Junger Abt von Stift Melk: "Will kein Superboss sein"
Noch 20 Mönchen leben im österreichischen Stift Melk. Einer davon ist Ludwig Wenzl. Im Herbst vergangenen Jahres wurde er von seiner Gemeinschaft zum Abt gewählt. Früher hat er in einem Gasthaus gearbeitet. Heute ist er für den Tourismus in seinem Kloster zuständig. Als Abt des Klosters ist er der Obere von Mitbrüdern, die teilweise viel älter sind als er als. Wie er damit umgeht, erklärt der Ordensmann im Interview mit katholisch.de
Frage: Abt Ludwig, Sie sind Vorgesetzter Ihrer Mitbrüder, die zum Teil viel älter als Sie selbst sind. Ist das eine Herausforderung für Sie?
Abt Ludwig: Nein, wir Brüder sind gemeinsam auf dem Weg. Jeder hat seine besondere Geschichte, warum er hier lebt, und Benediktiner wurde. Natürlich gibt es Meinungsverschiedenheiten, aber die gibt es in jedem Zusammenleben. Mir ist der Dialog wichtig. Mich stört es deswegen, wenn jemand den Dialog verweigert. Und wenn es schwierig wird, sollte man dennoch immer höflich und freundlich miteinander umgehen und einander mit Respekt begegnen. Vor kurzem hatte ich eine nette Begegnung im Stiftspark. Ein Besucher hat mich gefragt, ob ich der Novize im Kloster sei. Ich habe mir gedacht, dass er eigentlich recht hat: Als Abt bin ich immer ein Lernender.
Frage: Sie haben diesem Herrn aber gesagt, dass Sie kein Novize sind …
Abt Ludwig: Ja, seine Frage habe ich eher als Kompliment verstanden. Ich habe ihm erklärt, dass ich offiziell die Verantwortung für mein Kloster trage und diese Aufgabe seit Herbst vergangenen Jahres von meinen Mitbrüdern anvertraut bekommen habe. Ich möchte mich nicht mit meinen Vorgängern im Amt vergleichen. Ich weiß nicht, ob ich es besser oder schlechter machen werde. Meine Mitbrüder werden es später einmal bewerten und die Geschichte wird es dann zeigen. Unabhängig davon ist es mir wichtig, keiner zu sein, der nur anschafft, sich zurücklehnt und die anderen machen lässt. So ein Superboss, das will ich nicht sein.
Frage: Wie möchten Sie als Abt sein?
Abt Ludwig: Ich sehe mich in erster Linie als Seelsorger. Wenn ich unterwegs bin, fragen mich immer wieder Leute, ob ich sie segnen kann oder ihnen die Beichte abnehme. Ich finde, als Mönche sollten wir für die Leute da sein, ansprechbar, zugänglich. Wir haben hier im Kloster eine kostbare Bibliothek, eine schöne Kirche und eine beeindruckende barocke Ausstattung – aber der größte Schatz des Stiftes sind die Menschen, die hierherkommen. Auch die vielen Mitarbeitenden und die jungen Menschen, die bei uns in die Schule gehen, sind ein wesentlicher Bestandteil unseres Hauses. Wir möchten unser Haus mit Leben füllen und wir laden zum gemeinsamen Gebet ein. Die ganze Woche über ist die Kirche durch die vielen Besucher voll mit Menschen. Das finde ich wunderschön, weil ich als Abt für den Tourismus des Stiftes zuständig bin.
Frage: Mit Anfang 20 sind Sie in Melk eingetreten, erst vor wenigen Jahren zum Priester geweiht worden. Wie kamen Sie selbst in Kontakt mit dem Kloster?
Abt Ludwig: Ich habe während meines Theologiestudiums in Salzburg Mönche dieses Klosters kennengelernt, die mich hierher eingeladen haben. Das war 2010, damals war ich 23 Jahre alt und mitten im Studium. Als ich das erste Mal das Kloster betrat, blieb ich eine Weile im Kreuzgang stehen. Ich spürte stark, dass ich hierhergehöre. Ich dachte mir: "Da bist du jetzt daheim." Hier in Melk habe ich Heimat gefunden, im Glauben und in der benediktinischen Spiritualität.
Auf dem Bild sitzt der 41-jährige Benediktiner in der ersten Reihe neben seinem Vorgänger im Amt und ist mit seinem Abtskreuz gut zu erkennen.
Frage: Stimmt es, dass Sie vor Ihrem Klostereintritt als Kellner gearbeitet haben?
Ab Ludwig: Ja, ich habe eine Hotelfachschule besucht und eine Ausbildung zum Hotel- und Touristikkaufmann gemacht. Ich habe dann nach dem Zivildienst einige Jahre in einem Gastbetrieb gearbeitet. Das hat mir sehr viel Spass gemacht. Ich habe noch weiterhin gekellnert, als ich schon im Studium war. Gearbeitet habe ich dann immer an den Wochenenden und in der vorlesungsfreien Zeit. Ich fand es immer gut, mein eigenes Geld zu haben und nicht dauernd meine Eltern darum bitten zu müssen.
Frage: Wen müssen Sie heute als Abt im Kloster fragen, wenn sie Geld benötigen?
