Das Projekt "Queerbeet" der Caritas in Aachen

Wenn Obdachlose die Stadt mit Blumen verschönern

Veröffentlicht am 04.07.2026 um 12:00 Uhr – Von Madeleine Spendier – Lesedauer: 

Aachen ‐ Die gelben Westen mit der Aufschrift "Querbeet" fallen auf. Die Menschen, die sie tragen, auch. Die meisten sind wohnungslos oder suchterkrankt. Doch sie hatten eine Idee, die es in Aachen so vorher noch nicht gab.

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Einer der Männer, der heute bei dem Rundgang durch die Aachener Innenstadt dabei ist, hängt eine bunt besprühte Blechdose an einer Straßenlaterne und befestigt sie dort mit Kabelbinder. "Sieht doch gleich viel schöner aus", freut er sich. Der Mann, der anonym bleiben möchte, ist heute gemeinsam mit neun weiteren Männer unterwegs. Sie tragen gelbe Westen mit der Aufschrift "Querbeet". Das ist der Name des Beschäftigungsprojektes für suchtkranke und wohnungslose Menschen der Caritas in Aachen. Es ist ein Angebot für Menschen, die es nicht leicht haben im Leben, erklärt Laurids Elsing, der das Projekt "Querbeet" leitet und heute die Männer begleitet. Viele von ihnen sind von Drogen oder Alkohol abhängig, haben keine feste Wohnung, keine Arbeit. Durch das Verschönerungsprojekt sollen sie wieder eine feste Tagesstruktur erlernen, in eine regelmäßige Beschäftigung kommen und damit "gesellschaftliche Teilhabe" erlangen, erklärt Elsing. 

Der ausgebildete Sozialarbeiter und Streetworker wünscht sich, dass seine Leute von den anderen gesehen werden sollen. Er und seine Gruppe sind nun am Bahnhof in Aachen angekommen. Elsing schiebt dort am Vorplatz einige Fahrräder zur Seite. Zwei Männer heben den Abfall auf, der sich dort angesammelt hat. Sie stecken ihn in Mülltüten, die sie auf den mitgebrachten Karren legen. "Die Leute sehen, dass wir hier alles sauber machen“, motiviert der 35-jährige Elsing sein Team.

"Querbeet" ist wie ein "Lichtblick"

Die Teilnehmer des Rundgangs sind eifrig damit beschäftigt, rund um den Bahnhof weggeworfene Plastirkflaschen und Zigarettenkippen aufzuheben. Einige kontrollieren Blumentröge dort. Diese wurden von den Teilnehmern von "Querbeet" angelegt, bepflanzt und nun gehegt. Daher ist "Querbeet" nicht nur ein Beschäftigungsangebot, sondern auch ein Verschönerungsprojekt, erklärt Elsling weiter. 

Unterwegs kommt er mit den Männer immer wieder ins Gespräch. So erfährt er meist nebenher, wie es den einzelnen geht, was ihnen Sorgen macht, was sie brauchen. Einer der Teilnehmer berichtet, dass er früher Elektriker war und gerne wieder einmal in diesem Beruf arbeiten möchte. Ein anderer hat einen Dreijahresplan entwickelt. Auch er plant, wieder einmal "normal" zu arbeiten. Doch vorerst muss er erst seinen Entzug erfolgreich "abschließen". Ein anderer Teilnehmer sagt, dass er oft schon morgens Alkohol trinkt, weil es ihm schmeckt. Er habe auch deshalb öfters Probleme mit der Polizei. Ihm fehle auch eine eigene Wohnung, in der er sich zurückziehen könne. Viele der Männer sind gesundheitlich angeschlagen, eine Folge ihrer Suchterkrankungen. Einer der Teilnehmer sagt, dass er früher viel Schweres erlebt habe. "Querbeet" für ihn wie ein "Lichtblick".

Bild: ©katholisch.de/msp

Laurids Elsing (im Bild in der Mitte) begleitet die Teilnehmenden des Caritas-Beschäftigungsprojektes "Querbeet" auf ihrem Rundgang durch Aachen. Vor einem Hotel kümmern sie sich um die dort von ihnen aufgestellten Pflanzenbeete.

Das Projekt "Querbeet" gibt es seit zehn Jahren in Aachen. Die Idee dazu ist an einem Treffpunkt der offenen Drogenszene enstanden, weiß Elsing, der damals öfters als Streetworker dort unterwegs war. Kein schöner Platz, weil viel Müll herumlag, erinnert sich der Caritas-Mitarbeiter. Auch das Ordnungsamt war dort deshalb immer wieder im Einsatz, um Konflikte zu vermeiden. Genau an diesem Ort hatten die suchtkranken Menschen den Wunsch, es sich "schön zu machen". Sie wollten dort Blumen pflanzen, die Hecken schneiden, den Rasen mähen. "Wir Streetworker haben die Idee von Anfang an unterstützt und Gartenwerkzeuge von zu Hause mitgebracht, sogar einen Rasenmäher besorgt", schwärmt Elsing im Rückblick. Die Menschen dort haben den Müll aufgeräumt und Blumen gepflanzt. "Das war Hilfe zur Selbsthilfe", erklärt der Caritas-Mitarbeiter nicht ohne Stolz. 

