Theologe: Machtmissbrauch zeigt in vielen Milieus ähnliche Muster

An der Universität Würzburg geht das Zertifikatsprogramm "Machtmissbrauch erkennen und verhindern" in die zweite Runde. Katholische Theologie, Humanwissenschaften und Medizin kooperieren bei dem Zusatzstudium, das die Teilnehmenden dazu befähigen soll, sich aktiv gegen Machtmissbrauch einzusetzen. Einer der Initiatoren ist der Fundamentaltheologe Matthias Remenyi. Im Interview mit katholisch.de erläutert er, was Machtmissbrauch in Kirche, Kultur und Wissenschaft verbindet – und wie sich Theologie und Kirche ändern müssen, um sensibel für Machtmissbrauch zu werden.
Frage: Professor Remenyi, warum braucht es einen Studiengang, um Machtmissbrauch zu erkennen und zu verhindern?
Remenyi: Macht ist an sich ein positives Phänomen. Macht ist eine Gestaltungsmöglichkeit, Macht ist ein Instrument, um Dinge zu verändern, zu beeinflussen und voranzubringen. Insofern ist Macht wichtig und in jeder Institution und in allem menschlichen Zusammenleben eine relevante Größe. Aber weil Macht so omnipräsent ist, steht sie auch immer in der Gefahr, missbraucht zu werden. Deswegen muss dafür sensibilisiert werden und deswegen braucht es diesen Kurs.
Frage: In der Kirche und in der Theologie wurde die Sensibilität für Macht und Machtmissbrauch in einem langwierigen Prozess über Jahre ausgebildet. Das Zertifikatsprogramm ist interdisziplinär. Ist dieses Bewusstsein für Macht-Dynamiken auch bei den anderen beteiligten Disziplinen so präsent wie in der Theologie?
Remenyi: Ich bin zu dem Thema in der Tat durch die Erfahrung gekommen, die wir in der Kirche machen mussten. Theoretisch in der Auseinandersetzung mit der MHG-Missbrauchsstudie, aber auch in vielen Gesprächen mit Betroffenen darüber, wie die Aufarbeitung in der Kirche gelaufen ist – oder eben auch nicht. Ich habe mich gefragt, was ich als Theologe an der Universität dazu tun kann. Und das Zertifikatsprogramm ist mein Versuch einer Antwort. Das machen wir interdisziplinär zusammen mit der Fakultät für Humanwissenschaften und der Medizinischen Fakultät. Mit mir leiten die Psychologin Andrea Kübler, Dekanin der Fakultät für Humanwissenschaften, und der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Marcel Romanos, das Programm. In allen Fächern und bei allen beteiligten Kolleginnen und Kollegen ist das Thema präsent. Denken Sie nur an machtmissbräuchliche Verhaltensweisen in der Wissenschaft und in der Medizin, aber auch in der Kunst. Die Frage nach dem Umgang mit Macht wird gerade in allen Fächern und gesellschaftlichen Bereichen diskutiert. Wir freuen uns sehr, dass wir nun auch noch mit der Hochschule für Musik in Würzburg kooperieren, von der sieben Personen, unter anderem die Vize-Präsidentin Clara Blessing, jetzt am Kurs teilnehmen.
Matthias Remenyi ist Professor für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft an der Uni Würzburg.
Frage: In der Theologie haben wir mit "Klerikalismus" ein Wort, um die besonderen Machtverhältnisse in der Kirche zu beschreiben. Ähnliche Begriffe fehlen in anderen Bereichen, etwa im Sport, in der Kultur, obwohl dort ganz ähnliche Phänomene vorliegen, wenn etwa Trainerinnen oder Regisseure Macht missbrauchen. Was können Sie aus der theologischen Warte in die anderen Disziplinen einbringen? Geht das bei aller Parallelität von Phänomenen überhaupt?