Abt Ludwig: Wir Mönche fragen unseren Cellerar. Das ist ein Mitbruder, der für die Finanzen zuständig ist und die Klosterkasse verwaltet. Bevor ich Abt wurde, hatte ich diese Aufgabe übernommen. Aber das geht jetzt nicht mehr, denn der Abt kann nicht gleichzeitig der sein, der das Geld für den Konvent verwaltet. Wenn ein Mitbruder also etwas braucht, dann geht er zu unserem Cellerar. Jeder, der etwas braucht, bekommt das auch. Jeder von uns hat 200 Euro als Taschengeld zur Verfügung und alles, was darüber hinausgeht oder kostspieliger ist, wird mit dem Cellerar besprochen. Unsere Ordensregel gibt uns da eine gute Richtschnur an die Hand: Der Cellerar soll nicht zu kleinlich sein und alles mit dem richtigen Maß bemessen. Wir sind erwachsene Leute und dürfen uns nicht beklagen. Für uns Mönche ist gesorgt, wir haben ein Dach über dem Kopf und erhalten unsere täglichen Mahlzeiten.
Frage: Sie tragen als Abt einen Ring und ein Brustkreuz, sowie einen Stab. Haben Sie diese Insignien neu gekauft?
Abt Ludwig: Nein. Den Ring habe ich von meinem Vorvorgänger im Amt übernommen, der schon verstorben ist. Dieser Abt war früher mein Novizenmeister und hat mich in meiner Anfangszeit gut begleitet. Wenn ich nun seinen Ring trage, erinnere ich mich an ihn. Das ist für mich eine Art von Treue zu meinem Orden. Ich habe sein Brustkreuz übernommen und den Krummstab. Innerhalb meiner Gemeinschaft habe ich damit eine Hirtenfunktion übernommen. Und ich freue mich darauf, zukünftig als Firmspender junge Menschen bei einem wichtigen Schritt in ihrem Glaubensleben begleiten zu dürfen.
Frage: Haben Sie als Abt einen besonderen Platz innerhalb Ihrer Gemeinschaft im Chorgestühl?
Abt Ludwig: Ja, ich nehme den oberen Platz ein. Wenn wir gemeinsam beten, dann eröffne ich die Gebetszeit mit einer Glocke. Das ist bei uns so üblich. Und beim Mittagessen klingle ich ebenso mit einer Glocke. Sie sieht aus wie eine Rezeptionsglocke, die mich an meine Ausbildungszeit zum Hotelkaufmann erinnert. Wir Brüder beten vor dem Essen, hören eine Lesung aus der Bibel und dann läute ich die Glocke, als Zeichen dafür, dass wir nun miteinander reden und essen können. Wenn wir fertig mit dem Essen sind, läute ich wieder ab und dann kommt nochmals eine kurze Lesung, dieses Mal aus der Regel des Heiligen Benedikt. Am Schluss folgt noch ein kurzes Gebet. Wir Benediktiner leben ein gemeinschaftliches Leben. Wir brauchen die Stille, das Gebet und das Gespräch, den Austausch miteinander.
Das Stift Melk ist eine Abtei der Benediktiner in Niederösterreich an der Donau. Der Barockbau gilt als Wahrzeichen der Wachau und ist ein UNESCO-Welterbe. Es beherbergt ein Stiftsgymnasium, die älteste noch bestehende Klosterschule Österreichs.
Frage: Sie hören jeden Tag Auszüge aus Ihrer Ordensregel. Welche Relevanz hat diese Regel heute noch in Ihrem Klosterleben?
Abt Ludwig: Wir hören die Ordensregel dreimal im Jahr komplett durch. Vieles darin bewährt sich und manches ist komplett veraltet oder überholt, wie etwa die Prügelstrafe, nach der der Abt Mönche züchtigen durfte. Das ist verwerflich. Ich kann so eine Gewalt nicht mehr befürworten. Sätze wie diese sind Gott sei Dank weit weg von unserer heutigen gemeinsamen Lebensrealität.
Frage: Sie haben ein Gymnasium innerhalb des Klosters und tragen seit vielen Jahren Verantwortung für Kinder und Jugendliche. Welche Bedeutung hat das für Sie?
Abt Ludwig: Junge Menschen sind uns wichtig. Ich war selbst einmal Lehrer an unserer Schule in Melk. Gemäß dem Schulmotto "Leben lernen" sollen sie hier einen sicheren Raum für ihr Wachsen und für ihre Entwicklung haben. Deshalb ist uns der Kinder- und Jugendschutz besonders wichtig. Wir waren bedauerlicherweise in unserer Klostergeschichte vor vielen Jahren mit einem Fall von sexueller Grenzüberschreitung eines ehemaligen Mönchs konfrontiert. Auch wenn es sich dabei nicht um einen schulischen Kontext gehandelt hat, haben wir heute Schutzkonzepte, eine Präventionsordnung und zwei Schulseelsorgerinnen an der Schule. Unsere Gemeinschaft hat das aufgearbeitet und daraus gelernt. Wir wollen genau hinschauen und alles dafür tun, damit so etwas nicht mehr geschieht. Hier arbeiten wir eng mit den Verantwortlichen anderer Klöster und Orden zusammen.
Frage: Machen Sie sich Sogen, dass Ihr Kloster eines Tages wegen fehlendem Nachwuchs geschlossen werden könnte?
Abt Ludwig: Es gibt viele Klosterschließungen. Ich wäre sehr traurig, wenn es bei uns einmal so weit kommen würde. Aber ich kann mir das nicht vorstellen. Gott wird einen Weg finden, dass es hier weitergeht. Mein Wahlspruch als Abt lautet "Gaudium et Spes", "Freude und Hoffnung", daher habe ich die Hoffnung, dass es gut und mit Freude weitergehen wird.