Die Idee: Blumen in Blechdosen 

Heute ist der damalige Treffpunkt der Drogenszene zwar immer noch geprägt "von offenem Konsum", so Elsing weiter, aber ein Teil der Menschen dort habe Verantwortung für "diesen gemeinsamen Lebensraum Stadt" übernommen, ist er überzeugt. Die Atmosphäre wandelte sich so, dass ein "ein wertvoller Dialog mit uns entstand, den die Sozialarbeiter moderieren", erklärt der Caritas-Leiter. Weil das Projekt so gut ankam, sogar in der Stadtverwaltung von Aachen, entstand die Idee, es weiterzuführen. "Wir haben Spendengelder besorgt und die Stadt mit ins Boot geholt", berichtet Elsing. Und dann kam die Idee dazu, Blumen in Blechdosen in der Stadt zu verteilen. Der Name "Querbeet" enstand. Rund 60 unterschiedliche Männer und Frauen sind seit der Gründung des Projektes jeden Monat dabei, freut sich Elsing. Durch die regelmäßige Beschäftigung erlernen sie Schritt für Schritt wieder einen geordneten Alltag, ist er zuversichtlich.

Die Gruppe von heute erreicht nun einen Innenhof in der Aachener Innenstadt. "Das ist unsere Blumen- und Konfettifabrik", erklärt eine der Teilnehmenden die "Querbeet"-Werkstatt dort. Er zeigt stolz die Blumen und Beete dort, die von Privatleuten und einer Gärtnerei gespendet worden sind. "Die Kräuter ziehen wir alle selbst", erklärt ein Teilnehmerin von "Querbeet". In einer kleinen Schreinerei nebenan werden die Blumenkisten zusammengebaut, die dann in der Stadt verteilt werden, in Absprache mit der Stadtverwaltung. "Querbeet ist für manche wie eine kleine Familie und ein zu Hause auf Zeit", sagt Elsing und ermahnt die Gruppe nun, den Rundgang durch die Stadt fortzusetzen. Vor dem Eingang der Werkstatt kehrt ein Mann noch schnell die Zigarettenreste weg. "Hier soll es sauber sein", betont er.

Bild: ©katholisch.de/msp

Das Café Plattform ist eine soziale Anlaufstelle in Aachen und gehört zur Caritas dort. Das Café hat täglich zwischen 7 Uhr und 22 Uhr geöffnet und beherbergt sogar eine Notschlafstelle mit medizinischer Ambulanz.

Unterwegs grüßt Elsing Menschen, die auf der Straße sitzen, Alkohol trinken oder um Kleingeld betteln. "Geld gebe ich keines", erklärt der Caritas-Mitarbeiter, denn er möchte, dass sich die Leute selbst aus ihrer verzweifelten Lage befreien. "Wenn ich ihnen jedes Mal Geld geben würden, würden sie nichts daran ändern", ist er überzeugt. Vor einer öffentlichen Parkgarage macht die Gruppe etwas länger Halt. Zwei der "Querbeet"-Teilnehmer holen Wasser aus der Toilette dort und gießen damit die Pflanzen. Andere zupfen Unkraut aus den Beeten. Elsing ist froh, dass die Teilnehmer heute so engagiert dabei sind. Sie zeigen, dass sie Verantwortung übernehmen können, meint er. Eine Frau, die die Gruppe beobachtet, sagt, dass sie sich jeden Tag über die schön gepflegten Blumen hier freut. Die Männer sind etwas verlegen. Die Wertschätzung tut ihnen gut.

Wohnungslose Frauen geraten oft in prekäre Notlagen

Der Rundgang ist zu ende und die Männer gehen wieder in das Café Plattform zurück, in dem das Projekt "Querbeet" untergebracht ist. Sie erhalten dort etwas Geld für ihren Dienst heute, damit bezahlen sie das warme Mittagessen an der Theke. "Die meisten unserer Gäste leben vom Sozialgeld", sagt Elsing, der seit mehr als 13 Jahren bei der Caritas in Aachen arbeitet. Seine Aufgabe erfüllt ihn, ergänzt er. In dem Caritas-Gebäude, das an der Rückseite des Aachener Bahnhofs ist, ist neben dem Kontaktcafé eine Sozialberatung untergebracht sowie ein Raum für die Streetworker, eine psychologische Beratungsstelle und die einzige Notschlafstelle in der Stadt. Mehr als 40 Zimmer, die meist belegt sind, berichtet Elsing und zeigt die medizinische Ambuanz daneben. Hier kümmern sich eine Ärztin und eine Krankenschwester um die Menschen, die hier über Nacht sind. Manche von ihnen erhalten hier auch neue Spritzen, weil manche der Klienten Ersatzstoffe brauchen, weil sie drogenabhängig sind und eine Entgiftungskurs machen, so Elsing weiter. Er erwähnt ein Upcycling-Näh-Projekt, das für Frauen in Notlagen gedacht ist. Das gemeinsame Nähen kann ihnen dabei helfen, sich wieder zu stabilisieren. "Frauen geraten durch ihre Wohnungslosigkeit oft in prekäre Situationen", weiß Elsing. 

Drinnen im Café Plattform der Caritas sitzen einige Männer und Frauen, Tagesgäste, in kleinen Gruppen zusammen. Der Raum ist hell und freundlich, aber es riecht nach Alkohol. Ein Mann, der allein an einem Tisch sitzt, schreibt mit einem Füller auf Papier. Seine Handschrift ist geradlinig schön. Den Brief, den er schreibt, möchte er beim Arbeitsamt abgeben. "Wenn ich aufschreibe, was ich schon erlebt habe, dann müssen die mir endlich glauben, dass ich eine Arbeit brauche", sagt er. Elsing geht zu dem Mann hin, spricht mit ihm und erklärt ihn das Idee von "Querbeet". Dann zeigt er ihm die Teilnehmerliste für morgen. "Da ist noch Platz. Man bekommt für die drei Stunden Mitarbeit etwas Geld, ein Mittagsessen und ein Getränk", erwähnt er freundlich. Es wäre ein Anfang. Der Mann schaut nur kurz auf und schreibt an seinem Brief weiter. 

Von Madeleine Spendier