Remenyi: Zunächst muss ich da eine negative Abgrenzung setzen. Wir haben uns gut überlegt, inwieweit wir den Kurs überhaupt settingübergreifend anlegen können. Als Katholik und Theologieprofessor ist es mir wichtig, jegliche Form des "Whataboutism", also des Ablenkens durch das Zeigen auf andere, zu vermeiden. Es kann nicht darum gehen, zu sagen: Schaut her, da gibt es auch Machtmissbrauch. Aber es gibt Phänomene, die trotz ganz verschiedener Settings ähnlich sind. Je nach Kontext haben sie natürlich ein jeweils spezifisches Gepräge. In der Kirche stellen wir Klerikalismus fest. Abstrakter betrachtet, ist das zumeist eine Form charismatischer Herrschaft. Charisma ist eine Zuschreibung, die an Personen herangetragen wird. In anderen Settings gibt es etwa den Geniekult in der Kunst oder den "Halbgott in weiß" in der Medizin. Das sind jeweils ganz verschiedene Kontexte, in denen sich aber ähnliche Machtdynamiken abspielen. Vergleichen Sie einmal den Einzug bei einem Pontifikalamt im Dom mit einer professoralen Chefarztvisite auf einer chirurgischen Station. Völlig verschiedene Settings mit völlig verschiedenen Markern von Macht, aber Sie begreifen die jeweilige Hierarchie sofort.
Frage: Welche besondere Kompetenz bringen Sie da als Theologe ein? Sind Sie als Theologe für das geistes- und sozialwissenschaftliche Gespür für soziale Ordnungen zuständig, das die Kolleginnen und Kollegen aus den naturwissenschaftlich orientierten Humanwissenschaften nicht haben?
Remenyi: Nein, das sind Themen, die auch Expertinnen und Experten anderer Gebiete einbringen. Mich als Theologen beschäftigt besonders die Frage, was das für die wissenschaftliche Theologie bedeutet: Wie muss ich meine Theologie ändern, dass sie nicht missbräuchlich verwandt werden kann? Ich nenne Ihnen ein Beispiel. "Das Amt ist ein Dienst", das ist ein Satz, den ich selbst als junger Theologe ganz selbstverständlich und unbefangen geschrieben habe. Ich denke auch, dass dieser Satz auf einer semantischen Ebene wahr ist, denn natürlich hat jedes Amt eine Funktion, zu der es dient. Aber vor einigen Jahren habe ich lange mit einer Betroffenen aus einer geistlichen Gemeinschaft gesprochen. Die sagte zu mir: "Wissen Sie, uns Betroffene triggert nicht der Amtsbegriff. Uns Betroffene triggert der Dienstbegriff, weil man nicht von oben nach unten dienen kann." Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob man das wirklich nicht kann. Aber der Punkt ist, dass es Sätze gibt, die in der Kirche gängig sind, die auf einer semantischen Ebene wahr sind, aber auf einer performativen Ebene missbrauchsanfällig sind, weil sie genutzt werden, um Macht zu missbrauchen.
Frage: Bei der Theologie kommt im Vergleich zu anderen Institutionen noch ein Absolutheits- und Transzendenzanspruch dazu.
Remenyi: Ja, Religion insgesamt hat immer ein Missbrauchspotenzial in sich, gerade weil sie das Heiligste im Menschen anspricht und das Innerste im Menschen zum Klingen bringt. Immer da, wo irgendetwas uns zuinnerst anrührt, wo etwas unsere ganze menschliche Beteiligung und sogar unsere Ganzhingabe fordert, immer da werden wir verletzlich und verwundbar. Hildegund Keul spricht hier von einem Verletzlichkeitsparadox: die Neigung, selbst zu verletzen, um sich vor Verletzungen zu schützen. Dann kommt eine Spirale von Verwundbarkeit und Verletzung in Gang.
Frage: Für die katholische Kirche sind diese Diagnosen besonders prekär. Wir haben ein sakramentales Amt und wir haben im Lehramt eine Instanz, die Offenbarung verbindlich auslegt. Ist die katholische Kirche da nicht an einer Position, aus der sie sich nicht hinausnavigieren kann?
