon. Aber eines ist klar: Der Süden des Landes darf nicht zu einem zweiten Gaza werden.“

—  Zitat: Pfarrer Dirk Bingener

Es gibt keine einfachen Lösungen für den Libanon. Aber eines ist klar: Der Süden des Landes darf nicht zu einem zweiten Gaza werden. Bei allen berechtigten Sicherheitsinteressen Israels ist die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren.

Deutschland und Europa müssen ihren Einfluss jetzt nutzen

Deutschland und Europa müssen ihren politischen Einfluss jetzt maximal nutzen: gegenüber Israel, den USA und natürlich dem Iran. Sie müssen auch für den Libanon auf eine Waffenruhe drängen, den Schutz der Zivilbevölkerung einfordern und die humanitäre Hilfe deutlich ausweiten. Gleichzeitig braucht es eine stärkere zivilgesellschaftliche Unterstützung dieses Anliegens in Deutschland, die über die allgemeine Feststellung, die Welt sei ja aus den Fugen geraten, hinausgeht.

Dem eindringlichen Ruf nach einem Waffenstillstand, wie ihn Papst Leo XIV. formuliert, muss jetzt Geltung verschafft werden. Es braucht eine Atempause. Krieg ist und bleibt die schlechteste aller Lösungen. Gewalt erzeugt weitere Gewalt. Mit jeder militärischen Eskalation werden unwiederbringlich Dinge zerstört: Dörfer und Städte, die christliche Präsenz im Libanon, vor allem aber das Leben so vieler Menschen.

Von Dirk Bingener

Der Autor

Pfarrer Dirk Bingener (*1972) ist seit 2019 Präsident des Hilfswerks missio Aachen und des Kindermissionswerks "Die Sternsinger".