101-jährige Ordensfrau: Hat gedauert, bis ich Ja gesagt habe

"Für meine Mutter war es in Ordnung, dass ich ins Kloster ging", sagt Schwester Ludgera. Die 101-Jährige sitzt in ihrem Zimmer in Bad Godesberg, übergangweise, weil ihr Heimatkloster in Remagen gerade umgebaut wird und erinnert sich an früher. Sie zeigt ein Foto, auf dem sie als Novizin mit weißem Schleier zu sehen ist. Neben ihr sind ihre Mutter und ihre Schwester Marlies, die ebenso ein Schwesternkleid trägt, zu sehen. "Meine Schwester war drei Jahre älter und bereits Franziskanerin in dem Kloster", berichtet Schwester Ludgera. "Sie wollte schon früh ins Kloster", lacht sie. "Bei mir brauchte der Herrgott eine längere Leine."
Regina Schmitz, so heißt Schwester Ludgera mit Taufnamen, wurde in Ringenberg bei Wesel am Niederrhein geboren. Sie wuchs dort mit ihrer Schwester und acht Brüdern auf. Jeden Tag habe die Familie zusammen gebetet. "Das Vater unser und den Rosenkranz", blickt die Franziskanerin zurück. Damals hätte es ihr Vater gerne gehabt, dass "einer der Buben Priester werde", erinnert sich Schwester Ludgera. Zwar habe ein Bruder auch Theologie studiert, sich dann aber doch umentschieden und geheiratet, berichtet sie.
Die Franziskanerin weiß noch, dass in ihrem Dorf damals eine Kirche gebaut wurde, nach den Plänen des Architekten Dominikus Böhm. Die Bauern haben Sand und Kies geschleppt, die Witwen einen Monatslohn gespendet und die Kinder überall mit angepackt, weiß die Ordensfrau noch. "So sehr haben wir uns gefreut, eine eigene Kirche zu bekommen." An den Krieg und die Front, die damals in der Nähe ihres Dorfes verlief, erinnert sie sich genauso. Und an die vielen toten Soldaten. Ihr ältester Bruder ist damals im Krieg gestorben und ein weiterer Bruder kehrte später aus russischer Gefangenschaft traumatisiert zurück. "Das war schlimm", so die betagte Franziskanerin. Damals war sie im Haushalt einer bekannten Kirchenkünstlerin beschäftigt. Als ihre Schwester Marlies nach der Schule einen passenden Ausbildungsplatz suchte, begann sie in der dortigen Textilwerkstatt der Kirchenkünstlerin, die Trude Benning-Dinnendahl hieß, als Stickerin zu arbeiten. Nach dem Krieg wurden die Aufträge allerdings weniger und ihre Schwester wechselte zu den Franziskanerinnen nach Nonnenwerth, die in Honnef am Rhein eine Paramentik-Werkstatt für Messgewänder betrieben. Später trat sie begeistert in die dortige Klostergemeinschaft in Nonnenwerth ein und wurde Franziskanerin.
Die 101-jährige Schwester Ludgera Schmitz erinnert sich an früher und zeigt Fotos aus ihrer Klosterzeit. Auf einem Schwarz-Weiß-Foto steht sie mit weißem Schleier neben ihrer Mutter.
Als Schwester Ludgera ihre Schwester einmal ins Kloster begleitete, wurde sie von einer der Ordensfrauen gefragt, ob sie nicht auch gleich dableiben möchte. Daran erinnert sie sich noch gut. Doch das wollte sie erst nicht, weil sie ihrer Mutter helfen wollte, ihre Brüder zu versorgen. "Es hat gedauert, bis ich Ja gesagt habe", lacht die 101-Jährige. Heiraten oder einen "dicken Bauernhof" zu haben, war damals "einfach nicht meins", ergänzt sie. Schwester Ludgera besuchte daraufhin dennoch öfters das Kloster in Nonnenwerth, half bei einer Ausstellung mit und begann in der Textilwerkstatt in Bad Honnef und im Laden "beim Vermessen und Verkauf der Gewänder" mitzuarbeiten.
Vater fiel ihr Weggang schwer
Mit 28 Jahren beschloss sie nach Bad Honnef zu ziehen, um in der Paramentenwerkstatt der Franziskanerinnen arbeiten zu können. Ihrem Vater fiel ihr Weggang der zweiten Tochter aus dem Haus schwer. Schwester Ludgera erinnert sich noch genau an den Abschied von ihm damals. Er lag damals erkrankt im Bett. "Ich kniete vor seinem Bett nieder, damit er mich segnen konnte", berichtet die 101-jährige Ordensfrau. Dabei hatte ihr Vater Tränen in den Augen. "Ich aber auch", blickt Schwester Ludgera zurück. Sie hält etwas inne. Nach drei Jahren in Bad Honnef reifte damals dann ihr Entschluss, sich der franziskanischen Ordensgemeinschaft anzuschließen. "Ich habe gemerkt, dass ich ebenso hierher gehöre", erklärt Schwester Ludgera. Mit 31 Jahren tritt sie 1956 ins Kloster ein und wird Franziskanerin. Die Gemeinschaft, die auf der Insel Nonnenwerth am Rhein lebt, wird "ihre neue Familie".
