Grüne Wunder am Wegesrand

In der Hoffnung liegt unsere Kraft

Veröffentlicht am 10.05.2026 um 12:00 Uhr – Von Schwester Gabriela Zinkl – Lesedauer: 
Impuls

Grafschaft ‐ Löwenzahn und Gänseblümchen: Aus den Rissen des Asphalts oder an Feldwegen sprießen grüne, unscheinbare Wunder aus dem Dunklen. Diese Kraft haben auch Christen in ihrer Hoffnung, schreibt Schwester Gabriela Zinkl.

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Der Himmel ist blitzeblau, die Sonne strahlt uns schon deutlich öfter entgegen als in den Monaten vorher und viele genießen den ersten Milchshake im Lieblingscafé, natürlich draußen. Während viele schon wieder genießerisch Sonnenbrille tragen und die Strahlen des gelben Planeten in vollen Zügen genießen, gibt es zu unseren Füßen noch ganz andere Gute-Laune-Lieferanten. Denn jetzt gibt es auf vielen Wegen, in Ritzen und auf den weiten Wiesen etwas zu sehen, das sich zuletzt rar gemacht hat.

Das ist gerade meine wärmste Empfehlung, für alle Stubenhocker, Miesepeter und alle die, die noch im Winterschlaf sind: rausgehen, eine Runde um den Block oder über die nächste Wiese machen und auf den Boden schauen. Ja, ruhig genau hinschauen, an die Bordsteinkanten, an den Rand des Feldwegs und in die Ritzen der Steine. Jetzt, wo der Frühling alles aufbietet, darf man ruhig einmal die großen, gepflegten Beete links liegen lassen und nach dem Unscheinbaren suchen, zum Beispiel in den Rissen im Asphalt und in den kleinen Fugen zwischen den Gehwegplatten. Dort passiert gerade ein Wunder, das wir oft übersehen, weil es so alltäglich ist. Ein winziger, zarter Halm schiebt sich ans Licht. Ein Gras, Löwenzahn, Gänseblümchen, oder Unkraut. Das kleine Grün ist so weich und zart, dass man es fast mit dem Finger zerdrücken könnte, und doch besitzt es die Kraft, die harten Steine und die dunkle Erde zu sprengen. Es ist dieses sensationelle Grün, das einen ganz verzaubert, das erste, saftige und fast unverschämte Gute-Laune-Grün des Frühlings.

Hoffnung ist grün

Es ist kein Zufall, dass wir im christlichen Kontext die Hoffnung mit der Farbe Grün verbinden. Grün ist die Farbe des Lebens, das sich nicht unterkriegen lässt. In der christlichen Ikonografie steht Grün für die Erneuerung, für das Durchatmen der Schöpfung nach der Starre des Winters. Aber Hoffnung, so wie die Bibel sie versteht, ist mehr als nur ein optimistisches "Es wird schon wieder".

Echte Hoffnung ist eine Widerstandskraft. Das lässt sich an der spirituellen Zähigkeit jedes kleinen Grashalms ganz gut erkennen, er hat den Weg vom Dunkel zum Licht trotz vieler Widerstände geschafft. Wenn wir in der Theologie von Hoffnung sprechen, geht dabei um mehr als nur ein harmloses "Hoffen auf schönes Wetter" oder um das floskelhafte "Es wird schon wieder gut". Hoffnung ist eine Tugend, vor allem aber jene Kraft, die uns aufrecht hält, wenn die Welt um uns herum grau und verkrustet scheint.

Biblische Wurzeln: Hoffnung gegen alle Hoffnung

In der Heiligen Schrift finden wir diese Kraft immer wieder dort, wo man sie am wenigsten erwartet, zum Beispiel bei Abraham. Paulus schreibt im Römerbrief über ihn: "Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt" (Röm 4,18). Das ist das Besondere, unsere christliche Hoffnung beginnt dort, wo die rein menschliche Berechnung aufhört.

