Symphonie aus Duft, Musik und Farben für Hildegard von Bingen

Klostergarten und Bilder-Zyklus: Der Vatikan überrascht bei der Biennale

Veröffentlicht am 07.06.2026 um 00:01 Uhr – Von Sabine Kleyboldt (KNA) – Lesedauer: 

Venedig ‐ Die Biennale in Venedig scheint in diesem Jahr besonders konfliktgeladen. Dagegen lädt der Vatikan auf der großen Ausstellung zeitgenössischer Kunst zu innerer Einkehr – mit Hildegard von Bingen.

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"Der Weinberg wächst prächtig, aber wenn die Trauben reif sind, werden sie von den Tauben und Amseln weggepickt – oder von den Besuchern." Pater Ermanno Barucco heißt all diese Gäste in seinem venezianischen Klostergarten herzlich willkommen. Der 53-Jährige leitet den "Giardino Mistico" der Unbeschuhten Karmeliten direkt neben dem Bahnhof der Lagunenstadt.

Die 5.000 Quadratmeter-Oase bildet einen von erstmals sogar zwei Beiträgen des Vatikans bei der Biennale 2026. Unter dem Motto "Das Ohr ist das Auge der Seele" sind sie der Heiligen Hildegard von Bingen (1098-1179) gewidmet, mit Elementen internationaler Künstler wie Alexander Kluge, Tatjana Bilbao, Jim Jarmusch oder Patti Smith.

Gleich hinter der unscheinbaren Pforte umfangen den Besucher Ruhe und Lavendelduft; kein Gedanke an tuckernde Bootsmotoren, lärmende Züge und drängelnde Touristen. Kopfhörer ermöglichen eine rund 40-minütige spirituelle Reise durch den vielfältigen Garten – ganz im Sinne der "Grünkraft" (lat. Viriditas), welche die Mystikerin, Komponistin und Kirchenlehrerin Hildegard allen Geschöpfen zuschrieb und als Grundlage jeder Heilung betrachtete.

Spirituelle Reise

Nun taucht der Besucher in die unterschiedlichen Kompositionen ein, die etwa 20 Musikerinnen und Musiker für das Vatikan-Projekt der Kuratoren Hans Ulrich Obrist und Ben Vickers sowie des Teams Soundwalk Collective geschaffen haben.

Die Atmung wird ruhiger, der Schritt auf dem knirschenden Kies langsamer, während man unter der Pergola aus Weinranken und weißen Rosen wandelt. Das Auge schweift über die liebevoll gepflegten Kräuter- und Gemüsebeete, Olivenhaine, Weinstöcke, Obstbäume und Zierpflanzen.

Über den Kopfhörer ziehen sphärische Klänge, akustische Weltmusik, ein Glockenspiel oder gregorianische Choräle in eine eigene Gedankenwelt. Bänke laden dazu ein, sich auf einzelne Sequenzen besonders zu konzentrieren – sogar mit Blick aufs Wasser: Überraschend öffnet sich die hohe Klostermauer zu einem der vielen Kanäle Venedigs.

Blick in die Ausstellung von Alexander Kluge im Vatikan-Pavillon der Biennale von Venedig.
Bild: ©KNA/Sabine Kleyboldt

Blick in die Ausstellung des Autors und Filmemachers Alexander Kluge.

Plötzlich, am Kräuterbeet, ein Flüstern: "Thymian, Melisse, Rosmarin...". "Das war ich", lächelt Pater Ermanno, einer von sieben Ordensmännern in dem Kloster. "Die Künstler haben mir Anweisungen gegeben: Sprich langsamer, leiser, wie bei einem Gebet."

Wenige Meter weiter, vor einer kleinen Kapelle, intoniert eine warme Frauenstimme ein langes Mariengedicht in Ich-Form: "Das ist Patti Smith!" Die legendäre US-Lyrikerin, Punk- und Rockmusikerin hatte das selbst komponierte Gebet bei der Eröffnung Anfang Mai in der Klosterkirche gesungen. "Es steht in der nordamerikanischen charismatischen Tradition spontaner, vom Geist geleiteter Gebete – wunderschön, nicht wahr?" Pater Ermanno ist noch immer begeistert.

Diese Begeisterung für den mystischen Garten teilen viele Besucher, manche wirken fast wie in Trance. "Die Musik zusammen mit dem herrlichen Garten – das war sehr meditativ und hat mich tief berührt", sagt eine junge Frau aus Kanada. "Bisher mein schönstes Biennale-Erlebnis."

Projekt in flutgeschädigter Kirche

Knapp vier Kilometer entfernt wartet ein zweiter Biennale-Beitrag des Vatikans: In der ehemaligen Kirche Santa Maria Ausiliatrice nahe den Gärten der Biennale hat der im März verstorbene Filmemacher und Autor Alexander Kluge eine monumentale Installation aus Filmen und Bildern zu Hildegard geschaffen.

Auf Bildschirmen sind teils ikonische Bilder aus den Schriften der Kirchenlehrerin mit modernen Texten und Gemälden in Dialog gesetzt. Dabei blitzt der Humor des Künstlers Kluge auf, wenn er etwa über den deutschen Begriff "Angsthase" sinniert.

In der schwer vom Hochwasser geschädigten Kirche erinnert ein Marienaltar an frühere Zeiten. Mit gelben Leuchtstäben in gedämpftes Licht getaucht, passt die Stimmung zum Biennale-Motto "In Minor Keys" (In Moll-Tonarten).

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Hildegard von Bingen war eine schillernde Persönlichkeit. In ihren Schriften beschäftigt sich die Kirchenlehrerin mit theologischen Themen, aber auch mit Naturkunde. Wer die ihr zugeschriebenen Dinkelrezepte mal genauer anschaut, erlebt allerdings eine Überraschung.

Audio: © Gabriele Höfling

Mehrmals am Tag erklingen dort lateinisch gesungene Stundengebete der Benediktinerinnen von Kloster Eibingen am Rhein, die ebenfalls am Kunstprojekt zu Ehren der Äbtissin mitwirkten. Den wissenschaftlichen Überbau lieferte Schwester Maura Zátonyi, Gründerin der "Hildegard-Akademie" und ausgewiesene Kennerin der Heiligen.

Sie unterstützte auch das "Scriptorium" in der Kirche: Dutzende Bücher in vielen Sprachen über die Ordensfrau, die 2014 von Papst Benedikt XVI. zur Kirchenlehrerin erhoben wurde, sowie auch ihre eigenen Schriften zu Theologie, Mystik, Musik, Natur- und Heilkunde.

Sanni Priha aus Finnland und Dan Davis aus Iowa (USA) blättern interessiert in den Büchern über die populäre Heilige. Von der Grundidee beider Vatikan-Ausstellungen zur Biennale sind sie sehr angetan. "Wir alle brauchen spirituelle Heilung", sagt Dan. "Ich glaube, das kann hier ein guter Beitrag sein."

Von Sabine Kleyboldt (KNA)