Remenyi: Ich glaube, dass wir noch weit davon entfernt sind, die Offenbarungskonstitution "Dei Verbum" des Zweiten Vatikanischen Konzils wirklich ernst zu nehmen. In dem Moment, in dem gesagt wird, dass Offenbarung die Selbstmitteilung Gottes in der Person Jesu Christi ist, werden Schrift, Tradition und Lehramt als Zeugen der Offenbarung gewürdigt – aber auch relativiert. Damit ändert sich auch der Begriff des Glaubens. Dann ist Glaube nicht mehr primär das Für-wahr-halten von geoffenbarten Sätzen, sondern dann ist Glaube vor allem der ganz-menschliche Akt der Antwort auf diesen göttlichen Anruf hin. Diese Dynamik, dass der Empfänger der Offenbarung konstitutiv am Offenbarungsgeschehen beteiligt ist, weil es ein Resonanzereignis ist, ein dialogisches, personales Geschehen und nicht nur eine einseitige Informationsweitergabe, diese Dynamik haben wir bei weitem noch nicht vollständig bedacht.
Frage: Wenn man ins Kirchenrecht schaut, dann steht da aber nichts von dialogischem Glaubensverständnis. Da heißt es, dass "kraft göttlichen und katholischen Glaubens" das zu glauben ist, was das Lehramt als geoffenbart vorgelegt hat. Punkt. Keine Resonanz. Papst Johannes Paul II. hat das noch auf das erweitert, was das Lehramt zu Glauben und Sitten geäußert hat. Ist das dann nicht per se missbrauchsanfällig?
Remenyi: Ich würde mit Michael Seewald antworten, dass auch die Sätze des Lehramts geschichtliche Sätze sind, menschliche Sätze, die daher Kontingenz in sich tragen. Die Normativität dieser Sätze resultiert gewissermaßen aus Verabredungen, die eine Glaubensgemeinschaft ihrer Leitungshierarchie zubilligt. Ich denke aber auch, dass Festlegungen wie das Diskussionsverbot, das Johannes Paul II. in "Ordinatio sacerdotalis" den Gläubigen zur Priesterweihe von Frauen ausgesprochen hat, höchst missbrauchsanfällig sind. Denn dieses Machtwort, vorgetragen im Ohnmachtsgestus, führt de facto dazu, dass Berufungserfahrungen nicht auf ihre Authentizität geprüft und Menschen diskriminiert werden.
Mit dem katholischen Amtsverständnis sind Risikofaktoren verbunden, die es zu erkennen gilt.
Frage: Macht äußert sich auch darin, wer lehren darf und wie. Wie bringen Sie die gelebte Erfahrung von Betroffenen in den Studiengang ein?
Remenyi: Auf theoretischer Ebene ist die Betroffenenbeteiligung ein durchgängiges Thema, das in verschiedenen Einheiten immer wieder zum Gegenstand wird. Wir haben aber auch eine Präsenzbegegnung mit Betroffenen sexualisierter Gewalt in der Kirche im Lehrplan, die beim ersten Durchlauf sehr gut besucht war. Das war eine sehr eindrückliche Veranstaltung. Dann haben wir auch Betroffene von Gewalt aus verschiedenen Institutionen als Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kurses, die sich und ihre Geschichte in den Kurs einbringen. Das bringt Herausforderungen für den Kurs mit sich, der ja ein akademisches und kein therapeutisches Setting hat – aber es bereichert uns ungemein, dass sich Betroffene so beteiligen.
Frage: Sie leiten den Kurs, aber Sie lernen dabei wahrscheinlich auch. Was haben Sie denn in dem ersten Durchgang für sich persönlich und für Ihre Forschung gelernt?
Remenyi: Wie viel, wie unfassbar viel es noch zu tun gibt. Und wie schwer es ist, wirklich etwas zu verändern, das über Appelle hinausgeht. Das ist meine größte Lernerfahrung. Der Kurs hat ja zwei Ziele: zum einen die Ausbildung von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Zum anderen aber, einen Kulturwechsel, einen Mentalitätswechsel zu befeuern. Das ist mir besonders wichtig geworden. Ich suche eigentlich keine Konflikte, das liegt mir fern – aber Konflikte kommen unweigerlich, wenn man in mächtigen Systemen Macht beschränken will.