Hoffnung ist im biblischen Sinne keine Vertröstung auf ein "Irgendwann im Himmel". Sie ist eine Realität im Hier und Jetzt. Im Hebräerbrief wird die Hoffnung als "Anker der Seele" bezeichnet (Hebr 6,19). Ein Anker wird geworfen, um ein Schiff zu sichern – aber das Faszinierende an diesem biblischen Bild ist: Dieser Anker ist nach oben geworfen, hinein in den Himmel, in Richtung Gottes. Wir sind also nicht im Dunkel der Verzweiflung festgemacht, sondern im Licht der Zukunft Gottes.

Bild: ©KNA

Unkraut hat doch auch nur einen hässlichen Namen.

Viele Menschen verwechseln Hoffnung mit Naivität. Sie sagen: "Schau dir die Nachrichten an, wie kannst du da noch hoffen?" Doch die christliche Hoffnung ist alles andere als blind. Sie hat ihren tiefsten Punkt am Karfreitag, ein schwarzer Tag, versunken in der Hoffnungslosigkeit. Erst im Angesicht des Grabes erweist sich, ob Hoffnung trägt.

Unser Glaube schenkt uns hier eine wunderbare Leichtigkeit. Nicht, weil wir die Probleme der Welt ignorieren, sondern weil wir wissen, dass wir nicht die alleinigen "Retter" sind. Wir dürfen mitwirken, wir dürfen säen, aber das Wachstum schenkt ein anderer. Das nimmt den lähmenden Druck von unseren Schultern. Hoffnung bedeutet, Gott die Regie zu überlassen, während wir selbst die kleinen Schritte tun – so wie der Grashalm, der nicht fragt, wie dick der Asphalt ist, sondern einfach wächst.

Ein Gespür für das Leise

Um Hoffnung zu finden und weiterzugeben, braucht es ein feines Gespür. Die Hoffnung schreit nicht, ja sie macht kein großes Gehabe um sich. Sie ist oft so leise wie das Sprießen der Pflanzen und Bäume im Wald. Im Ordensleben nennen wir das "Unterscheidung der Geister". Wo regt sich Leben? Wo weitet sich das Herz? Wo spüre ich trotz Angst einen inneren Frieden?

Vielleicht ist das die Einladung dieses Frühlings an uns: dass wir wieder mehr der Hoffnung auf der Spur bleiben. Suchen wir das Grün im eigenen Leben. Wo gibt es Verkrustetes, das nach einer langen Frostperiode wieder aufbrechen kann? Wo spüre ich in mir einen neuen Impuls, eine Sehnsucht, die mich lebendig macht?

Das Grün weitertragen

Die Hoffnung hat etwas Unkalkulierbares an sich: Sie ist richtig ansteckend. Wenn ein Mensch hofft, verändert er die Atmosphäre im Raum. Wer aus der Hoffnung lebt, hat einen anderen Blick auf seinen Nächsten. Er sieht nicht nur den "grauen Asphalt" voller Fehler und Schwächen, sondern sucht das "Grün" der Möglichkeiten im anderen.

Und das alles beginnt mit dem unscheinbaren Grashalm. Wenn ich das nächste Mal einen sehe, der sich durch eine Ritze schiebt, sollte ich wirklich stehenbleiben. Und ihm zulächeln, mich von ihm inspirieren lassen. So ein kleiner Grashalm oder Löwenzahn ist ein kleiner Prophet. Er erzählt von der größten Hoffnung unseres Glaubens: Dass das Leben immer das letzte Wort behält. Dass der Stein am Grab weggewälzt wurde. Und dass auch in unserem Leben kein Beton zu hart ist, als dass Gottes Geist ihn nicht aufbrechen könnte.

Also, nichts wie los an alle draußen und drinnen: Haben wir Mut zum Grün und Mut zur Hoffnung!

Von Schwester Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen, promovierte Theologin (Kirchenrecht) und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft tätig.