Leitender Pfarrer: "Brauchte eine Pause"

Wenn nicht jetzt, wann dann? Das dachte sich Pfarrer Tobias Freff, als er vor zwei Jahren beschloss, eine Weltreise zu machen und für ein Jahr aus seinem Beruf auszusteigen. Es war ein Risiko. Doch für den 44-jährigen Priester aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart war es sein Weg. "Jetzt fange ich neu an", erklärt er im Interview mit katholisch.de.
Frage: Herr Freff, was war der Auslöser dafür, dass Sie vor einem Jahr Ihren Arbeitsplatz verließen?
Freff: Ich hatte schon lange den Traum, einmal um die Welt zu reisen. Und das habe ich dann gemacht, ein Jahr lang. Ich war davor 15 Jahre lang Priester. Es war ein klassischer Weg: Ich bin damals nach dem Studium direkt ins Priesterseminar eingetreten, wurde danach Diakon am Rottenburger Dom, später Vikar in einer Gemeinde. Dann war ich Bischöflicher Sekretär und im Anschluss Leitender Pfarrer in einer größeren Seelsorgeeinheit in der Nähe von Stuttgart. Das waren alles Fulltime-Jobs mit dicht getakteten Kalendern. Ich habe viel gelernt, mein Dienst hat mich immer erfüllt, aber ich brauchte eine Pause. Eine Weltreise lässt sich nicht einfach mal so in den kurzen Sommerurlaub packen.
Frage: Brauchten Sie diese Pause, weil Sie ansonsten in ein Burnout hineingeraten waren?
Freff: Nein, zum Glück nicht. Dennoch muss ich sagen, dass mein Dienst anspruchsvoll war. Ich fühlte mich fremdbestimmt mit wenig Zeit für mich selbst und ich war gefordert mit vielen Aufgaben und großer Verantwortung. Heute im Rückblick weiß ich, dass ich diese Pause gebraucht habe, um eben nicht krank zu werden oder in ein Burnout zu schlittern. Mein Körper hat begonnen, mir Grenzen aufzuzeigen. Meine Reise war als Stärkung für meinen Dienst gedacht, für das Ansammeln von neuer Kraft und für meine Gesundheit. Um eben nicht kaputt zu gehen. So kam mir die Idee, ein Sabbatjahr zu nehmen. Laut unserem Dienstrecht ist das aber nicht für Priester vorgesehen. Ich brauchte also eine Freistellung von meinem Dienst, die der Bischof genehmigen musste. Ein Ausstieg auf Zeit, ohne Gehalt, wirklich ein Wagnis, ein Abenteuer.
Frage: Es war bestimmt nicht einfach zu begründen, warum Sie als Pfarrer ein Jahr frei bekommen wollen, oder?
Freff: Ja, ich wurde mehrfach gefragt, ob ich krank sei, ganz aussteigen und gar nicht mehr Priester sein möchte. Diese Fragen verunsicherten mich. Ich wollte ja nicht weg. Im Gegenteil. Ich wollte Priester bleiben. Ich musste mal raus, brauchte diese Reise. Es war keine Flucht, kein Weglaufen, es war ein Hin zu etwas, um mehr Priester sein zu können.
Pfarrer Tobias Freff bei einem Gottesdienst an Fronleichnam im Jahr 2023 in seiner früheren Kirchengemeinde in Schwäbisch-Gmünd.
Frage: Hat Ihre Gemeinde damals auf Ihren Weggang positiv reagiert?
Freff: Viele haben gesagt, dass sie mir diese Freistellung gönnen. Andere waren traurig, dass ich weggehe, denn sie wussten, dass sie ihren Pfarrer verlieren. Es war klar, dass ich nicht mehr dorthin zurückkommen werde. Das machte mich wehmütig. Ich packte über Wochen meine Sachen zusammen und sortierte viel aus, verschenkte einiges. Das war heilsam. Die restlichen Sachen konnte ich bei einem älteren Ehepaar aus der Gemeinde abstellen, das Pfarrhaus musste ich ja verlassen. Am Schluss lebte ich nur noch aus meinem Rucksack. Nach einem hoch emotionalen Abschied war ich nach dem letzten Arbeitstag einfach weg. Und meine Reise ins Ungewisse begann. Mein Plan war, keinen Plan zu haben. Aber ich hatte eine kleine Liste von Orten, die ich besuchen wollte und die mir für meinen Glauben wichtig waren. Zum Beispiel wollte ich ins Heilige Land oder auf den Areopag, wo Paulus unterwegs war. Ohne konkreten Plan habe ich mich auf alle Reisemöglichkeiten vorbereitet, viel gelesen, meinen Finanzen geordnet, medizinische Vorsorgen getroffen und fuhr mit meinem 17 Kilogramm schweren Rucksack los - ein Interrailticket, einfach mal nach Osten aufbrechen. Ich hatte nun 365 Tage vor mir und keinen Termin mehr. Das verunsicherte mich erstmal. Nun konnte ich selbst entscheiden, was ich tue und was ich lasse. Jetzt fange ich neu an, dachte ich mir. Ich fühlte mich wie die Jünger auf dem Emmaus-Weg. Ich bin mit dem Herrgott unterwegs, der wird mir schon den Weg weisen.
Frage: Nutzten Sie die Reise also als Reise zu sich selbst?
