2.100 Kinder, eine Dom-Maus und eine Kerze für Opa
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"Wir erwarten heute 2.100 Kinder mit ihren Begleitungen. Das heißt, wir erwarten über 2.500 Menschen heute in Aachen." Ulrike Riemann-Marx wirkt erstaunlich ruhig – und doch höre ich einen leicht nervösen Unterton. Ihre Kollegin Elke Fabry ist krank. Was das bedeutet, merkt man im Laufe des Morgens: Riemann-Marx ist überall. Sie ist Referentin für Kita-Pastoral und Religionspädagogik im Bistum Aachen und organisiert das Kinderpilgern seit Jahren – gemeinsam mit Fabry, die heute fehlt. Hinter ihr hängt eine Stellwand voller Kinderbilder: Sonnengesang-Kunstwerke aus 130 Kitas im ganzen Bistum. Bunte Sonnen, Tiere, Menschen, Wasser, Himmel, Erde. Jedes Bild ein Unikat. "So vielfältig wie Kinder eben sind", sagt sie.
Ich bin um sieben Uhr morgens losgefahren – diesmal nicht allein. Weil das Konzept des Kinderpilgertages auf Vorschulkinder ausgerichtet ist, sitzt meine Tochter auf dem Rücksitz. Als wir in Aachen ankommen, füllt sich die Innenstadt bereits mit Kindern. Kinder mit Pilgerstäben, künstlerisch geschmückt – eines trägt sogar eine Stofffigur des heiligen Martin. Kinder mit bemalten Kappen und Tüchern, damit ihre Erzieherinnen sie in der Menge wiederfinden. Für viele ist es der erste größere Ausflug ohne Eltern. Für meine Tochter ist es das erste Mal im Aachener Dom. Überhaupt.
Wenn der Dom zum Wimmelbuch wird
Drinnen sind die Stühle weggeräumt. Die Kinder sollen Platz haben – zum Sitzen, zum Staunen, sogar zum Liegen. Wir nehmen am Gottesdienst im Oktogon teil, dem achteckigen Herzstück des Doms, das Karl der Große errichten ließ. Wir singen, beten gemeinsam das Vaterunser und es wird erstaunlich ruhig. Danach dürfen die Kinder im Dom auf Entdeckungsreise gehen. Meine Tochter bleibt stehen, als ein tiefer Orgelton durch das Gewölbe zieht. "Der klingt gruselig", sagt sie. "Wie bei einem Detektivhörspiel." Dann die Mosaike: Gold, Muster, Figuren, ein glitzerndes Bilderbuch über unseren Köpfen. Ich sehe zuerst die Pracht, die Geschichte, die Symbolik. Meine Tochter entdeckt eine kleine Maus – die Dom-Maus. Ein kleines Tier, das ein Handwerker einst in den Mosaiken versteckt haben soll. Direkt davor steht der Nikasius-Altar – und der heilige Nikasius gilt als Schutzpatron gegen Mäuse. Ob das ein Zufall ist? Niemand weiß es genau. Von da an sucht sie weiter, als wäre der Dom ein überdimensionales Wimmelbuch.
Mit dem Pilgerstab-Maskottchen: Im Aachener Dom feierten die Kinder mit dem Domkapitular einen Gottesdienst.
Wir kommen an den Opferkerzen vorbei. Sie fragt, ob sie eine anzünden darf. Für Opa. Ich sage ja. Sie hält die Flamme sehr ernst in der Hand, stellt sie ab und schaut ihr nach, bis wir weitergehen. Sie bleibt vor einer grauen, schweren Platte im Boden stehen. Darauf ist ein Totenkopf zu sehen. Sie will wissen, was darunter ist. Eine Frau erklärt ihr freundlich, dass unter dieser Steinplatte verstorbene Bischöfe liegen. Ich denke nur: unfassbar, dass sie davon so fasziniert ist. Aber die Platte macht tatsächlich einen schweren Eindruck. Dunkel, ernst, betrüblich. Ein Stück Tod mitten im glänzenden, schillernden Dom.
Danach sitzen wir bei den Schervierschwestern im Handpuppentheater. Gespielt wird das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Ein ganzer Saal fiebert mit, ob Luise, das hundertste Schaf, endlich wieder auftaucht. In einem Nebenstrang ärgert ein Huhn den Schäferhund, weil es neidisch auf dessen Rolle ist. Der Hund jammert. Er ist traurig. Meine Tochter schaut mich an – mit einem Gesicht, das sagt: Das ist doof. Ihr tut der Hund leid. Das ist nicht die klassische Deutung des Gleichnisses. Aber für sie ist in diesem Moment klar: Wer traurig ist, braucht Trost. Da muss etwas geschehen. Sie ist erleichtert, als es am Ende für alle gut ausgeht.
In der Citykirche empfängt uns ohrenbetäubender Lärm. Hunderte Kinder sitzen auf dem Boden, jedes mit einer kleinen Trommel in der Hand. Es klopft, dröhnt, scheppert – mal im Takt, mal völlig frei. Mein erster Impuls: Das ist zu laut. Meine Tochter findet das nicht. Sie trommelt einfach mit.
Begeisterte Kinder bei der Trommelreise des Kinderpilgertags in der Aachener Citykirche.
Dann beginnt die Trommelreise. Die Geschichte des Franziskus und sein Sonnengesang – Laudato si, gelobt seist du – werden in den Rhythmus hineinerzählt. Laut, wild, gemeinschaftlich. Kein Kind ist allein. Ich denke: So muss Glaube sein. Kein erklärtes Arbeitsblatt. Er muss durch Hände, Ohren, Bauch und Herz gehen.
"Die schlaflosen Nächte haben sich gelohnt"
Am frühen Nachmittag, bei fast 30 Grad, versammeln sich erschöpfte kleine Pilger im Schatten des Katschhofs. Manche sitzen auf dem Pflaster, manche liegen halb über ihren Rucksäcken. Bischof Helmut Dieser tritt vor sie hin und sagt, Müdigkeit gehöre manchmal zum Pilgern dazu. Dann gibt er den Reisesegen. Meine Tochter hört nur halb zu – und zieht mich danach entschlossen an der Hand. Sie will ein Foto mit dem Bischof. Für Papa.
Kurz darauf kommt Bischof Dieser noch einmal auf Riemann-Marx und ihr Team zu. Er habe so viel positives Feedback von den Kindern bekommen, das müsse er einfach weitergeben. Riemann-Marx lächelt.
