"Papst Leo kann Technik"

KI-Lehrschreiben von Papst Leo XIV. erhält Zuspruch aus Deutschland

Veröffentlicht am 26.05.2026 um 08:50 Uhr – Lesedauer: 

Vatikanstadt/Bonn ‐ Wie soll das Zusammenleben von Mensch und KI in Zukunft aussehen? Und wie kann (und sollte) sich die Kirche einbringen? Papst Leo XIV. hat dazu nun ein Lehrschreiben vorgelegt – das in Deutschland breiten Anklang findet.

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Das erste Lehrschreiben von Papst Leo XIV. hat aus Deutschland viel Zuspruch erhalten. Die an Pfingstmontag veröffentlichte Enzyklika "Magnifica humanitas" widmet sich dem Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) und formuliert eine Position der Kirche zu der Technologie.

Aus Sicht des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, handelt es sich um "ein wegweisendes Dokument für die Menschlichkeit". Besonders würdigte der Hildesheimer Bischof den Vorstoß der Enzyklika, für Digitalisierung und KI einen Ethikkodex zu schaffen, der auf sozialer Gerechtigkeit basiere. "Wir erleben auch in Deutschland, wie Algorithmen Quantität stärker belohnen als Qualität und Wahrhaftigkeit; wie in Zeiten polarisierter öffentlicher Debatten die Demokratie unter Druck gerät."

Wilmer: "Papst Leo kann Technik"

Gleichzeitig betonte Wilmer, dass der Papst kein Technikfeind sei. Noch als Ordensoberer in Rom habe Robert Prevost seinen Brüdern schon mal bei der Reparatur des Druckers geholfen, und als Bischof in Lateinamerika sei er mit dem Geländewagen auf schlechten Pisten zu den Menschen gehoppelt, so der künftige Bischof von Münster, der selbst lange als Ordensoberer in Rom arbeitete. "Papst Leo kann Technik - und er kann Menschen."

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki legte den Fokus auf die Vergebungsbitte des Papstes für das Mitwirken der Kirche an der Sklaverei. Das sei bislang beispiellos, so Woelki. "Er verbindet eine aufrichtige Vergebungsbitte der Kirche für ihre historische Mitschuld an der Sklaverei mit einer prophetischen Anklage der Gegenwart. Und er prägt einen Begriff, der die ethische Debatte unserer Zeit verändern kann: Er fordert, die Künstliche Intelligenz zu entwaffnen."

Der Rottenburger Bischof Klaus Krämer sieht die Enzyklika als "klare Positionierung" an. Leo betone, "dass die Menschheit an einem historischen Scheideweg steht, der nicht nur den technischen Fortschritt betrifft, sondern die Bedeutung von Entwicklung und menschlichem Zusammenleben selbst". Zudem betonte der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart: "Künstliche Intelligenz ist nicht einfach nur eine technische Frage. Sie berührt die Würde des Menschen". Deshalb müsse ihr Einsatz stets daran gemessen werden, "ob sie dem Menschen dient, seine Freiheit achtet und seine unantastbare Würde schützt", so Krämer.

Einladung zur Mitwirkung

Für den Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann ist das Schreiben "ein starkes Zeichen für die Bewahrung der Menschenwürde im digitalen Zeitalter". In einer Zeit tiefgreifender Umbrüche erinnere der Papst eindringlich daran, "dass der Mensch niemals zum bloßen Objekt wirtschaftlicher oder technischer Interessen werden darf". Die Kirche bringe damit ihre Überzeugungen in eine Debatte ein, "die für die Zukunft der ganzen Menschheit von entscheidender Bedeutung ist", betonte Wiesemann. Er hoffe, dass die Enzyklika nicht nur in Kirchenkreisen gelesen werde, sondern weit darüber hinaus als wichtiger Beitrag zur ethischen Orientierung in einer zunehmend digitalisierten Welt wahrgenommen werde.

Aus Sicht des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße lädt der Papst mit der Enzyklika die Weltgemeinschaft zu Mitwirkung ein. "Haltet euch nicht raus, sondern engagiert euch. Setzt euch ein. Baut an der Wirklichkeit mit. Und dabei muss man sich die Hände schmutzig machen", so Heße in einer Videobotschaft. Als "starkes Zeichen für eine Kirche, die die Herausforderungen der Gegenwart erkennt und sich konstruktiv einmischt", würdigte die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, die Enzyklika. Eine der stärksten Aussagen sei: "Wir können KI nicht als moralisch neutral betrachten."

Volltext von "Magnifica humanitas"

Den kompletten Text der Enzyklika "Magnifica humanitas – Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz" von Papst Leo gibt es auf der Website des Vatikans.

Die Freiburger Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer sieht mit der Enzyklika die klare Linie in der Namenswahl Leos XIV. bestätigt. Er folge damit der wegweisenden Enzyklika "Rerum novarum" von Papst Leo XIII. über die Arbeiterfrage 1891, sagte sie der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Es gehe bei der KI um einen weiteren tiefen Umbruch in der Menschheitsgeschichte. Papst Leo XIV. sehe die Technik allerdings nicht als einen Feind an, sondern als eine Schöpfung menschlicher Kreativität, die aber ethischer Leitplanken bedürfe.

Abkehr vom "gerechten Krieg"?

Ähnlich äußerte sich auch der Kölner Sozialethiker Elmar Nass, der das Lehrschreiben als "Rückkehr zu einer systematischen Soziallehre" deutet. Überraschend wirke für ihn die Abkehr von einer Theorie des gerechten Krieges, so Nass in einem Gastbeitrag für das Kölner katholische Portal domradio.de. Damit setze der Papst einen Kontrapunkt "zu der von Putin, Xi, Trump und anderen Machthabern unserer Tage praktizierten Logik von Macht und Gewalt", sagte Nass. Als Gegenentwurf verweise das Schreiben auf zentrale Prinzipien der katholischen Soziallehre wie Gemeinwohl, Solidarität und Subsidiarität. Fortschritt müsse sich am Wohl aller messen lassen, besonders an dem der Schwächsten.

Auch der Deutsche Caritasverband sieht das Schreiben zuallererst als Friedensbotschaft. "Der Appell des Papstes ist unüberhörbar: Wir sind gefordert, den Ausbeutungs-Dynamiken entgegenzutreten und den Armen und Vulnerablen eine Stimme zu geben und ihre Perspektive ernstzunehmen", erklärte Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa. "Es geht darum, eine Kultur und Räume menschlicher Begegnung zu erhalten." (mtr/mal/KNA)

Hinweis: 26.5, 11:50 Uhr: Ergänzt um Bischof Krämer; 12:30 Uhr: Ergänzt um Bischof Wiesemann.