Freff: Ja, es war eine Reise zu mir selbst und näher hin zu Gott. Das verändert, wie ich Seelsorger und Priester bin, da bin ich mir sicher. Ich bin feinfühliger für andere geworden und für mich selbst, von Gelassenheit ganz zu schweigen. Ja, ich wollte herausfinden, wer ich bin, was mich ausmacht. Ich habe gesehen, dass ich auf andere zugehen kann, auch auf die, deren Sprache ich gar nicht spreche. Dass ich mich für andere einsetzen will, wie ich mit mir selbst umgehe, mit der Schöpfung. Ich habe mir abends oft Zeit genommen einen Sonnenuntergang zu betrachten, endlos lange. Das mache ich im Alltag nie. Vor allem die Menschen, die ich unterwegs getroffen habe, im Bus, in Hostels, einfach unterwegs, die haben mich viel von dem erfahren lassen, wie ich bin.
Frage: Worauf hätten Sie als Priester unterwegs nicht verzichten wollen?
Freff: Ohne Gebet und Eucharistie kann ich nicht leben. Sonntags habe ich daher immer versucht einen Gottesdienst zu besuchen. Ich wollte mir jeden Tag bewusst Zeit für das Gebet nehmen und sonntags einen Gottesdienst mitfeiern. Meine Reise sollte ein geistlicher Weg sein. Die Bibel und das Stundenbuch hatte ich digital dabei. Ich war offen für die Menschen, habe mich einladen lassen und viel Gastfreundschaft erlebt. Und ich war in Gottesdiensten, je nach Ort von unterschiedlichen Konfessionen und habe meinen eigenen Glauben in manchen Gesprächen neu entdeckt. Wenn ich wo Teil einer Gemeinde wurde, war das etwas unglaublich Schönes. Immer wieder auf das kommen, was meinen Glauben an Jesus Christus ausmacht, das hat mich sehr gestärkt, und mit vielen Menschen verbunden. Ich erinnere mich, wie ich in der Osternacht auf einem Campingplatz in Neuseeland am Meer war und dort im Kerzenschein die Osternachtslesungen betrachtet habe. Das wurde wahrgenommen. Und prompt hat mich eine Familie in die Kirche eingeladen. Das war eine schöne kleine Holzkirche und eine lebendige Gemeinde, das war unvergesslich, Familientreffen im Anschluss inklusive. In solchen Momenten hat sich der Herrgott zu Wort gemeldet.
Die Kirche St. Patrick´s in Auckland in Neuseeland hat Pfarrer Tobias Freff auf seiner Weltreise besucht.
Frage: Kamen Sie auch an Ihre Grenzen unterwegs, weil Sie allein unterwegs waren?
Freff: Ich wollte bewusst allein unterwegs sein und hatte keine festen Reisebegleiter. Mich haben unterwegs ab und zu Freunde besucht, die mich ein Stück auf der Reise begleitet haben. Wir haben aber keinen Urlaub zusammen gemacht. Manchmal war ich satt an Begegnungen, war lieber für mich allein. Manche Länder forderten mich, oder überforderten sogar wie etwa Nepal. Ich hatte fast kindliche, innere Bilder, und es war vor Ort ganz anders. Die Menschen sind so beeindruckend freundlich, aber nach drei Wochen dort war mir klar, dass mir das zu viel wird. Es waren so viele Leute da, die Armut und strukturelle Probleme waren an jedem Ort spürbar. Es folgte dann ein spontaner Routenwechsel und ich flog für ein paar Wochen nach Australien.
Frage: Wie ging es nach der Reise beruflich für Sie weiter?
Freff: Gegen Ende meiner Reise habe ich mich dann auf eine neue Pfarrerstelle in Wendlingen beworben. Für das Bewerbungsgespräch war ich kurzzeitig wieder zurück, lebte aber weiterhin aus dem Rucksack. Als ich dann endgültig wieder zurückkam, die Stelle bekam, lebte ich noch lange weiter aus dem Rucksack. Der hängt nun bei mir im Büro und erinnert mich daran, dass ich als Christ immer unterwegs bin, mit meiner Gemeinde, mit den Menschen. Ich bin froh, dass ich weiterhin Pfarrer sein kann, ich bin Wegbegleiter für viele Menschen. Ich war schnell wieder in den Aufgaben eines Leitenden Pfarrers drin, möchte mir aber diese Haltung, die ich beim Reisen unterwegs gefunden habe, bewahren und mir immer wieder Auszeiten nehmen. Vor einiger Zeit habe ich in meiner Gemeinde von der Reise erzählt. Viele haben mir danach gesagt, dass sie meine Erfahrungen inspiriert haben. Das hat mich gefreut. Letztlich sind wir nur Pilger auf Erden. Ich habe Ideen für eine Gemeindereise und freue mich darauf. Meine frühere Gemeinde hat noch immer keinen neuen Pfarrer. Einige von dort waren bei meiner Investitur in meiner neuen Gemeinde da. Das war echt schön. Kirche bleibt eine Weggemeinschaft, in der ich als Pfarrer Menschen tragen darf und ich selbst getragen werde. Diese Haltung möchte ich mir bewahren: Immer wieder aufbrechen und zu wissen, Gott geht mit. Aber jetzt bleibe ich erstmal hier.