Ex-Zeremoniar: In der Kapelle war Johannes Paul II. wie verwandelt
"Im Alltag machte er Scherze und war ganz normal. Aber in der Kapelle war er wie in einer anderen Welt": So erinnert sich der frühere päpstliche Zeremoniar Bolesław Jan Krawczyk (74) an Papst Johannes Paul II. (1920–2005). Dieser habe auf einzigartige Weise Humor mit tiefer Spiritualität verbunden, sagte der heute in Wien lebende Pole im Gespräch mit der österreichischen Presseagentur "Kathpress". Darin blickt er auf die Jahre mit seinem inzwischen heiliggesprochenen Ex-Chef zurück.
Die Zeit an der Seite von Johannes Paul II. habe ihn für sein Leben geprägt, sagte Krawczyk. Schon aus der gemeinsamen Heimat habe er Karol Wojtyła gut gekannt. "Wir begegneten uns schon vor der Papstwahl immer wieder in Polen bei kirchlichen Veranstaltungen, als er noch Kardinal und Erzbischof von Krakau war", so Krawczyk. Besonders eindrücklich sei ihm ein Festival für neue geistliche Lieder in Warschau 1975 geblieben, das er moderierte. "Johannes Paul II. war sehr interessiert an rhythmischen Liedern, die von italienischen Chansons und internationalen Gruppen beeinflusst waren", so Krawczyk. Die Kirche sei damals im kommunistischen Polen einer der wenigen Räume gewesen, in denen so etwas möglich war.
"Unglaubliche Spannung" auf Petersplatz
Krawczyk war zum Studium nach Rom gegangen, wo er 1978 auch die Wahl Johannes Pauls II. zum Papst erlebte: "Als der Name Wojtyła fiel, ist mein Vater sofort auf die Knie gefallen. Auf dem Petersplatz herrschte eine unglaubliche Spannung, die uns völlig überwältigte." Schon kurz darauf holte Johannes Paul II. den damals erst 27-jährigen Priester in den liturgischen Dienst des Vatikans und später ins päpstliche Zeremonienamt. Von 1979 bis 1995 begleitete Krawczyk den Papst auf zahlreichen Reisen und bei liturgischen Feiern. "Er war offen, manchmal überraschend spontan, aber gleichzeitig sehr diszipliniert", so seine Erinnerung an den Pontifex.
Besonders beeindruckt hätten ihn die Predigten Johannes Pauls II. etwa in Sizilien gegen die Mafia oder im polnischen Radom gegen Abtreibung. "Das waren Gänsehaut-Momente", so Krawczyk. Gleichzeitig habe der damalige Papst im Alltag eine andere Seite gezeigt. "Er konnte scherzen, war unkompliziert und menschlich nah, ein Schauspieler, der viele Dinge jedoch auch sehr ernst genommen hat." Nach außen und im Umgang mit anderen Menschen habe Johannes Paul II. Normalität ausgestrahlt, im Gebet jedoch eine außergewöhnliche Tiefe.
Wichtig sei Johannes Paul II. auch die internationale Dimension der Kirche gewesen. "Er wollte viele Sprachen in der Liturgie hören", erinnerte sich Krawczyk. Einmal habe er nach einer Feier kritisiert, dass keine slawische Sprache in den Fürbitten vorkam. "Er sagte: Das kann nicht so bleiben." Dahinter habe seine Vorstellung einer Kirche gestanden, die Ost- und Westeuropa verbindet, "das Bild der beiden Lungenflügel, mit denen die Kirche atmet". (KNA)
