Lehrplan für neues Fach "Christliche Religion"

Niedersachsen: Reli-Unterricht soll näher an Lebenswelt der Schüler

Veröffentlicht am 22.05.2026 um 14:38 Uhr – Lesedauer: 

Hannover ‐ Sinnsuche, Vielfalt, Zusammenhalt: Der neue christliche Religionsunterricht in Niedersachsen will stärker bei der Lebenswelt junger Menschen ansetzen. Kritik an angeblich fehlendem Jesus-Bezug weist die Ministerin zurück.

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Der Religionsunterricht an Niedersachsens Schulen soll künftig stärker auf Sinnsuche, gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Umgang mit religiöser Vielfalt ausgerichtet werden. Das geht aus den Lehrplänen für das neue bundesweit einzigartige Fach "Christliche Religion" hervor, die Kultusministerium sowie katholische und evangelische Kirche am Freitag in Hannover vorgestellt haben.

"Schülerinnen und Schüler sollen Orientierung gewinnen, unterschiedliche Perspektiven verstehen lernen und befähigt werden, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen", erklärte Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne). Niedersachsen setze damit ein bundesweit wegweisendes Zeichen für Dialog, Kooperation und moderne religiöse Bildung. Die Lehrpläne sollen nun dem Landtag zur Beschlussfassung vorgelegt werden.

Start zum Schuljahr 2026/27 geplant

Das neue Fach soll zum Schuljahr 2026/27 eingeführt werden und gilt als bundesweite Premiere. Erstmals verantworten evangelische und katholische Kirche den Unterricht gemeinsam. Damit wollen sie auf die wachsende religiöse und weltanschauliche Vielfalt an Schulen reagieren. Die bisherigen Fächer evangelische Religion und katholische Religion sollen schrittweise durch das gemeinsame Fach ersetzt werden.

Die Lehrpläne rücken nach Angaben des Ministeriums die Lebenswirklichkeit junger Menschen stärker als bisher in den Mittelpunkt. Themen wie Freiheit, Verantwortung, und Gerechtigkeit sollen aus christlicher Perspektive behandelt und zugleich mit anderen religiösen, philosophischen und weltanschaulichen Sichtweisen verknüpft werden. Bereits in den ersten Klassen gehe es etwa um Fragen wie "Wer bin ich?", Gemeinschaft oder den Umgang mit Krankheit, Leid und Tod.

Kaum Jesus? Niedersachsens Kirchen verteidigen neuen Reli-Unterricht

Ein Lehrplan ohne Jesus? In Niedersachsen regt sich Kritik an den Lehrplänen des neuen ökumenischen Religionsunterrichts. Die Inhalte seien zu wenig christlich, heißt es. Kirchen und Kultusministerium sehen das anders.

Unterschiede zwischen katholischer und evangelischer Tradition werden laut dem Leiter des Katholischen Büros Hannover, Felix Bernard, weiterhin ausdrücklich behandelt. Bernard nannte etwa das Papstamt, die Marienverehrung oder die unterschiedliche Sakramentenlehre. Allerdings seien die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Konfessionen inzwischen viel größer als die Unterschiede

Die Bevollmächtigte der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen, Kerstin Gäfgen-Track, sagte, Religion müsse Kindern und Jugendlichen helfen, Hoffnung, Gemeinsinn und Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln. Gerade angesichts von Krisen, Kriegen und wachsendem Fundamentalismus brauche es religiöse Bildung und Dialogfähigkeit.

"Missinterpretation"

Kritik, der Name Jesus komme in den Lehrplänen zu selten vor, wies Hamburg erneut zurück. Einzelne Stimmen hatten dies zuvor bemängelt. Die Ministerin sprach von einer "Missinterpretation" und verwies darauf, dass zahlreiche biblische Inhalte und Gleichnisse behandelt würden, auch wenn der Name Jesus nicht ausdrücklich genannt werde.

Der Religionsunterricht bleibt den Angaben zufolge bekenntnisgebunden im Sinne des Grundgesetzes. Grundlage blieben die biblischen Quellen, christliche Traditionen und Überzeugungen, hieß es. Teilnehmen können weiterhin auch Schüler anderer Religionen oder ohne Religionszugehörigkeit. (KNA)

Im Schuljahr 2024/25 besuchten laut Kultusministerium rund 65 Prozent der Schüler in Niedersachsen den evangelischen oder katholischen Religionsunterricht. Gut die Hälfte von ihnen (52 Prozent) gehörten der evangelischen oder katholischen Kirche an. Der Religionsunterricht wird in Deutschland von Staat und Kirchen gemeinsam verantwortet.