"Damals bekam ich die Nummer 99", erzählt die Ordensfrau weiter. Schwester Ludgera meint damit die Zahl auf dem Kleiderhaken im Vorraum des Klosters, an dem sie ihren Mantel aufhängen konnte. Damals waren die runden Capes wohl etwas unpraktisch. "Die schönen Mäntel kamen erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil", weiß sie noch, weil sie damals als Näherin im Kloster arbeitete. Dann holt die Franziskanerin aus einem Schrank in ihrem Zimmer selbst gemachte Näharbeiten hervor, zeigt Taschen und Tischläufer. "Meine Schwester hat die so schön bestickt und das Häkeln war dann immer meins", freut sie sich.
Schwester Ludgera Schmitz hält den Rosenkranz in der Hand, der einmal ihrer leiblichen Schwester Marlies gehörte. Noch heute betet die Franziskanerin damit fast täglich.
35 Franziskanerinnen gehören heute noch zu der Gemeinschaft von Nonnenwerth. Schwester Ludgera ist eine von ihnen. Sie erinnert sich an viele schöne Zeiten im Kloster, genauso wie an schwere. "Sie dürfen nicht denken, dass im Kloster nur Heilige leben", lacht die ältere Ordensfrau. Sie erzählt, dass sie sich als junge Schwester manches erst erkämpfen musste. Sie erinnert sich noch an eine Szene im Speisesaal des Klosters, als sie mit anderen jüngeren Mitschwestern zu der Oberin ging, die vorne am "Gloria Patri"-Tisch saß, um sie zu fragen, ob sie etwas früher gehen könnten, um in der Werkstatt weiterzuarbeiten. Ein paar ältere Mitschwestern hätten das mitbekommen und sich darüber amüsiert, weiß Schwester Ludgera noch. Weil ihr das nicht passte, habe sie allen Mut zusammengenommen und diesen Schwestern erklärt, dass "auch jüngere Schwestern Rechte und Pflichten hätten", so die Ordensfrau. Man brauche Mut, Dinge anzusprechen, sofern sie wahrhaftig seien, erklärt die Franziskanerin. Heute sei manches in ihrer Gemeinschaft einfacher und "auf Augenhöhe" geregelt, ist sie froh.
Gab Zeiten, wo sie mit Gott gerungen hat
Während ihrer Klosterzeit hat sie dann viele Jahre in der dortigen Paramentenwerkstatt gearbeitet und später in einem Altenheim, wo sie die Verantwortung für den Speisesaal übernahm. Immer wieder erhalte sie Post von ehemaligen Mitarbeitern von dort, freut sich die Ordensfrau. Bis heute hat die 101-jährige Franziskanerin ihren Weg ins Kloster nicht bereut. Keinen Tag. "Wenn ich zurückblicke, dann war es richtig, dass ich damals ins Kloster ging", betont sie. Sie fühlt sich wohl in ihrer Gemeinschaft, könne anderen Menschen mit ihrem Glauben weiterhelfen.
Dennoch gab es Zeiten, in denen sie mit Gott gerungen hat, sagt Schwester Ludgera ernst. Etwa als ihr Bruder viel zu früh an Krebs verstarb und seine Frau mit fünf Kindern zurücklassen musste. "Da habe ich den Herrgott schon gefragt, wie er das zulassen kann." Die Franziskanerin zeigt ein Foto, auf dem sie mit ihren Nichten und Neffen bei ihrer Geburtstagsfeier in diesem Jahr zu sehen ist. Sie sei mit ihrer Familie in gutem Kontakt, schreibe Briefe und telefoniere viel, berichtet die 101-Jährige. Für sie bleibe sie "die Regina", freut sich die Franziskanerin. Sie schaut auf ein Foto, auf dem sie mit ihren neun Geschwistern und ihren Eltern abgebildet ist. "Ich bin übrig geblieben", sagt Schwester Ludgera nachdenklich.
Schwester Ludgera nimmt einen Rosenkranz in die Hand, der ihrer Schwester Marlies gehört hat. Ihre Schwester Marlies ist vor neun Jahren verstorben und liegt auf dem Friedhof der Gemeinschaft in Remagen begraben. "Wir haben uns immer gut verstanden", so die Franziskanerin. Wenn sie ihren Rosenkranz in die Hand nimmt, dann denke sie viel an sie. Sie bete für den Frieden, und für ihre Gemeinschaft.
Über den eigenen Tod mag sie nicht so gerne reden. "So weit bin ich noch nicht", meint Schwester Ludgera. Sie sei dankbar für ihr Leben und zufrieden, wie es gerade ist. Ihre Schwester Marlies habe immer gesagt, wenn sie einmal sterbe, dann freue sie sich darauf, ihre Brüder und ihre Eltern wieder umarmen zu können. "Ich glaube, das wird bei mir genauso so sein", erklärt Schwester Ludgera. "Mein Gottvertrauen ist ziemlich groß", winkt die Franziskanerin zum Abschied.