Frage: Wo sehen Sie Punkte, an denen man etwas ändern muss und kann in kirchlichen Strukturen? Und wo den Widerstand?
Remenyi: Mir scheint, dass wir im Moment innerkirchlich vor einer Rolle rückwärts stehen. Das macht mich traurig und wütend. Mein Eindruck ist, dass viele Aufarbeitungsstudien vor allem dazu genutzt werden, um mit den Fingern auf die Altvorderen zu zeigen: Schaut her, der Bischof damals hat alles falsch gemacht und vertuscht, aber jetzt mit der Studie ist die Umkehr geschafft, jetzt beginnen die goldenen Zeiten. So können Studien genutzt werden, um das klerikalistische System zu stabilisieren, das den Missbrauch der Vergangenheit begünstigt hat. Das geht einher mit einer gewissen Müdigkeit in den Gemeinden. Die Leute sind es leid, von dem Thema zu hören. Thomas Großbölting hat in der Münsteraner Studie gut herausgearbeitet, welche Mitverantwortung das Umfeld durch sein "Bystander-tum" trägt. Und tatsächlich sieht man diese Dynamik leider sehr häufig, dass eher Beschuldigten als Betroffenen geglaubt wird, dass der charismatische Pfarrer verteidigt wird und Betroffene marginalisiert und sozial ausgeschlossen werden.
Frage: Wie kann man diesem Phänomen begegnen? Wie läutet man den Mentalitätswandel in Gemeinden ein?
Remenyi: Erst einmal braucht es eine glasklare Haltung der Leitung, die sich unzweideutig hinter die Betroffenen stellen muss. Dann ist es wichtig, dass es Schutzkonzepte gibt, die partizipativ ausgearbeitet werden. In unserem Zertifikatsprogramm haben wir einen Workshop mit der Sozialwissenschaftlerin Ulrike Hoffmann zu Schutzkonzepten. Ein Schwerpunkt ist, dass man schonungslos Stärken, Schwächen, Risiken und Chancen gemeinsam so analysiert, dass möglichst viele in der Institution mitgenommen werden. Wenn wir Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ausbilden, geht es uns darum, dass sie befähigt werden, Leute mitzunehmen und zu aktiveren. Ein Schutzkonzept kann nur dann funktionieren, wenn es gelingt, möglichst viele in der Institution, in dem betreffenden System, mit an Bord zu holen und zu vermitteln, dass von einer machtsensiblen Kultur der Achtsamkeit alle profitieren, die Starken wie die Schwachen.
Zertifikatsprogramm Machtmissbrauch Erkennen und Verhindern (MEV)
Das gemeinsame Programm der Fakultät für Humanwissenschaften, der Katholisch-Theologischen Fakultät und der Medizinischen Fakultät steht allen Studierenden der Universität Würzburg offen, außerdem kann es berufsbegleitend von Praktikerinnen und Praktikern belegt werden. Das Zertifikatsprogramm vermittelt Kompetenzen, um machtmissbräuchliches Verhalten sowie psychische, körperliche und sexuelle Gewalt zu erkennen und sachgerecht zu reagieren. Es gibt den Studierenden das nötige Wissen und die Werkzeuge an die Hand, um einen positiven und machtsensiblen Einfluss in ihrem Berufsfeld und darüber hinaus auszuüben.
Das Zertifikatsprogramm ist größtenteils online asynchron, zum Teil auch online synchron organisiert, um eine hohe Flexibilität zu ermöglichen. Einzelne frühzeitig angekündigte Veranstaltungen finden in Präsenz statt. Die Teilnahme ist bis auf den Semesterbeitrag der Uni Würzburg kostenlos. Die Anmeldung zum nächsten Durchgang im Wintersemester ist noch bis zum 15. Juli möglich.